Essayfilm über Istanbul : Stadt der Katzengötter

Ben Hopkins’ Istanbul-Dokumentarfilm „Hasret – Sehnsucht“ zeigt die verborgenen Seiten der Stadt.

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Historiker, Künstler, Katzengott-Experte: Isa Çelik als Faruk Korkmaz in Ben Hopkins Istanbul-Film "Hasret - Sehnsucht". Foto: Piffl Medien/dpa
Historiker, Künstler, Katzengott-Experte: Isa Çelik als Faruk Korkmaz in Ben Hopkins Istanbul-Film "Hasret - Sehnsucht".Foto: Piffl Medien/dpa

Den britischen Filmemacher Ben Hopkins kennt man hierzulande spätestens, seit er der Berlinale 2006 mit „37 Uses For A Dead Sheep“ den schrägsten Titel des Festivals bescherte. Dabei handelte es sich nicht um eine Komödie über zweckentfremdete tote Schafe, sondern um eine Dokumentation über das unbekannte Volk der Pamir-Kirgisen in der Osttürkei.

Hopkins ist ein ungewöhnlicher, die Genregrenzen gelassen ignorierender Dokumentarist. Bei ihm bekommt man garantiert nicht das, was man erwartet. „Hasret – Sehnsucht“, eine Doku über Istanbul? Eher ein aus Realitätsschnipseln zusammengefügtes Poem, mysteriös, verführerisch, anarchisch, ein wenig verwahrlost. Genau wie die Katzen, die Istanbul bevölkern und von denen der exzentrische Historiker Korkmaz im Film sagt, sie seien eigentlich Gottheiten, deren Beobachtung man ständig ausgesetzt sei.

Bosporus, Basare, Moscheen: Das Touristische hakt Hopkins im Eiltempo ab, genauer: die TV-Reporter, die anfangs am Hafen aus einem Container stolpern – ihr Sender hat sie für den Lowbudget-Auftrag derart mies ausgestattet, dass sie wie Flüchtlinge klandestin einreisen mussten. Schnell filmen sie (Schauspieler, Laien, Hopkins’ echte Crew? – egal) die gewünschten Belebte-Istiklâl-Straße-im-Zeitraffer-Szenen, um sich dann dem politischen Istanbul der Taksim-Proteste gegen die „Einkaufszentrumisierung“ zuzuwenden, dem Müllmänner-Istanbul, der Stadt der Flüchtlinge, der Armen, der Aleviten, der Verrückten, der Tangotänzer und eben der Katzen. Eine Spurensuche: Hopkins, der selbst ein paar Jahre am Bosporus lebte, bevor er nach Berlin zog, will das vergessene, vergangene, verratene, heimlich aber immer noch existierende Istanbul ins Bild setzen, die Seele der Stadt.

Am Ende verwandelt sich „Hasret“ in eine nächtliche Geisterbeschwörung. Auf die Polit-Kapriolen und Impro-Interviews vom Anfang folgt cinema verité in Schwarz-Weiß, mit leer stehenden Altbauten und im Regen glänzendem Kopfsteinpflaster. Aber warum soll ein Filmemacher sich nicht auch mal in seinen Bildern verlieren? Das Kino ist ja nichts anderes: eine Stadt der Träume, der Toten, der Katzengötter.

In Berlin im b-ware! ladenkino, fsk am Oranienplatz, Hackesche Höfe (alle OmU)

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