Essay : Das Weltgericht im Blick

Sperriges Terrain, aber unverzichtbar für die Globalisierung des Rechts, von Nürnberg bis Den Haag: Über Filme zum Thema Internationale Strafjustiz.

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Präzedenzfall. Maximilian Schell (v.l.) verteidigt Burt Lancaster in Stanley Kramers „Das Urteil von Nürnberg“, 1961. Foto: p-a/United Archiv
Präzedenzfall. Maximilian Schell (v.l.) verteidigt Burt Lancaster in Stanley Kramers „Das Urteil von Nürnberg“, 1961. Foto:...Foto: picture alliance / United Archiv

Aggressiv gehen sie vor, von nichts gebremst. Milizionäre im Kongo zerren ein zitterndes Kind auf die Ladefläche eines Lastwagens. Jemand filmt das. Der Junge, höchstens zwölf, ist vollständig unbekleidet. Die Männer werfen ihn hin, Stricke ziehen sich um seine Handgelenke. Das Kind wehrt und windet sich in Panik, wie ein Fisch auf den Planken eines Schiffsdecks. Jemand filmt auch das.

Ereignet haben sich solche Szenen im zweiten Kongokrieg von 1998 bis 2003. Für Warlords wie Thomas Lubanga entführten Soldaten Kinder, die unter Drill und Drogen zu Serienkillern wurden. Als damals Kinder verschleppt, Frauen vergewaltigt, Männer verstümmelt, Hütten abgefackelt und Läden geplündert wurden, hatte keiner der Täter mit der Justiz gerechnet. Doch das Unwahrscheinliche geschah: Was sie wie im Zwang zur Wiederholung kolonialer Gräueltaten angerichtet hatten, brachte einige der Täter in die Räume eines Hochhauses voller Juristen, Akten und Computer, tausende Kilometer vom Tatort entfernt: der Internationale Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag.

Der Internationale Strafgerichtshof
Das undatierte UN-Foto zeigt das Minarett einer Moschee, die aus Lehm gebaut ist, in Timbuktu, Mali. Als 2012 Tuareg-Rebellen mit Unterstützung von islamistischen Milizen den Norden Malis überrannten, übernahm die Ansar-Dine-Miliz die berühmte Wüstenstadt. Im Sommer begannen sie Heiligengräber zu zerstören. Es gelang den Bewohnern zwar einen Großteil der wertvollen Bibliotheken zu retten. Doch ein Teil der Heiligtümer liegt weiter in Trümmern. Die Versprechen der Weltgemeinschaft und der UN-Kulturorganisation Unesco, die Heiligtümer wieder aufzubauen, haben sich bisher jedenfalls noch nicht materialisiert. Dafür hat die rechtliche Aufarbeitung der Kulturzerstörungen im März 2016 begonnen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 41Foto: Evan Schneider/dpa
03.04.2016 23:55Das undatierte UN-Foto zeigt das Minarett einer Moschee, die aus Lehm gebaut ist, in Timbuktu, Mali. Als 2012 Tuareg-Rebellen mit...

Zitiert wird die Filmsequenz mit dem geraubten Jungen in dem deutschen Dokumentarfilm „The Court“ von Marcus Vetter und Michele Gentile, der ab 2. Mai in Kino zu sehen sein wird. „The Court“ versucht ein Porträt des ICC, der 1998 durch das Römische Statut und 120 Vertragsstaaten gegründet wurde. Damit war am Ende des 20. Jahrhunderts eine Art „Weltgericht“ entstanden – eine zivilisatorische Sensation. Erster Angeklagter des ICC wurde im Januar 2009 der Warlord Thomas Lubunga. Im Juli 2012 verurteilte das Gericht den 1960 geborenen Psychologen und Vater von sieben Kindern zu 14 Jahren Haft.

Internationale Strafjustiz entstand erstmals für Nürnberger und Tokioter Prozesse nach 1945, ihre modernen Nachfolger sind den meisten Zeitgenossen noch kaum vertraut. Wenn das über die Nachrichten hinaus geschehen soll, sind gute Filme, Dokumentationen und Berichte zur Globalisierung des Rechts unverzichtbar. Leider gleitet „The Court“ ab zu einer Personalityshow für den Chefankläger Luis Moreno-Ocampo, der zu sehen ist als munterer Manager, telefonierend in der Limousine, zufrieden zurückgelehnt im Chefsessel, in Feierlaune bei einem Erfolg, besorgt allenfalls darüber, dass einiges noch außerhalb der ICC-Jurisdiktion liegt. Damit zielt er nicht etwa auf Nordkorea oder Weißrussland, sondern auf Israels Behandlung der Palästinenser. Neben dem Star Ocampo verblasst hier alles, die Fragmente aus Beweisvideos, die Einsprengsel von Zeugenaussagen und Plädoyers am Tribunal.

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