Kultur : Essay: Das Öl und die Uhr des langen Jetzt

Wolfgang Sachs

Die Pyramiden von Gizeh, würden sie heute gebaut, wären wohl zuerst auf einer Website zu besichtigen. So jedenfalls gehen es die Planer eines Monuments an, das den Pyramiden wenn nicht an Größe, so doch an Ewigkeitsanspruch ebenbürtig sein soll. Unter www.longnow.org kann man sich in ihrer Gedankenwerkstatt umtun, wo derzeit die Fundamente für den Bau eines Monuments an die Zukunft gelegt werden. Ein Monument an die Zukunft? Denkmale an die Vergangenheit gibt es ja zur Genüge, aber worin könnte eine Gedenkstätte für die Zukunft bestehen?

Danny Hillis, ihr Erfinder, erklärte sich dazu 1993: "Als ich klein war, redeten die Leute darüber, was wohl im Jahre 2000 geschehen würde. Heute reden sie noch immer davon. Ich glaube, es ist an der Zeit, ein langfristiges Projekt zu starten, das die Leute dazu bringt, über die mentale Barriere der Jahrtausendwende hinauszudenken. Ich stelle mir eine große (Stichwort Stonehenge) mechanische Uhr vor, die von jahreszeitlichen Temperaturschwankungen angetrieben wird. Sie tickt einmal im Jahr, schlägt einmal im Jahrhundert, und der Kuckuck kommt nur zum Millennium zum Vorschein".

Die Uhr, sie ist Mechanismus und Mythos zugleich. Hillis hat von ihr schon einen Prototyp fertig gestellt. Sie steht, wie Steward Brand in seinem Buch "Das Ticken des langen Jetzt" erläutert, für eine neue Zeitrechnung, eine Zeitrechnung der Weitsicht, welche das vorherrschende Getümmel der Kurzsichtigkeit hinter sich lässt. In einer Welt, wo Börsenschluss und Wahltag, just-in-time und e-mail regieren, also kurze Fristen Trumpf sind, da wird mit diesem Monument ein Rahmen aufgespannt, der über die Lebenszeiten von Generationen reicht. Es ist ein Denkmal an die lange Dauer.

Lässt man sich auf das Ticken im Jahrestakt ein, dehnt sich die Gegenwart über Jahre und Jahrzehnte, und die Gedanken wandern unwillkürlich zwischen den Generationen hin und her. Unser "Wir" beginnt, sich entlang der Zeitachse auszudehnen. Fast scheint es sich mit der Uhr um die hochtechnische Version jenes Ritus der Irokesen zu handeln, der Häuptlingen vorschrieb, die Auswirkungen wichtiger Entscheidungen bis in die siebte Generation zu bedenken.

In der Tat, die Nachwelt hat keine Lobby, weder in der Politik noch in der Wirtschaft. In einer immer schneller tickenden Gesellschaft zählt die nächste Umfrage, die nächste Einschaltquote, die nächste Bilanz. Und auch das breite Publikum ist versucht, die Weisheit der Politik am aktuellen Pegelstand des Geldbeutels zu bemessen.

Auf der Strecke bleibt dabei leicht die Vorsorge. Das ist beunruhigend, weil damit Großverschiebungen, wie etwa das allmähliche Ausdünnen des Naturhaushalts, unserer Aufmerksamkeit entgehen. Gerade der langsame, unerbittliche Rhythmus biologischer und klimatischer Zyklen hat kaum mehr Berührungspunkte mit unserem hastigen Zyklus von Wahrnehmen, Entscheiden und Handeln. Wo Zukunftsvergessenheit chronisch wird, da scheint der Horizont der Entscheidungsträger spätestens an ihrer eigenen Pensionsgrenze zu enden. Diese Verkürzung der Wahrnehmung möchte die "Uhr des langen Jetzt" durchbrechen; ihr geradezu unerträglich langsames Ticken erinnert daran, dass die Kurzfristler um des schnellen Vorteils willen allzu leicht Zukunftsklau an den Nachkommen betreiben.

