Kultur : Es zählen nur die Elefanten

Greg Smith über seine Zeit bei Goldman Sachs.

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Im Herbst 2008 ist Greg Smith noch überzeugt, auf der Seite der Guten zu stehen. Der gebürtige Südafrikaner arbeitet im Derivate-Geschäft bei der Investmentbank Goldman Sachs. Zu diesem Zeitpunkt hat Konkurrent Lehman Brothers bereits Insolvenz angemeldet, zwei andere Investmentbanken sind übernommen worden. Vier Jahre später hat er seine Meinung grundlegend geändert: Seine Kollegen handelten skrupellos, schreibt er im März in einem Beitrag für die „New York Times“ und kündigt.

„Die Unersättlichen“, Smith’ Bericht über seine Zeit bei Goldman Sachs, ist nicht der skandalöse Enthüllungsroman, den viele nach dem Artikel in der „Times“ erwartet hatten. Mit dem Satz, die Investmentbanker würden ihre Kunden als Deppen verspotten, hatte der Investmentbanker damals weltweit für Schlagzeilen gesorgt – mit der Folge, dass der Marktwert von Goldman Sachs an nur einem Tag um mehr als zwei Milliarden Dollar eingebrochen war. Eine wunderbare PR für das Buch, an dem Smith damals noch werkelte und für das er einen Vorschuss von 1,5 Millionen Dollar bekommen haben soll.

Auch wenn der 33-Jährige in seinem Buch keine weiteren pikanten Details über die mächtige Investmentbank liefert, lohnt sich die Lektüre. Smith erklärt in einfachen Worten, wie die Wall Street funktioniert und was eine Investmentbank so tut. Finanzlaien können einiges lernen, zum Beispiel, wie Computerfreaks, Anlageprodukte entwickeln, die auch die Banker kaum verstehen.

Smith’ Buch gipfelt in der These, dass sich im Zuge der Finanzkrise die Unternehmenskultur bei Goldman Sachs komplett gewandelt hat. Als er 2000 als Praktikant dort anfängt, nimmt er die Investmentbank als eine Institution wahr, für die die Interessen der Kunden an erster Stelle stehen. Doch nach 2008, schreibt Smith, zählen nur noch die „Elephant Trades“ – jene Geschäfte, die dem Institut eine Million Dollar und mehr einbringen.

Wer eine so mächtige Bank kritisiert, muss mit Paroli rechnen. So schrieben die Banker in einem internen Bericht, Smith sei „ein Versager“, der enttäuscht gewesen sei, weil sein Gehalt lediglich 500 000 Dollar im Jahr betrug. Smith stellt sich als jemanden dar, der zeigen will, wie sich die Unternehmenskultur so stark gewandelt hat, bis es nur noch darum ging, sich an den Kunden zu bereichern. Er will seine Bedenken Kollegen gegenüber mehrmals angesprochen haben. Goldman Sachs bestreitet das. Doch die heftige Reaktion der Investmentbank deutet darauf hin, dass nicht alles, was Smith schreibt, ausgedacht sein kann. Zumindest relativiert es die Worte von Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein, der gesagt haben soll: „Wir tun Gottes Werk.“ Carla Neuhaus

Greg Smith: Die Unersättlichen. Ein Goldman-Sachs-Banker rechnet ab. Rowohlt Verlag, Reinbek 2012. 368 Seiten, 19,95 Euro.

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