Essayband "Beckett bei Karl Valentin" : Echt irre

Der Berliner Autor Ingo Fessmann sammelt in seinem Essayband "Beckett bei Karl Valentin" überraschende Begegnungen bekannter Künstler.

von und Sachbuch: Beckett bei Karl Valentin
Später gut Freund mit Charles Laughton: Der Dichter Bertolt Brecht im Alter von 20 Jahren.
Später gut Freund mit Charles Laughton: Der Dichter Bertolt Brecht im Alter von 20 Jahren.Foto: dpa

Nein, sie haben sich nicht alle persönlich gekannt. Die Künstler, Dichter und Denker Kafka und D’Annunzio, Vincent van Gogh und Max Liebermann, Simone de Beauvoir und Brigitte Bardot, Goethe und Mozart oder Dante und Giotto, die der Berliner Rechtsanwalt und Geschäftsführer des Literarischen Colloquiums Ingo Fessmann in seinem zwölf Kapitel umfassenden Essayband „Beckett bei Valentin“ geografisch, emotional oder gedanklich zusammenspannt. Aber manche überraschenderweise schon.

Etwa der Ire Samuel Beckett und der Bayer Karl Valentin, die sich am 1. April 1937 in Valentins „Grusel- und Lachkeller“ in München trafen. Und zwar auf Betreiben von Beckett, der von Valentins Sprachakrobatik fasziniert war. Fessmann schildert die von Beckett in seinem Tagebuch als „really crazy“ kommentierte Begegnung als Treffen zweier depressiver Käuze mit Verständigungsschwierigkeiten und vermutet eine befruchtende Wirkung für Becketts ebenfalls dem Absurden und Grotesken zugeneigte Werke.

Keine Frage, Fessmanns durch Literaturrecherchen mit Gehalt gefüllte Grundidee ist reizvoll. Ein bisschen Was-wäre-wenn-Spiel, also Fantasie, ein bisschen Historie, also Wahrheit. Die beste denkbare Mischung, um ein Feuerwerk der Assoziationsmöglichkeiten und Theorien gegenseitiger Beeinflussung zwischen den Paarspielern zu zünden und so womöglich bisher nicht gesehene Verbindungsfäden durch die Kulturgeschichte zu ziehen. Da Fessmann jedoch lieber Positionen der Sekundärliteratur zitiert als selber Thesen aufstellt, fallen einige direkte und indirekte Paarbeziehungen – wie die von Virginia Woolf und Winston Churchill – atmosphärisch und interpretatorisch übervorsichtig, ja karg aus. So als wolle jemand menschliche Wundertüten auspacken und traue dann deren Inhalt nicht.

Abb.: Zu Klampen Verlag

Andere wiederum sind gut belegt und herzlich erzählt: so die Freundschaft zwischen dem Schauspieler Charles Laughton und Bertolt Brecht, die in der Villa Aurora in Los Angeles begann und in die gemeinsame Arbeit an Brechts Drama „Leben des Galilei“ mündete. Da funktioniert der beabsichtigte Leseeffekt: Das ist ja interessant, habe ich gar nicht gewusst!

Ingo Fessmann: Beckett bei Karl Valentin. Von unglaublichen Begegnungen. Zu Klampen Verlag, Springe 2014. 150 Seiten, 16 €.

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