Kultur : Essay: Der Politiker ist die Message

Tissy Bruns

Niemals werden wir Herbert Wehner im Hotel Lux sehen. Seine Vergangenheit bleibt im Schatten, denn allenfalls ein paar vergilbte Schwarz-WeißFotos dokumentieren, dass es vor dem geläuterten Sozialdemokraten Wehner diesen anderen, den Kommunisten gegeben hat.

Joschka Fischer ist plötzlich lebendig geworden. Nicht der Außenminister, sondern der junge Fischer, der, von dem wir wussten, dass er ganz anders gedacht hat. Es ist die eine Sache, dass wir Fischers Werdegang schon lange kennen. Aber eine ganz andere, wenn wir den jungen Mann in bewegten und unbewegten Bildern sehen können: Wie in Zeitlupe, in vielen Wiederholungen geht sein Arm auf den Polizisten am Boden nieder. Der Straßenkämpfer ist Realität. Für die hitzige Debatte um Joschka Fischer und seine Vergangenheit gibt es viele Gründe. Ganz gewiss ist sie auch ein medial neues Ereignis. Es handelt von der Macht der Bilder, die Menschen schon immer stärker beeindrucken und unbemerkt beeinflussen konnten als das Wort.

"Regieren mit Bild, BamS und Glotze"

Die "Fischer-Debatte" gehört in eine lange Reihe von Ereignissen, die uns das nachhaltige und unbehagliche Gefühl geben, dass sich in der Kommunikation zwischen Regierenden und Regierten alles ändert, dass die Medien überhitzter, die Politiker flacher, das Volk dümmer werden, weil alle Politik zur Unterhaltung, zum Schlagabtausch nach dem Reiz-Reaktionsschema verkommt. Zunächst zeigt der Fall Fischer, dass die Dominanz des Bildes über das Wort auch für den politischen Diskurs unwiderruflich geworden ist. Das ist die eine, gewissermaßen die "mediale" Seite der Angelegenheit. Ganz neu ist sie nicht. Helmut Kohl wusste bereits, dass man die Zeitungen ungestraft hinter das Fernsehen zurücksetzen kann und hat sein Bild mit dem legendären Wahlplakat von 1994 - der Kanzler-Kopf in der Menge, ganz ohne Worte - effizient eingesetzt. Vom Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder, der dann der erste "Medienkanzler" der Republik wurde, wird das Wort kolportiert, regiert werde mit "Bild, BamS und Glotze".

Neu aber ist, dass parallel zur medialen auch eine dramatische Veränderung auf der politischen Seite stattgefunden hat. Erst beides zusammen produziert die Knalleffekte, den Trend zu Sensation, Aufregung und blitzschnellen Themenwechseln. Zehn Jahre nach 1989 hat der Regierungsumzug stattgefunden. Von der befürchteten oder erhofften Berliner Republik wird anderthalb Jahre später wenig gesprochen. Umso mehr aber von einer neuen Berliner Medienwelt.

In die Inszenierungen des Medienkanzlers hat sich in dieser Zeit erkennbare Vorsicht geschlichen. Er hat nach den Reizen des Spiels mit den Medien im ersten Regierungsjahr dessen Tücken kennen gelernt. In seinem zweiten genießt er ganz offensichtlich, dass der CDU-Parteispenden-Skandal die Scheinwerfer von ihm abzieht und er mit seiner Koalition in Ruhe das Regieren üben kann. Interviews, sagt ein Fraktionssprecher, Interviews werden bei uns in jedem einzelnen Satz darauf abgeklopft, ob die Redaktion daraus eine verkürzte Schlagzeile machen kann. Meistens geht es trotzdem schief. Aus Regierungskreisen kann man den Stoßseufzer hören, dass man so etwas wie die Rentenreform "in der Medienwelt von heute" eigentlich gar nicht mehr machen könne.

Bei Politikern jeder Couleur spüren aufmerksame Journalisten so etwas wie mühsam gezügelten Zorn über die Ungerechtigkeit der Welt: Die alte Regel wankt beträchtlich, derzufolge die Medien die Politiker kritisieren und die Politiker sie dafür zu loben haben, weil sich darin die Pressefreiheit ausdrückt.

