Essay zur Krise : Das hilflose Europa

Musil, wieder gelesen: Die Bedürfnisse unseres Lebens werden in das Reich der Zahlen transferiert, die sozialen Konsequenzen dabei ignoriert. Die Literatur kann helfen, aus den Krisen des 20. Jahrhunderts zu lernen.

Tomasz Kurianowicz
Wahl oder Zahl. Kaum wurde das griechische Referendum abgesagt, stieg der Dax.
Wahl oder Zahl. Kaum wurde das griechische Referendum abgesagt, stieg der Dax.Foto: dpa

Was heute geschieht, in einem Europa, das seine Ideale aufgeben und seine Bilanzen beschönigen muss, ist der Schritt von einer Gedächtnis- zu einer Zahlengemeinschaft. „Der mathematische Mensch“ der westlichen Welt ist das Resultat einer auf ökonomische Prognostik setzenden Gesellschaft, die Statistik und Kursverläufe über Sinn, Maß und Gerechtigkeit stellt. Wie die vergangenen Wochen zeigen, wissen alle Experten im Kampf mit der Schuldenkrise, dass das Handeln der Politik vom Druck der Märkte dominiert wird. Es geht um die Gewinnung eines ökonomischen Vertrauens, nicht um weitsichtige Zukunftsplanung.

Dabei bewahrheitet sich erstaunlicherweise eine Grunderfahrung moderner Literatur. Je mehr wir der Ratio vertrauen, desto mehr gewinnt der Zufall die Oberhand. Wir leben in einer Kleist’schen Wirklichkeit, in der kontingente Prozesse über das Schicksal ganzer Nationen entscheiden. Vor lauter Krisenmanagement geht die Distanz zu unserer historischen Wirklichkeit verloren. Keiner macht sich Gedanken darüber, vor welcher geschichtlichen Gabelung wir stehen – die Frage verbietet sich, sie klingt pathetisch und wohlfeil. Doch der Blick ausschließlich auf Zahlen, Statistiken, Kurs- und Börsenverläufe macht vergessen, was den Menschen eigentlich ausmacht: die Freiheit der Entscheidung.

Bettelten nicht auch vor 80 Jahren Menschen in New York mit Schildern um Arbeit?

Ist es denn wirklich unangebracht, wenn man das jüngste Geschehen in Athen – die Ausschreitungen, die Proteste – und die demonstrierenden Jugendlichen vor der New Yorker Wall Street mit den Ereignissen des frühen 20. Jahrhunderts vergleicht? Bettelten nicht auch vor 80 Jahren Menschen in New York mit Schildern um Arbeit? Haben Wirtschaftskrisen uns nicht schon einmal den Verstand geraubt? Warum lässt diese Mahnung uns kalt?

Wir Europäer haben das Erinnern verlernt. Dabei vergessen wir, wie viel Kraft und Mühe es gekostet hat, Europa aufzubauen, dieses Konglomerat aus Staaten, dessen größte Errungenschaft darin besteht, dass keine Kanonen an den Grenzen stehen. Wirtschaftskrisen sind jene prekären Momente in der Geschichte, in der das Hässliche im Menschen hervorzubrechen droht. Wir haben vergessen, Sprachkritik zu betreiben, die uns daran erinnern könnte, was mit der Europäischen Union auf dem Spiel steht. Philipp Röslers antieuropäische Rhetorik lässt sich anders kaum erklären. Nach dem großen Börsenkrach von 1929 und dem Zweiten Weltkrieg hatten die Europäer kurzzeitig begriffen, dass die Bändigung ökonomischer Triebe das Fundament für ein ausgewogenes gesellschaftliches Handeln ist. Es ging um moralische Unabhängigkeit. Heute werden die Bedürfnisse unseres Lebens auf allen gesellschaftlichen Ebenen in das Reich der Zahlen transferiert, ohne dass die sozialen Konsequenzen bedacht werden.

