Kultur : Et liecht wat in der Lufft

Skandal aus den 20ern: Mehrings „Kaufmann von Berlin“ an der Volksbühne

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Tumber Tor. Sophie Rois in der Rolle des galizischen Juden Kaftan. Foto: DAVIDS/Huebner
Tumber Tor. Sophie Rois in der Rolle des galizischen Juden Kaftan. Foto: DAVIDS/HuebnerFoto: DAVIDS/Huebner

Das Ganze war ein Skandal. Goebbels wünschte den Autor „an den Galgen“. SA marschierte bei der Uraufführung von Walter Mehrings Stück „Der Kaufmann von Berlin“ im September 1929 vor der Piscator-Bühne auf, die kurze Zeit später schließen musste. Antisemitismus! Hetze! hieß es hier, projüdische Agitation dort. Der „Kaufmann“ spielt 1923, in den Wochen vor der Weltwirtschaftskrise, als nicht nur in Berlin alles drunter und drüber geht. Die Inflation spielt verrückt. Die Franzosen haben das Ruhrgebiet besetzt, kontrollieren die Kohle, weshalb in Berlin nur noch „mit Torf jeheizt“ wird.

Aber die Menschen sind eh alle uff der Straße, um sich durch Handel mit Naturalien über Wasser zu halten. Düstere Etablissements, Kaschemmen, die sich in Banken verwandeln. Aufmärsche der illegalen Schwarzen Reichswehr, Putschversuche der Rechtsnationalen, Pogrome kündigen sich an. In dieses Tohuwabohu setzt Mehring den orthodoxen Juden Kaftan, der mit hundert Dollar aus Galizien kommt, womit man – wenn man sich clever anstellt und von einem rechtsradikalen Anwalt beraten lässt – die halbe Stadt kaufen kann. Am Ende ist Kaftan bettelarm und seine geliebte Tochter Jessl tot.

Es war ein Skandal – aber man muss vor allem über das Bühnenbild sprechen. Genauer: Bilder auf der Bühne. Der Bauhaus-Künstler Laszlo Moholy-Nagy hatte das Bühnenbild geschaffen, spektakulär modern. Filmeinspielungen, laufende Schriftbänder, eine Zeitung schrieb: „...Brücken gehen hoch und nieder...Trams läuten. Autos hupen...Der Raum spielt mit...“ Die Bühne in der Neuinszenierung von Frank Castorf an der Volksbühne stammt von Bert Neumann. Eine echte Flak wird einschoben und spuckt Feuer. Ein echtes Zwanzigerjahremotorrad tuckert ein und spuckt dabei so viel historischen Gestank aus, dass zwei Zuschauer aus der erste Reihe fluchtartig das Theater verlassen.

Ansonsten wird die Bühne ausgefüllt von einer deckenhohen Hutschachtel aus Stoff. Der runde Vorhang kann aufschnurren und offenbart im Inneren weitere Vorhänge, Glitzervorhänge oder einfache Lappen, die aufgezogen das Panorama des Grunewalds präsentieren. Wenn sie sich denn öffnen! Denn dieser zweite Vorhang in der Hutschachtel ist so raffiniert geschlitzt und aufgehängt, kann sich über eine Schiene so virtuos drehen, dass sich mitunter der Eindruck eines Labyrinths ergibt. Statt durch den Vorhang zu treten, werden der rasende Marc Hosemann, die clowneske Sophie Rois oder der melancholisch gefasste Dieter Mann immer wieder von ihm verschluckt.

Sich im Stoff verlieren! Ist das nur einer der vielen Kalauer, die in der Luft liegen, oder Castorf’sche Selbstironie? Es lag nicht nur 1923 und 1929 viel in der Luft, sondern auch vor dieser Inszenierung, einem Coup der Volksbühnendramaturgie. Es kommt viel zusammen. Die Wiederentdeckung eines vergessenen Autors mit einem noch mehr vergessenen Skandalstück, das rund um den Bülowplatz im Scheunenviertel spielt, quasi am Ort der Volksbühne. Inflationssorge, Terrorwarnungen. Die Spannung war also groß – und verflüchtigte sich schnell während der schläfrigen Betrachtung eines Bilderreigens, eines vierstündigen George-Grosz-Gedenkpanoramas. Sitzen ein paar galizische Juden im rumpelnden Zug, bucklig, mit Hut und Zottelbart, reißen die Augen auf wie im Stummfilm, werfen die Hände erregt in die Luft und schreien, statt zu sprechen.

Castorf inszeniert nicht, sondern malt das Grelle, Chaotische, Klischeehafte nach und blättert eine Art dreidimensionales Wimmelbuch der Zwanziger durch. Es geht nicht um politische Bezüge, sondern darum, sich gerührt am Brodeln des Damals zu wärmen, indem man die exaltierten Gesten und formalen Details des Expressionismus nachstellt. Es liegt ein süßlicher Historismus in der Luft, das Sentiment eines Briefmarkensammlers, das sich mit dem derben Humor einer Boulevardbude mischt. Mensch, damals war ja wat los jewesen!

In diesen vier Stunden wird ganz schön was weggeschrien. Am lautesten von Marc Hosemann, der als Cohn und Ernst von Salomon, hauptsächlich als Malocher vom Dienst halsbrecherisch über die Bretter rumst. Auch Sophie Rois brüllt eigentlich nur. Sie ist allerdings ein famoser Kaftan, ein eifriges, gewitztes Rumpelstilzchen – und bis zum Schluss der tumbe Tor, der sich von den Rechten ungewollt instrumentalisieren lässt. Dieter Mann als Schieber und Kaftan-Manipulator Müller ist Gast auf Castorfs Brettern. Der Einzige, der nicht brüllt. Durch seine Stille und knarziges, gemessenes Schreiten verleiht er seiner Figur mehr Tiefe, als Mehring wohl in ihr versteckt hat. Am besten passt Volker Spengler in das Bilderbuch. Wenn Spengler, vergrößert und in Schwarz-weiß auf einer Leinwand, als General Edgar von Stechow mit glubschigen Augen großmundig in ein Telefon schreit – dann spielt er nicht, dann ist er eine Figur von George Grosz.

Berlin sei so glatt geworden, so cool, sagt Castorf im Programmheft. Mehring wiederentdecken, um gegen die Bionadeyuppies vom Prenzl’Berg zu stänkern? In der guten alten Zeit war nicht nur mehr los. Auch der Ehrgeiz war größer.

Wieder am 25. 11. sowie 11., 16., 25., 29. 12.

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