Der Medienkanzler setzte diese Regel mit einem impulsiven Schuss vor den Bug des Springer-Verlags für einen Moment außer Kraft. Übrigens ist er auch hier wieder medial genial. Denn mit dem Reizwort "Springer" bündelt er den Unmut über die Presse in einem Wort, das ihm ebenso viel Trennschärfe zum anderen politischen Lager sichert wie Zustimmung in der sozialdemokratischen Familie -- und damit auch den Freiraum, das Motto vom Regieren mit Bild, BamS und Glotze nicht auf Dauer außer Kraft zu setzen.

Warum Politiker gern Fußball spielen

Was ist passiert? Dass Politik neuerdings auf das Niveau der Unterhaltungsbranche absinkt und nur noch dann interessant ist, diese Vorstellung nährt sich aus frommen Legenden über die Vergangenheit. Politik war immer auch interessant gewesen, weil sie unterhaltsam war.

Doch dafür steht das alte Gestaltungsprinzip nicht mehr zur Verfügung. Politik zu Zeiten der geordneten politischen Lager und klar unterscheidbaren Parteien vollzog sich in der öffentlichen Wahrnehmung nach der Dramaturgie eines Sportkampfes: Mannschaft gegen Mannschaft. Nicht zufällig ist Fußball traditionell ein Lieblingsspiel von Politikern, denn wie die Demokratie sieht dieses Spiel neben einzuhaltenen Regeln auch Fouls, Tricks und Schwalben vor. Weil eine ungleich größere Zahl von Menschen als heute sich dem einen oder anderen Lager persönlich verbunden fühlte, waren diese Kämpfe äußerst spannend. Die Identifikation mit den Helden Union, Sozialdemokratie oder Liberalen garantierte eine Wahrnehmung nach dem Mustern von Gut und Böse, Freund und Feind, von Siegern und Verlierern, zu denen man sich triumphierend oder trauernd zuordnen konnte. Die groben politischen Lagerwelten - Freiheit, Gerechtigkeit, Ordnung - waren zudem mit einem ganzen Kanon von kulturellen Werten und Codes aus dem Bereich der "feinen Unterschiede" verknüpft, die emotional hoch besetzt waren.

Mit der Auflösung der politischen Lager ist dieses "sportliche" Gestaltungsprinzip des öffentlichen Diskurses über Politik zusammengebrochen. Was tritt an seine Stelle? Nicht Gold und Edelsteine will das Rumpelstilzchen als Belohnung, sondern "der Königin ihr Kind". Und Lebendiges, Fleisch und Blut anstelle fad gewordener Programme und Parteien, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen, erwartet auch der Bürger von der Politik. Er will, mit anderen Worten, weil Partei, Lager, Strömung wenig zählt, Persönlichkeit. Er will den Politiker selbst.

Erst recht wollen ihn die Medien, die - wie wir es aus den USA kennen - das Führungspersonal inklusive Charakter, Familie, Vergangenheit, Affären ins Visier nehmen. Die USA liefern uns auch die Beispiele dafür, dass Medien und Politiker sich dabei auf unberechenbarem Gelände bewegen. Je mehr der Politiker im Interesse seiner Profilierung der Öffentlichkeit von sich preisgibt, desto eher reizt er die Neugier auf das, was sich im Verborgenen noch finden könnte.

Ob eine Enthüllung zum Überdruss am betroffenen Politiker führt oder zum Überdruss an der Medienberichterstattung über die Affäre, darüber können die Akteure auf beiden Seiten immer erst hinterher Bilanz ziehen. Bill Clinton konnte am Ende seiner skandalträchtigen Präsidentschaft jedenfalls nicht über einen Mangel an Popularität klagen. Die USA haben schließlich auch das Beispiel für den Super-Gau einer Mediendemokratie geliefert, in der die Selbstinszenierung des Politikers zum Geschäft gehört. Gore und Bush haben sich so glatt und gefällig in Szene gesetzt, dass das Publikum mangels Unterscheidbarkeit eine klare Entscheidung fast verweigerte.