Die Globalisierung des Benzindurstes

Nun wäre es allzu einfach, die aktuelle Ölpreiskrise mit dem Fernblick auf die Zukunft zu beurteilen. Auch wenn im Schlachtenlärm vor lauter Lobbyklagen, demagogischen Parolen und staatserhaltendem Abwiegeln wahrlich kein Ticken des langen Jetzt zu vernehmen ist. Denn was sollte an den Protesten überraschen, wenn der Spediteur für Dieselkraftstoff oder der Familienvater für seinen Heizölvorrat plötzlich mehr als die Hälfte zusätzlich hinblättern muss? Verständlich ist da die Aufregung, obwohl hier auch ein klein wenig Erinnerung gut täte: Der Weltmarktpreis für Rohöl hat, in realen Preisen, erst das Niveau von 1974 erreicht und ist damit nur halb so hoch wie an seinem Höchststand im Jahr 1980.

Was die Aufregung auslöste, ist daher weniger das Preisniveau als der plötzliche Sprung vom Billigpreis zum Normalpreis (wenn es so etwas auf den Ölmärkten jemals geben sollte). Dass die Ökosteuer mit all dem nichts zu tun hat, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, und selbst die Ölkonzerne profitieren nur mit Gewinnen aus der Förderung und nicht aus Verarbeitung oder Verkauf.

Viel mehr schlägt zu Buche, dass mittlerweile auch der Euro zum Opfer spekulativen Drucks geworden ist. Weil Anlagekapital, trotz guter Wirtschaftsdaten in Europa, noch schnelle Renditen aus dem US-Boom mitnehmen möchte, verliert der Euro gegenüber dem Dollar, was wiederum die Ölpreise hochtreibt. Bei unregulierten Finanzmärkten sind eben alle für Währungsschwankungen anfällig; jetzt zwingen diese plötzlich einem Teil der OECD-Staaten höhere Importpreise auf, ganz wie es sonst afrikanischen oder asiatischen Ländern bei importiertem Getreide geht.

Freilich, und das ist die gemeinsame Logik, die sowohl Öl- wie Brotpreisen zugrunde liegt, auch Verschiebungen im Wechselkurs können solche Folgen nur zeitigen, wenn die Nachfrage unelastisch ist: Die seit Jahrzehnten, über einiges Auf und Ab hinweg, langsam aber stetig zunehmende Nachfrage nach Öl auf den Weltmärkten ist der tiefere Grund für den Höhenflug der Preise.

Ein Blick auf die globale Nachfragekurve für Öl lässt ein hinreichend klares Bild erkennen. Eine leicht ansteigende Gerade zieht sich seit dem ersten Ölpreisschock über die Zeitachse, mit einer Steigerungsrate von 1-1,5 Prozent jedes Jahr. Kein Grund zu großer Sorge, möchte man meinen, wäre da nicht der widrige Umstand, dass heute schon fast die Hälfte aller Reserven verbraucht sind. Uneins sind sich Experten nur darüber, ob der Scheitelpunkt der Produktion im Jahre 2010 oder 2020 überschritten wird. Dass danach der Abstieg beginnt, schon erzwungen durch steigende Förderkosten, ist hingegen unstrittig.

Unweigerlich resultiert die sich öffnende Knappheitsschere früher oder später in höheren Preisen - und wenn dann noch Venezuela und Iran, wie vermutlich jüngst geschehen, darauf drängen, die Kartellmacht der Opec auszuspielen, dann wohl eher früher als später. Zumal sich hinter der Nachfragekurve neben einer beruhigenden auch eine beunruhigende Nachricht verbirgt. Trotz ungebrochenen Wirtschaftswachstums steigt zwar seit geraumer Zeit der Verbrauch der OECD-Länder nur mehr ganz leicht, doch die Nachfrage besonders aus den asiatischen Schwellenländern nimmt stärker zu. In Argentinien, Malaysia oder China wächst der Benzindurst. Die Massenmotorisierung der Welt fordert ihren Preis.

Schließlich ist Öl der Energieträger, der wie kein anderer der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seinen Stempel aufgeprägt hat. Hochwertig, leicht transportierbar und wohlfeil, dem Fluss des Öls wurden bald Personenautos, Lastwägen, Flugzeuge, Heizkessel, Stromkraftwerke, Maschinen und Generationen chemischer Erzeugnisse anvertraut. Hauptsächlich Öl befeuerte den Metabolismus der Industriegesellschaft. Autos, Tourismus, Komfortwohnungen, Supermärkte sind die Segnungen des Ölzeitalters.

