Es muss selbstverständlich werden, Kreativität in der Stadt zu halten

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Essay von Tim Renner : Wir sind Berlin
Tim Renner
Nach langer Suche fiel die Wahl auf ihn. Als leidenschaftlicher Apologet des Internets ist sein Kulturbegriff ganz einfach: Kultur für alle!
Nach langer Suche fiel die Wahl auf ihn. Als leidenschaftlicher Apologet des Internets ist sein Kulturbegriff ganz einfach: Kultur...Foto: imago/Future Image

Es sind in erster Linie Künstler und Kreative, die unfreiwillig auch die Entwicklung von Immobilienpreisen antreiben, wie der Sozialwissenschaftler Andrej Holm von der Humboldt-Universität Berlin aufgezeigt hat. Angezogen durch günstige Lebenshaltungskosten und erwartete Freiräume für Selbstentfaltung, siedeln sich Künstler und Kreative, Menschen mit hohem kulturellem Kapital, in vernachlässigten Quartieren an. In der Folge wandelt sich die Wahrnehmung dieser Quartiere von heruntergekommenen zu besonderen Orten. Sie laden sich mit dem kulturellen Kapital ihrer Bewohner auf und werden zu In-Vierteln, die in Romanen und Reiseführern beschrieben werden. Angelockt vom besonderen Image ziehen einkommensstarke „echte“ Gentrifizierer zu. Die Bodenpreise steigen, und es wird in Modernisierung investiert. Die Verdrängung beginnt.

Durch Verkauf und teurere Vermietung werden ökonomische Gewinne eingefahren. Das ursprünglich von den Künstlern mitgebrachte kulturelle Kapital hat sich in ökonomischen Mehrwert verwandelt. Das wusste man in Berlin schon lange. In der Szene heißt die Formel verkürzt: Erst kommen die Künstler, dann die Clubs und Galerien und schließlich die Immobilienentwickler...

Mit Universal haben wir es damals nicht anders erlebt. Als ich die Presse und Gäste auf dem Dach des ehemaligen Eierspeichers an der Oberbaumbrücke begrüßte, hatte die Regie das Rednerpult bewusst gen Norden gedreht. Im Süden war Leerstand im benachbarten Getreidespeicher zu sehen, ein Schrottplatz und die verfallenen Hallen der alten Hafenanlagen, die damals noch einige Künstler, ein Indie Label und Proberäume beherbergten. Auf der anderen Spreeseite waren bereits Clubs und Musikstudios zu finden. Sie alle hatten den Ausschlag für die Mikro-Standortentscheidung gegeben, aber der Blick auf die Innenstadt und den Alex sah deutlich besser aus.

Heutzutage finden sich dort, wo einst kreatives Chaos herrschte, Müll herumlag und Unkraut wuchs, die Showrooms vieler internationaler Luxus-Modemarken, das Produktionshaus Fernsehwerft, Viacom, der Muttersender von MTV und Viva, so wie das Headquarter von Coca Cola Deutschland. Der Getreidespeicher ist gut vermietet, sowohl an Startups wie „Freshmilk“ wie an Ableger der Forschungs-Labs der Deutschen Telekom. Eines der jüngsten Gebäude ist ein Hotel, das über das Thema Musik versucht, Gäste zu binden. Es verfügt über ein Studio, und im Foyer spielt in der Regel eine Band.

Der ehemalige Osthafen boomt. Besser kann man die katalysatorische Kraft der Kreativität kaum veranschaulichen. Die Clubs und Studios auf der Kreuzberger Seite der Spree gibt es dort zum Glück noch, viele Künstler wurden aber bereits verdrängt.

Damit die kreativ getriebene Zuwanderung anhält und die Transformation von kulturellem in ökonomisches Kapital nicht zu einer Verödung von Stadträumen führt, müssen wir diejenigen schützen, die den Boom ausgelöst haben und befeuern. Das sind die Künstler, mit ihren Studios, Ateliers oder Proberäumen. Sie im Rahmen von Luxussanierung, Umwidmungen oder Problemen mit Lärmemissionen zu vertreiben, heißt den Rohstoff zu verlieren, von dem Berlin seit geraumer Zeit lebt. Das Gleiche gilt für Kulturräume wie Museen, Theater, Oper, Konzerthallen und Clubs. Selbst die Karaokebühne im Mauerpark muss unbedingt erhalten bleiben.

Ist Kulturförderung nicht auch Bestandteil von Innovationsförderung?

Es muss selbstverständlich werden, künstlerische Aktivität und Kreativität in der Stadt zu halten, wenn wir die Entwicklung Berlins vorantreiben wollen. Das gilt auch und gerade für die Bezirke, nicht als Anerkennung oder nette Geste gegenüber den betroffenen Künstlern und Kreativen, sondern im Eigeninteresse der betroffenen Stadtgebiete. Orte, die nicht mehr zulassen, was in Berlin Grund für Zuwanderung und Wachstum ist, schaden sich selbst. Der Prenzlauer Berg ist ein Synonym für solch ein Quartier geworden. Wenn sich der Bezirksbürgermeister von Pankow jetzt um die Wiedereröffnung des Knaack Clubs bemüht und sich engagiert für den Erhalt der Ateliers in der Prenzlauer Promenade einsetzt, so ist das kluge Standortpolitik.

Für die wachsende Stadt Berlin bedeutet das, wir müssen Kulturpolitik sowohl zusammen mit Wirtschaftspolitik als auch im Rahmen von Stadtentwicklung denken. Natürlich trägt Kultur ihren Zweck in sich selbst, und Künstler definieren sich nicht über Wertschöpfung, Abstrahleffekte und Quartiersentwicklung. Das ist auch nicht ihre Aufgabe. Eine moderne Kulturpolitik muss sich jedoch in einer Stadt wie Berlin diesen Herausforderungen stellen und handeln. Neben der systemischen Relevanz von Kultur für die Stadtgesellschaft, besteht mittlerweile eine ebensolche für die Wirtschaft und Stadtentwicklung von Berlin.

Wir sollten deshalb offen darüber diskutieren, ob Kulturförderung nicht auch Bestandteil von Innovationsförderung ist. Und überlegen, ob eine Liegenschaftspolitik nicht eine viel engere Einbeziehung von Kultur benötigt. Und wir müssen darum ringen, dass Kultur in gleichem Maße Berücksichtigung in Bebauungsplänen findet, wie es berechtigterweise die Bildung erfährt. Wollen wir unser Wachstum als Stadt sichern, dann müssen wir zusehen, unser Kulturversprechen auch in Zukunft zu erfüllen.

Tim Renner ist seit 28. April 2014 Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten in Berlin. Von 2001 bis 2004 war er Geschäftsführer bei Universal Music. In der kommenden Woche beschäftigt sich der Berliner Senat in einer Klausur mit dem Thema der wachsenden Stadt.

Tim Renner über Berlin: "Ich mag die latente Selbstüberschätzung"
Gestatten, Tim Renner. Hier bei einem Tagesspiegel-Interview am ICC, rechts der Funkturm. Sein Urteil übers ICC: "Das ist wie der Alexanderplatz in Ost-Berlin. Eine herrliche Kulisse für Videoclips mit begrenztem Nutzwert."
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