Der moderne Politiker muss nicht nur über den "bildhaften" Ausdruck seiner politischen Botschaft nachdenken. Die Botschaft ist er selbst. Ob es uns gefällt oder nicht: Die Persönlichkeit des Politikers entscheidet über Glaubwürdigkeit, Hoffnung und Vertrauen, das die Bürger in die von ihm und seiner Partei vertretene Politik setzen können. Die Arbeit am eigenen Bild gehört deshalb in unserer Zeit zur Grundqualifikation des Berufspolitikers, als vierte Eigenschaft neben den drei klassischen, die Max Weber definiert hat: Verantwortungsgefühl, Augenmaß, Leidenschaft.

Das allgemeine Unbehagen an der Mediendemokratie rührt daher, dass Politiker und Medien oft und leichthin vergessen, dass die drei Tugenden der Weberschen Definition nicht überflüssig geworden sind. Wahr ist: Sie sind viel, viel schwerer einzulösen. Die Verantwortung dafür liegt vor allem auf der Seite der Medien. Als "starkes, langsames Bohren von harten Brettern" hat sich Weber die Politik vorgestellt. Langsam? Kein Begriff ist der modernen Medienwelt fremder. Zu Willy Brandts Zeiten hatten die Fernseher von Mitternacht bis 17 Uhr Sendepause. Diesem sozialdemokratischen Kanzler soll es noch möglich gewesen sein, tagelang einfach nachzudenken, weil kein Hahn danach gekräht hat, wo er sich eigentlich befindet. Über Schröder führt "Bild" in der täglichen Rubrik "... und was macht der Kanzler heute?" lückenlos Buch. Zahllose Kameras sind ihm ununterbrochen auf den Fersen, denn zahllose Fernsehsender bringen stündliche Nachrichten. Zeitungen produzieren heute nicht mehr eine, sondern anderthalb Ausgaben täglich und stellen sich darauf ein, ihre online-Dienste in einem zeitlichen Rhythmus zu bedienen, der den Agenturen nahe kommt. Der Bedarf nach Informationen und Nachrichten wächst mit dem Tempo, in dem sie umgeschlagen werden und veralten. So viele News kann das "starke, langsame Bohren" nicht produzieren. Zugleich hat die Medienwelt ihr strukturierendes Ordnungsprinzip - man war unabhängig und zugleich mehr oder weniger schwarz, rot, liberal - ebenso verloren wie die Politik. Was tritt an seine Stelle?

Auch für die Medien steigt der Wert der Ware Persönlichkeit, die nicht so faktennah - denn Charakter ist diffuser als ein Gesetzestext - aber ebenso intensiv hinterfragt werden kann wie die Qualität einer Steuer- und Rentenreform. Auf diesem Gebiet sind der Nachrichtenproduktion keine Grenzen gesetzt, denn jeder Spitzenpolitiker hat eine Unzahl von Parteifreunden. Deren Anmerkungen zu Steuern oder Renten sind immer auch eine Aussage über die Meta-Frage, wie fest der verantwortliche Spitzenpolitiker im Sattel sitzt, ob er wackelt, ob er fallen gelassen wird, eine starke Hand hat oder Führungsschwäche zeigt. Selbst die Nachrichtenagenturen, die den Stoff liefern sollen, aus dem die Schlagzeilen entstehen, machen im Fall Jürgen Trittin zur Schlagzeile einer Meldung, dass Trittin nicht aus den Schlagzeilen kommt. Die Sicht auf den innerparteilichen Streit ist wichtiger geworden als die Schlachten zwischen Regierung und Opposition, jeder Sachstreit zugleich einer um die Macht. Der hohe Verschleiß des Kabinetts Schröder ist deshalb ganz und gar nicht erstaunlich. Mit den schnelleren Verbrauch von Informationen und Nachrichten über Sachthemen wird auch das politische Personal schneller verbraucht. Eben noch hat es danach ausgesehen, als könne die rot-grüne Regierung aus Vergangenheitsgründen in Verlegenheit kommen, da entscheidet sich CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer für das falsche Plakat. Der schwarze Peter wandert heute schnell, vielleicht so schnell, dass womöglich die Fähigkeit zum nervenstarken Aussitzen die allergrößte Tugend in der Politik werden könnte.