Doch Segen und Fluch liegen nahe beieinander. Billige Energie hat uns in eine Wirtschaftsweise, in Konsumgewohnheiten, ja in Selbstideale gelockt, aus denen es schwer geworden ist, sich zu befreien. Das Auto ist dafür das beste Beispiel. Die Zeitgewinne, die es uns beschert hat, wurden nicht in weniger Mobilitätszeit, sondern in längere Entfernungen umgesetzt, Entfernungen, die uns jetzt oft zum Autofahren zwingen. Es ist das Dilemma der Industriemoderne, mit der neuen Freiheit zugleich auch neue Abhängigkeit hervorgebracht zu haben. Das hässliche Gesicht dieser Abhängigkeit tritt nun hervor, wenn Zulieferer ihre Macht zeigen, wenn sich Preise erhöhen, wenn unüberwindbare Knappheiten sich abzeichnen, oder wenn ein unerwartetes Verhängnis, wie z. B. Klimawandel, droht. Beim Öl sind alle diese Misslichkeiten angesagt.

Was tun? Wie immer, wenn man sich in einer Sackgasse wiederfindet, ist man gut beraten, den umsichtigen Rückzug anzutreten. Keinen Durchbruch nach vorne, die Grenze kühl akzeptieren, eine andere Richtung einschlagen. Daher wird eine Politik, die den Kopf oben behält, darauf schauen, Optionen in Wirtschaft und Alltag voranzubringen, die es erlauben, mit immer weniger Öl auszukommen. Ja, sie wird in langer Sicht auf den Austieg aus dem Ölzeitalter hinsteuern, nicht um der Moral, sondern um größerer Unabhängigkeit willen. Denn wie im Europa des 18. Jahrhunderts, als die Zeit des billigen Holzes vorüber war, um vom Zeitalter fossiler Energien abgelöst zu werden, so zeichnet sich nun ab, dass die Zeit des billigen Öls zu Ende geht, um allmählich von einer solaren Wasserstoffökonomie abgelöst zu werden.

Aber auch etwas Moral ist nicht zu verachten, sie vermag den Blick für verborgene Gefährdungen zu schärfen. Schließlich hat sich in den letzten fünfzehn Jahren die ungemütliche Ahnung zur Einsicht verdichtet, dass, genaugenommen, nicht die Knappheit, sondern der Überfluss an verfügbarem Öl das eigentliche Problem darstellt. Denn die Grenze für weiteren Ölverbrauch ist nicht in den Tiefen des Bodens, sondern in den Sphären des Himmels zu suchen.

Damit jedoch kommt jene hurtige Antwort ins Rutschen, die in allen Episoden der Ölknappheit rasch zur Hand ist: Scheichs, erhöht die Förderung! Genau diese Antwort - Angebot hoch, damit der Preis gedrückt wird - provoziert den Klimawandel. Um nämlich die Erwärmung der Erdatmosphäre unter 1 Grad Celsius zu halten, darf die Menschheit von jetzt ab nicht mehr als 225 Milliarden Tonnen Kohlendioxid ausstoßen. Aber die bekannten und ausbeutbaren Reserven belaufen sich bereits auf circa 1000 Milliarden Tonnen Kohlenstoff, viermal so viel wie das eigentlich noch verfügbare Kohlenstoffbudget. Jedes zusätzliche Bohrloch, jedes neue Ölfeld ist deshalb eine fatale Entdeckung. Denn mehr Brennstoff heißt: mehr Treibhausgase. Die Folgerung liegt auf der Hand. Es verbietet sich, das Heil in höherer Förderung zu suchen. Sonst könnte man sich alle internationalen Klimaverträge sparen.

