Kultur : Es wird zwei Staaten geben und zwei Jerusalems

Der Poet als politischer Kopf: Amos Oz und sein neues Buch „Allein das Meer“ – eine Begegnung mit Israels berühmtestem Schriftsteller in Berlin

Peter von Becker

„Bitte stellen Sie mir doch erst ein paar literarische Fragen zu meinem neuen Roman – und lassen uns nicht gleich über Arafat, Saddam Hussein, Bush, Sharon reden!“ Because, Amos Oz spricht Englisch, „because I don’t want Arafat, Saddam or Sharon to hijack my book immediatly.“ Israels berühmtester Schriftsteller, der in meist übervollen Sälen in Deutschland gerade sein jüngstes Werk vorstellt, hat damit nicht nur die wahre Rangordnung betont. Er hat mit Ironie und souveränem Lachen auch in Berlin das Publikum gewonnen, das er zugleich nicht enttäuschen will. Keine Sorge, fügt er hinzu, ich werde anschließend auch alle Ihre politischen Fragen beantworten.

Ein Poet aus Israel, zumal als Protagonist der „Peace now“-Bewegung, der unlängst noch vor 50000 Menschen in Tel Aviv geredet hat, wird angesichts der zweiten Intifada und eines möglichen Irak-Krieges sofort als politischer Botschafter gesehen. Nur zu gut weiß das Amos Oz, dessen gelegentliche Zeitungs-Äußerungen schneller und weltweit natürlich in größeren Auflagen als jeglicher Roman verbreitet werden. Aber er möchte sich vom täglichen Krieg und der in Israel unvermeidlichen Allgegenwart des Politischen nicht völlig vereinnahmen lassen. Wobei dieser Schriftsteller – das ist außerhalb Israels kaum bekannt – einst als Panzeroffizier im Sechstagekrieg gekämpft hat und wie kaum ein zweiter Intellektueller weiß, was Tod und Todesangst bedeuten. Und auch das: Töten und Tötenmüssen. Oz ist ein Realist, kein Illusionist. Darum redet er seinen Landsleuten und vor allem der eigenen Regierung ins Gewissen, doch ebenso hart und klar spricht er zu den Palästinensern.

Doch zuerst die Poesie. Eben noch in der Kantine des Berliner Ensembles wirkt er freundlich erschöpft von zwei Wochen Reisen und Reden samt Buchmesse in Deutschland. Der gute Kopf grau und fahl, so steigt der kleine, untersetzte Mann im Rollkragenpullover aus dem verrauchten Theaterkeller hoch in die ausverkaufte BE-Probebühne, genießt die deutsche Einführung von Rahel Salamander, deren Münchner (und Berliner) „Literaturhandlung“ gerade 20-jähriges Jubiläum feiert, genießt sie „like music“, legt bald das Jackett ab, zieht die Pulloverärmel hoch – und übernimmt, neben der Hauptrolle, auch die Regie. Oz liest kurze Stücke aus seinem neuen Roman „Allein das Meer“, auf hebräisch, ernst, zurückgenommen – im Wechsel mit dem Schauspieler Rainer Philippi, der die im Suhrkamp Verlag erschienene schöne deutsche Übersetzung (von Frank Heibert) vorträgt.

Aber eine normale Lesung ist das nicht. Es wird auch eine Performance, wird hochintelligente Unterhaltung. Das liegt an Oz, dessen Müdigkeit nun weggeblasen ist und der auch den Conférencier gibt und über den Roman, zwischen den Szenen und dann im Dialog mit dem Publikum, in einer brillanten, im Fabulieren ganz analytischen Sprache spricht. Und mit unerschöpflichem Witz.

Schon das Buch, vor allem das Buch ist ein Wurf. Sieben Personen, im Kern ein Vater, seine eben an Krebs verstorbene Frau und der in den Himalaya abgedüste erwachsene Sohn (plus Freundinnen), sind in poetisch kurzen, balladesken Skizzen über Leben, Liebe, Sex und Tod hinweg verbunden, kämpfend auch, manchmal am Rande des Inzest und doch, so der Autor, einen „erotischen Frieden“ findend. Ob ihn dabei literarische Vorbilder beeinflusst hätten? „Also für Inzest-Motive gibt es natürlich einen literarischen Echoraum, von Sophokles bis Thomas Mann. Aber für meine Erotik“, beharrt Oz mit einem Glitzern im Blick, „bin ich schon selbst verantwortlich.“

Lachen, Beifall. Vor allem das weibliche Publikum hängt dieser Charmebombe von Schriftsteller an den Lippen. Mühelos verknüpft er das Poetologische mit dem Poetischen, Literaturwissenschaft mit Erzählkunst: „Es ist ja in seinen kalkulierten Bruchstücken kein typischer Handlungsroman, sondern eine neue Mischung aus Lyrik und Prosa. Die israelische Kritik hat das sofort einen ,postmodernen’ Roman genannt. Dabei ist er doch prä-archaisch.“ Weil das Buch „aus dem Haus des bürgerlichen Romans mit den gesellschaftlichen Verhältnissen im Wohnzimmer und der Psychologie in der Küche und der Dekonstruktion im Dachboden hinausführt ins Freie. In die alte Landschaft der Troubadoure, der Sänger, die in vielen Stimmen sprechen“. Sind es hier sieben Stimmen wie die sieben Stämme Israels, war das symbolisch? „Dazu sage ich nichts, um die Literaturwissenschaftler nicht arbeitslos zu machen. (Lachen) Aber die Antwort ist: ja.“ (Doppeltes Lachen).Was ist eine gute Übersetzung? „Ein Pianist spielt ein Violinkonzert.“

Am Ende wechselt Amos Oz selbst zur Politik und bekräftigt es noch im persönlichen Gespräch. Sein neues Buch folge nicht direkt der Schmerzspur des täglichen Krieges. Auch das sei ein Einspruch gegen die Welt der Arafats und Sharons (beide seien ein Unglück). Im Übrigen wüssten alle, selbst die Fanatiker der Hamas und die orthodoxen Siedler: „Am Ende des blutigen Tages wird es zwei Staaten geben und zwei Hauptstädte, in West- und in Ost-Jerusalem. Mit Regierungen, ein paar Kilometer voneinander entfernt. Doch keine Rückkehr der 1948 vertriebenen Palästinenser nach Israel. Das ist für beide die Wahrheit – um weiter zu leben.“

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