Die Medien befinden sich in einer Situation, die das Wort Umbruch in vollem Umfang verdient. Umbruch heißt immer auch Unsicherheit, Aufregung, Übersteuerung. Mit der Macht der Medien, die Politiker und Regierungen an Kleinigkeiten scheitern lassen können, ist es in gewisser Weise bestellt wie mit dem Scheinriesen, der bei näherem Hinsehen immer kleiner wird. Was wird eigentlich auf die Dauer aus den Medien, den "Vermittlern" zwischen Politik und Bevölkerung? Immer schneller, immer direkter liefern sie ihren Stoff in die Wohnzimmer - als hätten sie einen Wettlauf zu bestehen mit dem schnellsten Medium, das jede Art der Vermittlung überflüssig machen könnte.

Das Internet ist als Quelle für den politischen Massenkonsum noch gar nicht auf dem Plan. Aber es wird weniger als ein Jahrfünft dauern, bis es so weit ist. Sein Potenzial, sein Tempo, seine Direktheit drücken deshalb auf alle, auf Agenturen, Fernsehsender, Zeitungen, Zeitschriften. Das Internet wird möglich machen, was sich im Bilder- und Nachrichtentempo der Fernsehsender erst andeutet. Alles, was auf der politischen Bühne geschieht, könnte allen sofort zugänglich sein, ohne Zeitverlust, ohne Interpretation, ohne Informationshierarchien zwischen Regierung und Regierten.

Der Fluch der endlosen Beschleunigung

Doch die direkte e-democracy hat eine unvermeidliche Kehrseite. Denn die Bürger werden in der Welt der schnellen, beschleunigten Information bei bestimmten Konstanten bleiben. Zum Beispiel der, dass sie neben Beruf, Familie, Reisen und Kultur der Politik nur einen begrenzten Raum geben. Es könnte sich herausstellen, dass in der Flut der Bilder die aus der Politik nicht eben die begehrtesten sind: Auch im Internet ist Pamela Anderson interessanter als Bill Clinton. Und dann könnte sich herausstellen, dass zwar alles allen sofort zugänglich ist, aber gleichzeitig alles an allen vorbeigeht.

Was heißt: Mit dem Verzicht auf Interpretation der Bilder und Nachrichten aus der Politik, mit einer unreflektierten Beschleunigung machen sich die Medien im Grunde überflüssig. Das Internet wird alle bisherigen Medien verändern, schon deshalb, weil es das erste Medium sein wird, das alle vorherigen Medien zugleich sein kann. Aber der große Gleichmacher wird es nicht zwangsläufig sein. Die Medien im Umbruch haben das Tempo entdeckt - aber den Wettlauf um die Zeit werden sie gegen das Internet sicher verlieren. Es käme darauf an, dass sie ihre jeweiligen Stärken und Geschwindigkeiten differenzieren und neu definieren. Kein Mensch lebt sein Leben im Tempo mehrerer Meldungen pro Minute; je schneller Bilder und Nachrichten wechseln, desto größer das Bedürfnis nach Reflexion, Erklärung, nach gelegentlichem Innehalten.

Die "digitale Kluft", von der in der Welt des e-commerce die Rede ist, wird nicht nur die zwischen Menschen oder Ländern mit und ohne Zugang zum Internet sein. Die unüberwindbare digitale Kluft wird die zwischen dem Tempo der virtuellen Welt (die auch eine wirkliche Welt ist) und dem Tempo der Lebensbereiche sein, die sich nicht beschleunigen lassen, die niemand beschleunigen will.

Und die Politiker? Sie müssen die Grenzen deutlich machen, an denen der Zugriff auf die politische, die öffentliche Person unerlaubt wird - und sie zuallererst selbst einhalten.

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