Essen : Teuer Sparen

Der Philharmonie-Streit in Essen schadet der Region

Jürgen Zurheide

Oliver Scheytt ist gut vorbereitet. Seine Mitarbeiter waren hunderte von Papieren und E-Mails durchgegangen, mit dem Auftrag, belastendes Material gegen Michael Kaufmann zu finden. Scheytt, Kulturdezernent von Essen, hat den Intendanten der Philharmonie fristlos entlassen, weil Kaufmann seinen Acht-Millionen-Etat um 750 000 Euro überzogen hatte. Seither tobt in Essen ein erbitterter Streit zwischen Kaufmanns einflussreichen Freunden und der Politik, der den Ruf der Stadt erheblich beschädigt – und das im Vorfeld des Kulturhauptstadtjahrs 2010.

Die Dokumente, die Scheytt (SPD) im Hintergrundgespräch präsentiert, lassen auf den ersten Blick nur einen Schluss zu: Kaufmann ließ jede Bodenhaftung vermissen und zeigte sich uneinsichtig bei der Einhaltung des Etats, egal ob bei der Werbung oder beim Wachdienst. Wurde er also zurecht gefeuert? Zwar hat Kaufmann sich tatsächlich gegen Kürzungen gewehrt, aber fast immer hinzugefügt, dass sie die Qualität des Hauses gefährden. Und in der Bilanz für 2007/08 mit einem Defizit von 815 591 Euro tauchen Einnahmen in sechsstelliger Höhe nicht auf, außerdem gibt es eine rätselhafte Vergrößerung des Defizits im spielfreien Juli um knapp 600 000 Euro. Bei Werbung und Wachdienst blieb man weit unter den Ausgaben des Vorjahrs, hier wurde eine halbe Million Euro erwirtschaftet.

Der Streit verärgert auch die Sponsoren, um die Kaufmann so überaus erfolgreich geworben hatte. Geplant war die Saison mit Einnahmen von 750 000 Euro, eingeworben hatte er knapp 1,6 Millionen – die Differenz wiegt das von der Stadt beklagte Defizit auf. Dass die von der Verwaltung und Kaufmann gemeinsam angesetzten Erlöse aus dem Kartenverkauf unrealistisch waren – hier entstand ein Loch von bald einer Million Euro – kann man Kaufmann wohl nicht allein vorwerfen.

Nun herrscht helle Aufregung. Denn die künstlerische Qualität der Philharmonie mit ihrer preisgekrönten Mischung aus großen Konzerten unter Leitung von Weltstars wie Kurt Masur und erlesener Kammermusik hat dem Renommee der Stadt gut getan. Nun haben die Gönner nachgerechnet, dass ihr Geld nicht für die Kunst, sondern für die Grundausstattung des Hauses eingesetzt wird – eine unerwünschte, ja unerlaubte Verwendung. „Ich darf aus der Stiftung nur die Künstler fördern“, sagt Berthold Beitz von der Krupp-Stiftung, die bereits für den Bau der Philharmonie 13 Millionen und für das neue Folkwang Museum sogar 55 Millionen Euro bereit gestellt hat.

Damit wächst sich der PilharmonieStreit aus, zumal für das Kulturhauptstadtjahr 2010 (1500 Veranstaltungen, 52 Millionen Euro Etat, bisher 10 Millionen Drittmittel) noch Geld fehlt. Schon heißt es aus der NRW-Kulturbehörde, dass Essen sich bei der Finanzierung nicht ausreichend engagiert. Oliver Scheytt jedenfalls, der mit dem Ex-WDR-Intendanten Fritz Pleitgen die Ruhr.2010-GmbH leitet, ist derzeit nicht beliebt bei Geldgebern, auch Pleitgen ist bereits abgeblitzt: Thyssen/Krupp zögert, der neue Evonik Konzern hat vorerst abgesagt. Die Sparmaßnahme Kaufmann kommt Essen teuer zu stehen. Jürgen Zurheide

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