Kultur : "Escape to life": Kinder sind wir bis über den Tod hinaus

Kerstin Decker

"Es ist also ein Mädchen", notierte Thomas Mann ins Tagebuch, um den Willkommensgruß an seine erste Tochter wie folgt fortzusetzen: "eine Enttäuschung für mich, wie ich unter uns zugeben will, denn ich hatte mir sehr einen Sohn gewünscht und höre nicht auf, es zu tun."

Ein Jahr später, 1906, wird Klaus geboren. Erika und Klaus sind früh unzertrennlich, was jeder aus dem Umstand ersehen mag, dass Klaus im Alter von fünf Jahren begann, seinen ersten Roman zu schreiben. Eine Unternehmung, die nur durch die Tatsache erschwert wurde, dass Klaus noch gar nicht schreiben konnte, weshalb er Erika alles diktieren musste.

Andrea Weiss und Wieland Speck verfehlen nicht, diese Urszene einer lebenslangen Geschwisterliebe in ihre "Erika und Klaus Mann Story" aufzunehmen. Die Gründung des "Laienbundes Deutscher Mimiker" kommt dagegen kaum vor. Immerhin sahen knapp Zehnjährige sich zu solchem Schritt veranlaßt und dabei nicht in der Lage, die Kinder der Nachbarschaft von diesem Ereignis auszuschließen. "Laienbund Deutscher Mimiker": Welche Zehnjährige verfielen heute auf solche Namensgebungen?

Wunderbar dagegen die Aufnahmen jugendlicher Körperertüchtigung in den bayerischen Bergen. Das alles hatte noch gar nichts Hitlerjugendhaftes, sondern etwas ungemein Freigeistiges. Immerhin lag der deutsche jugendbewegte Aufbruch in die Natur, auch in die eigene, noch gar nicht lange zurück. Sogar Hermann Hesse verfiel damals dem Nacktklettern. Aber kann man sich Thomas Mann beim Nacktklettern vorstellen? Da haben wir sie also schon, die Differenz des Dichters zu seinen Kindern, rein lebensweltlich gesehen.

So genau aber denkt dieser Film nicht. Will es auch gar nicht. Wer möchte schon ewig als das Kind seines Vaters angesprochen werden, noch nach dem eigenen Tod? Das hieße ja, jene Premierensituation von 1925 zu wiederholen, als Erika und Klaus Mann zusammen mit Gustav Gründgens und Paula Wedekind das von Klaus Mann geschriebene Stück "Anja und Esther" aufführten - und die Presse sich sehr wenig für das Stück, überaus lebhaft dagegen für die Kinder des Dichters interessierte. Vielleicht auch für das Verhältnis Erikas zu Pamela und das Klaus Manns zu Gründgens, was nicht hinderte, dass die Schwester Letzteren heiratete.

Aber das kam viel später. "1922 Wechsel von Erika und Klaus nach notorisch schlechten Zensuren und ungebührlichem Verhalten in das Landschulheim Hochwaldhausen", bemerkt dazu die Chronologie. Hochwaldhausen muss in jene eigentümliche Zwischenzeit gefallen sein, da Erika nicht mehr log. Mit sieben hörte sie auf, nach einem Gespräch im Arbeitszimmer (!) ihres Vaters. Mit vierzehn fing sie wieder an. Denn das Kind, urteilt rückblickend die Tochter, ist der natürliche Feind der Gesellschaft. Ein Wissen, dass sie mit ihrem Vater teilte; nur müssen Erwachsene auch noch mit seinen Konsequenzen fertig werden.

Es muss schwer gewesen sein, diesen Doppellebenslauf zu einem Film zu disziplinieren. Das 1000 Kilometer lange Autorennen durch Südeuropa, dass Erika Mann 1931 gewann, konnte man nicht weglassen - den Krankenhausaufenthalt in Marokko zusammen mit Klaus, wegen "übermäßigen Rauschgiftkonsums", dann aber doch. Gut, dass die Filmemacher nicht vereinseitigend in eine Nähe vordringen, die sich unseren immer traumärmeren Zurechnungen entziehen dürfte. Haben wir die Differenz zwischen dem Erotischen und dem Sexuellen nicht fast vergessen? Was weiß unsere Zeit von jener Nähe, die zum Erotischen gehört, dem Sexuellen aber gleichgültig ist?

Sicher war diese Geschwisterliebe auch erotisch gefärbt, anders wird man nicht Teil eines anderen, so wie Erika Mann es sagte nach dem Selbstmord von Klaus Mann: so sehr Teil, "dass ich ohne ihn im Grunde gar nicht zu denken bin". Wahrscheinlich waren sie beide füreinander auch Brückenschläge zum anderen Geschlecht, wie überhaupt der Brückenschlag ihre Existenzform gewesen sein muss - zwischen Zeiten und Generationen. Die beiden waren wohl auch die ersten Vertreter einer authentischen Jugendkultur. Und Weltreisende, Bohemiens.

Dieser Geist wirkt hinein bis in diesen Film. Das Geschwisterpaar Vanessa und Corin Redgrave geben Erika und Klaus Mann ihre Stimmen neben Barbara Nüsse und Ulrich Matthes. Prominent besetzt sind auch die Spielszenen, Ausschnitte aus Klaus Manns Romanen, und doch bilden gerade sie die Schwäche dieses Films. Und noch immer ist nichts gesagt von dem, was Erika und Klaus Mann vor allem ausmachte - ihr Widerstand gegen Hitler von Anfang an.

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