Im Übrigen ist es unter dem Blickwinkel guter globaler Nachbarschaft ein eher glücklicher geologischer Zufall, dass das Ölzeitalter in jedem Fall nur eine kurze Episode, gerade mal 100-150 Jahre, in der Geschichte der Menschheit bleiben wird. Denn auf dem Spiel steht auch die Gastlichkeit der Welt. Schaut man auf die Weltlage im Horizont des langen Jetzt, dann drängt sich eine Frage auf, die ans Eingemachte geht: Werden wir in der Lage sein, die Welt für doppelt so viele Menschen wie heute gastfreundlich zu machen, ohne noch dazu die Naturbasis für spätere Generationen zu ruinieren?

Es sieht gegenwärtig nicht so aus, trotz manch überraschender Wendung in Forschung und Technik, dass der Schwund an Wäldern, Fischgründen, Trinkwasser, Humusboden und auch fossilen Energien gestoppt wäre. Im Gegenteil. Jene zwanzig Prozent der Weltbevölkerung, die achtzig Prozent der Weltressourcen konsumieren, sind fröhlich dabei, jene Naturgüter zu verfrühstücken, die zukünftigen Generationen einen auskömmlichen Lebensunterhalt geben könnten. Wie eine Spinne im Netz zieht die globale Konsumentenklasse agrarische, mineralische und energetische Rohstoffe von allen Ecken und Enden der Welt an sich. Tierfutter aus Brasilien, Öl aus Sibirien, Uran aus Südafrika. Überdies eignet sich die Minderheit der Wohlhabenden ein Großteil dessen an, was zum gemeinsamen Erbe der Menschheit gehört: Urwälder, Meere und eben auch die Erdatmosphäre.

Eine Sache der Gastfreundschaft

Dass sich die Wohlständler so breit machen, wäre ja weiter nicht schlimm, wenn von alledem unendlich zu Verfügung stünde. Das ist aber nicht der Fall. Die Natur ist endlich. Da gibt es nur einen Weg, den nächsten Generationen eine Heimat auf der Welt zu bieten, und das ist der geordnete Rückzug der Konsumentenklasse aus der Überausbeutung der Naturressourcen.

Andernfalls ist noch mehr mit Wasserknappheit und Erntekrisen, Unterernährung und Wohnungsnot zu rechnen, die selbst wieder Auslöser für Unruhen, Flüchtlingsströme und Kriminalität sein können. Gut oder schlecht, der Prozess der Globalisierung hat jedenfalls die Wände zwischen den Nationen abgetragen. In einer vernetzten Welt können wir es uns nicht leisten, um unserer Sicherheit und um unserer Selbstachtung willen, dem Schicksal der Mehrheit der Weltbürger den Rücken zuzukehren. Ökologie, in diesem Sinne, ist nicht anderes als Weltbürgerpolitik.

Die Farbaufnahmen von der Erde aus dem All, vor dreißig Jahren von der Apollo heruntergefunkt, hatten uns vor Augen geführt, was die Menschheit vereint, nämlich dass sie einen endlichen Planeten teilt. Vielleicht könnte das Projekt von Danny Hillis und seinen Freunden von der Uhr, welche die Jahre, Jahrhunderte und Jahrtausende zählt, unser Bewusstsein vom "langen Jetzt" schärfen. Der blaue Planet wie auch die Jahrhundertuhr, beide halb Technik, halb Mythos, entprovinzialisieren den Blick. Im Bild von der Erde wurde die "eine Welt" sichtbar; seither ist es möglich geworden, sich eine transnationale Gesellschaft, eine Gesellschaft über Nationen hinweg, vorzustellen.

Mit der Errichtung der Uhr wird der "langen Zeit" ein Denkmal gesetzt; von jetzt ab wird es möglicherweise leichter, sich eine transgenerationelle Gesellschaft, eine Gesellschaft über Generationen hinweg, vorzustellen. Zukünftig werden, ob man will oder nicht, die öffentlichen Angelegenheiten mit einer sozial wie auch zeitlich geweiteten Aufmerksamkeit verhandelt werden müssen. Auch das ist eine Folge der Globalisierung. Sogar Benzinpreise und Steuerfragen werden sich gefallen lassen müssen, auf den Prüfstand der Kosmo- und Generationenpolitik gestellt zu werden. Ob das der Kanzler dieser Regierung auch so sieht, wird sich herausstellen. Immerhin ist er ja vor kurzem zum "Weltstaatsmann" gekürt worden.

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