Essays von Georges Perec : Zersplittert, verzettelt, verschwommen

Fantastisch und philosophisch: In 13 kunstvollen Essays macht sich Georges Perec ans „Denken/Ordnen“.

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Die Briefmarke macht den Klassiker. Georges Perec.
Die Briefmarke macht den Klassiker. Georges Perec.Foto: R/D

Die contrainte, heißt es in der französischen Wikipedia, „ist eine verpflichtende Regel, die die Handlungsfreiheit einschränkt.“ Nüchterner lässt sich nicht sagen, was Georges Perec und seine Schriftstellerfreunde von Oulipo, dem Ouvroir de Littérature Potentielle, an diesem zunächst ganz kunstfernen Zwang so fasziniert hat. Jede Hand, die man sich abhackt, fordert die übrigen Gliedmaßen zu kompensatorischen Höchstleistungen heraus; jede Beschneidung der Freiheit bringt eine neue hervor. Man könnte ja sonst alles erzählen, alles und das ungestalte Nichts, und womöglich geschähe das in den Grenzen einer unbewussten Rhetorik, deren Formeln man sich eben nicht freiwillig unterwirft.

Die berühmtesten Beispiele für Perecs contraintes sind der Roman „La disparition“ (Anton Voyls Fortgang), der ganz ohne den Buchstaben E auskommt, und die Erzählung „Les revenentes“ (dee weedergenger), die sich keinen anderen Vokal als das E gestattet. Texte, die doch nur einen unvollkommenen Eindruck von der ebenso spielerischen wie existenziellen Weite einer Literatur geben, die sich größtenteils jenseits aller lettristischen Programme abspielt. Durch alle Phasen und Verästelungen hindurch lebt sie allerdings von der Auseinandersetzung mit Ordnungsprinzipien, der Gewalt der Grammatik, der Willkür von Taxonomien, der Gnade kultureller und persönlicher Gewohnheiten.

Als der 45-jährige Georges Perec wenige Wochen vor seinem Krebstod 1982 mit „Denken/Ordnen“ (Penser/Classer) den Text veröffentlichte, der einer Sammlung verstreuter Texte posthum den Titel gab, beschrieb er genau, wie sehr Kontrolllust und Kontrollverlust einander bedingen. Der Versuch, den Codes der Welt auf den Grund zu gehen, führte, wie er feststellte, nur dazu, „dass mein ,Denken’ sich nur zersplitternd, verzettelnd und unaufhörlich auf die Fragmentierung zurückkommend, die es ordnen zu wollen vorgab, darüber nachdenken konnte. Was zum Vorschein kam, gehörte völlig in den Bereich des Verschwommenen, des Unentschlossenen, des Flüchtigen, des Unvollendeten“. In insgesamt 13 Texten entstehen Perec-Universen en miniature: Selbsterforschungen, die auch den sprachphilosophischen Essay „Über einige Anwendungen des Verbs wohnen“ einschließen. Auf nur drei Seiten macht er die Kontextabhängigkeit jeder Äußerung mit schwindelerregendem Witz deutlich. „Denken/Ordnen“ ist das mittlerweile sechste Buch, das Diaphanes aus den Hinterlassenschaften anderer Verlage gerettet hat, um die verstreuten Titel vielleicht bald wieder unter einem Dach zu einem Werk zu vereinen, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einzigartig dasteht.

Georges Perec: Denken/Ordnen. Aus dem Französischen von Eugen Helmlé. Diaphanes, Zürich/Berlin 2014. 171 Seiten, 12,95 €.

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