Eine stärkere Besinnung auf die Geschichte Europas tut not

So lassen sich erstaunliche Parallelen zwischen den Finanzmärkten und der Gestaltung sozialer Kontakte im Internet ausmachen. Netz-User organisieren diese Kontakte nach Nummern und lassen sich ihre Leidenschaften von Algorithmen vorrechnen: Interessen werden mit mathematischen Gleichungen ins Verhältnis gesetzt. Mit der Zukunft Europas ist es wie mit der Intimsphäre auf Facebook. Was zählt, ist die Berechenbarkeit der nächsten Entscheidung. Ein unerwartetes Ausschwenken, die Formulierung einer neuen Wirklichkeit gilt in der Logik des Systems als Risiko, weil es die Freiheit der Entscheidung über die ökonomische Erwartung der Märkte stellt. Der Entschluss, das Referendum in Griechenland abzusagen, ist das beste Beispiel für die Entmachtung einer Bevölkerung, die vor allem berechenbar sein soll.

Wie wir wurden, was wir sind: Eine stärkere Besinnung auf die Geschichte Europas tut not. Die Literatur kann einen dabei als riesiges Erinnerungsgefäß vor Dummheiten bewahren. Robert Musils Aufsatz „Das hilflose Europa – oder Reise vom Hundertsten ins Tausendste“ aus dem Jahr 1922 ist voll von historischen Parallelen. Musil nennt Europa ein „babylonisches Narrenhaus“; seine Analysen treffen auch auf den jetzigen Zustand des Kontinents zu, auf das panische Ineinandergreifen von Weisheit und Ohnmacht. „Aus tausend Fenstern schreien tausend verschiedene Stimmen, Gedanken, Musiken gleichzeitig auf den Wanderer ein, und es ist klar, dass das Individuum dabei der Tummelplatz anarchischer Motive wird, und die Moral mit dem Geist sich zersetzt.“ In Krisenzeiten wird der Mensch offenbar von der Krankheit befallen, die Geschichte seines Werdens zu vergessen. Selbst größte moralische Verfehlungen geraten dabei aus dem Blick: „Die Erfahrung des Kriegs hat es in einem ungeheuren Massenexperiment allen bestätigt, dass der Mensch sich leicht zu den äußersten Extremen und wieder zurückbewegen kann, ohne sich im Wesen zu ändern. Er ändert sich, aber ändert nicht sich.“

Der Mensch ist fähig zur Menschenfresserei - genau wie zur Kritik der reinen Vernunft

Die Chance, eine neue Realität zu formulieren, die sich den Erwartungen der Finanzmärkte widersetzt, ist leicht vertan. Eher werden die Fehler der Vergangenheit wiederholt und der Mensch, der laut Musil der „Menschenfresserei wie der Kritik der reinen Vernunft“ fähig ist, entscheidet sich für Ersteres. Man muss nicht gleich wie der polnische Finanzminister Jacek Rostowski im EU-Parlament vor dem Zusammenbruch der Euro-Zone mit Rekurs auf hanebüchene Kriegsfantasien warnen. Aber im Geschacher um das Schicksal Europas sollte im Bewusstsein bleiben, dass der Kontinent einmal auf Einheit und Solidarität aufbauen wollte.

„Die Politik gar, wie sie heute verstanden wird, ist die reinste Gegnerschaft gegen den Idealismus, fast seine Perversion. Der mit dem Menschen à la baisse spekulierende Mensch, der sich Realpolitiker nennt, hält für real nur die Niedrigkeiten des Menschen, das heißt, nur sie betrachtet er als verlässlich; er baut nicht auf Überzeugung, sondern stets nur auf Zwang und List.“ Er geht vom niedrigsten Motiv aus, indem er allein dem Raunen der Märkte gehorcht, wo die Maus in die Falle tappt. Dass Musil eine Verbindung zwischen Seele und Rationalität, Gefühl und Zahl einfordert, hat gerade im Bewusstsein der historischen Zäsur aktuelle Brisanz. Auch heute geht es nicht nur um das Schicksal der Märkte, sondern um die geistige Verfassung Europas.

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