Essay : Themenpark Tempelhof

Volksabstimmung? Folks, Stimmung! Eine Flughafen-Vision.

Uli Hannemann
Andree Volkmann
Wo bitte geht's zur Waffel-Ess-Ess? - Illustration: Andree Volkmann.Illustration

Wir schreiben das Jahr 2010. Flughafen Tempelhof, Neuköllns Tor zur Welt. Von hier aus erreichte man lange Jahre die Metropolen des Kontinents: Die im Volksmund sogenannten „Hundekackebomber“ nahmen Kurs auf Graz City und Friedrichshafen, sie flogen nach Dortmund und sogar nach Nürnberg. Doch, ach, im Herbst 2008 war Schluss mit dem harmlosen „Luxus des kleinen Mannes“. Nach zahllosen Beschwerden aus den betroffenen Städten wurde der Flugbetrieb eingestellt, um den Zustrom billigfliegender Krakeeler in Jogginghosen einzudämmen.

Was aber tun mit Tempelhof, diesem monumentalen Nazibauwerk? Allein der Unterhalt eines der größten Gebäudekomplexe der Welt kostete ein Heidengeld! Die bankrotte Stadt war heilfroh, als sich schließlich ein Investor aus dem Umfeld der Walt Disney Company fand, dem sie die leerstehende Anlage zum symbolischen Preis von einem Euro veräußern konnte.

„Stillgestanden, rührt euch, stillgestanden.“ Ein beleibter Kater Karlo in Fantasieuniform brüllt eine Reisegruppe an. Die jungen Amerikaner lachen und knipsen. Sie kommen aus Fucking-off-the-road im Bundesstaat North Boring, einer kleinen Stadt im mittleren Westen der USA. Selbst dort, wo langbärtige Vanish People, unentwegt parachristliche Tiraden murmelnd, in schwarzen Pferdekutschen durch endlose Weizenfelder klappern, kann man Bildungsreisen zum ehemaligen Flughafen Tempelhof buchen.

„Willkommen in Reich’s Park, Schweinhunder“, schnauzt der Dicke. „My name is Göring, Reichsmarschall Göring“, begrüßt er die Besucher im ersten und einzigen Nazi-Erlebnispark der Welt.

„Los geht’s“, rufe ich die Reisegruppe zusammen. „Please go ahead. Everybody has to get his Stempel now!“ Zwar ist auch eine amerikanische Lehrerin dabei, doch ich bin der Führer – das ist Vorschrift. Ich trage eine schwarze Uniform mit Hakenkreuzbinde. Das Verbot verfassungsfeindlicher Symbole ist auf dem gesamten Gelände aufgehoben. Schließlich schafft der Themenpark über fünfhundert Arbeitsplätze, da zeigt sich die Politik nicht unnötig kleinlich.

Durch nicht enden wollende dunkle Gänge führe ich die Schüler zur nächsten Station, der Registrierung. In einer erniedrigenden Prozedur werden alle in einer langen Schlange bis an einen Schreibtisch geschleust, wo sie von einem fiesen Glatzkopf angeschnauzt werden, der jedem herablassend den Stempel „Gefangener der Gestapo“ auf den Unterarm drückt. Damit unterscheidet sich der Vorgang im Grunde kaum vom gewöhnlichen Nacht- und Clubleben dieser Stadt, doch zum Glück wissen das die Gäste nicht. Und weiter geht’s. „Folks, let’s go to the Folks“, scherze ich, und die Gruppe lacht. Sie mögen mich. Prima, das wird mir gute Bewertungen verschaffen, und ich steige irgendwann zum Oberaufseher auf oder werde als Assistant Manager bei McEndsieg, der parkeigenen Imbisskette, die Zubereitung der „Schnitzelburger“ kontrollieren.

Wir zeigen Goofy unsere Stempel und dürfen durch eine Flügeltür passieren. Nun befinden wir uns im Volksgerichtshof, dem sogenannten „Folks“. Einer nach dem anderen wird nach vorne zum Richterpult geführt, von einer Micky Maus in Robe mit den Worten „You arr sentencened to deass, dreckiger Schweinhund“ angeschrien und anschließend mit Konfetti beworfen. Die anderen fotografieren ihn dabei.

Nach den Stationen Krauternte, Erschießungskommando und Führerbunker wartet auf dem ehemaligen Rollfeld einer der Höhepunkte, die „Berlin Wall“. Die passt zwar auf den ersten Blick nicht ins historische Schema, doch das spielt letztlich keine Rolle für die US-Kids, die noch nicht einmal so genau wissen, auf welchem Kontinent sie sich befinden. So tragen die Mauerschützen unter anderem Masken von Angela Merkel, David Beckham und Mahatma Gandhi. Im Zickzack laufen die Parkbesucher über einen glitzernden Parcours. Scheinwerfer leuchten das Gelände aus, ein Megaphon schnarrt „Achtung, Achtung“ – es ist die Stimme von Franz Beckenbauer. Am Ende des Todesstreifens müssen die Schüler die Mauer erklimmen. Sie ist nur anderthalb Meter hoch, doch der Versuch, zwei besonders dicke Mädchen unter unablässigem Platzpatronenbeschuss in den freien Westen zu hieven, erfordert die Solidarität der gesamten Gruppe.

Im Anschluss an dieses wertvolle Gemeinschaftserlebnis haben sich alle eine Stärkung verdient. Jeder Stempel berechtigt zu einer freien Portion am Stand der „Waffel-Ess-Ess“, wahlweise mit „Blood and Honor“ (Kirschgelee und Vanilleeis) oder mit „Roehm’s Revenge“ (Zimt und Zucker). Während sie essen, höre ich die Besucher angeregt diskutieren. Sie zeigen sich vom dargebotenen Realismus sichtlich beeindruckt: So schlimm hätten sie sich das alles im Leben nicht vorgestellt. Eines der dicken Mädchen weint – ich weiß nicht, ob vor Ergriffenheit oder Erschöpfung.

Das laute Heulen des Fliegeralarms bereitet der Pause ein jähes Ende.

Der Autor ist Taxifahrer und Schriftsteller. Den Text entnehmen wir seinem Erzählungsband „Neulich in Neukölln. Notizen von der Talsohle des Lebens“ (Ullstein Taschenbuch Verlag, 192 Seiten, 8 €).

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