Kultur : Ethnozählreime

Kulturelle Schnittmengen: Eine Reise in die ostkroatische Stadt Osijek

Katrin Hillgruber

Nostalgie begreift der Lyriker Delimir Rešicki als getarnte Angst vor dem Verlust der eigenen Gegenwart. Die verschiedenen Zeitschichten, die in seiner kroatischen Heimatstadt Osijek exemplarisch ausgestellt sind, geben immer wieder Gelegenheit, dieser Sentenz nachzufühlen. Bis heute zeigt etwa die Europa-Avenue, die Prachtstraße der Hauptstadt Slawoniens, ihre Wunden aus dem Jugoslawienkrieg ab 1991. Das Zentrum der 120 000-Einwohner-Stadt an der Drava (Drau) wirkt wie ein slawisches Nancy, parallel zur barocken Altstadt rund um die Zitadelle Tvrda. Das Art-Nouveau-Ensemble der Europa-Avenue zählt zu den wertvollsten des Kontinents, doch da Kroatien noch kein EU-Mitglied ist, fehlt das Geld für eine umfassende Sanierung. Fast jedes der herrlichen Jugendstilhäuser hat faustgroße Löcher, die von serbischen Granateinschlägen stammen. Während der monatelangen Belagerung der Stadt kamen ungefähr 800 Menschen ums Leben.

Osijek liegt nur wenige Kilometer von der serbischen Grenze im Osten und der ungarischen Grenze im Norden entfernt. Die Nachbarstadt Vukovar wurde 1991 fast völlig zerstört. Dijana Pavloviÿ, Kulturredakteurin und Redaktionskollegin von Rešicki bei der Tageszeitung „Glas Slavonije“ („Stimme Slawoniens“) erinnert sich noch sehr gut, wie sie als junge Volontärin die versammelten internationalen Kriegsreporter am Ufer der Drau mit Proviant und Informationen versorgte. Die flache Flusslandschaft mit ihrem stillen Charme lässt bereits die Puszta erahnen. Sie geht in das Naturschutzgebiet Baranja über und ist nach wie vor nicht minenfrei.

Eine vollbusige Sphinx im Stadtpark oder eine langhaarige Göttin als Ornament in der Europa-Avenue künden von Osijeks einstiger Unbeschwertheit und dem Wohlstand seiner Entstehungsphase. Architekten wie Ante Slavicek und Franz Wybird hatten in der zweisprachigen, kunstsinnigen k.-u-k.-Hochburg Esseg stets gut gefüllte Auftragsbücher. Das einstige „Theater der königlichen Freistadt Esseg“, heute das Kroatische Nationaltheater, richtete Festvorstellungen zu den Regierungsjubiläen von Kaiser Franz Josef I. aus. Das „Prothocollum des Stadt-Raths zu Esseg“ wird in seiner deutschen Originalsprache herausgegeben. Es steckt voller Kuriositäten, voller kleiner Geschichten. So beklagten sich im Juli 1791 zwei Bürgerinnen, „Zigeinerinen“ hätten ihnen durch Fütterung „2 Gäns entfrembdet“, gestohlen und gerupft.

Berühmte Söhne der Stadt wie der Satiriker Roda Roda, der Landschaftsmaler Adolf Waldinger oder der zweifache Oscar-Gewinner Branko Lustig künden von der Internationalität Osijeks. Und noch heute sprechen die verbliebenen Donauschwaben das „Esseger Deutsch“.

Delimir Rešicki, der gerade den Hubert-Burda-Preis für osteuropäische Lyrik erhalten hat, wurde 1960 in Osijek geboren. Er entstammt einer aus Polen über Tschechien und Ungarn ins nahe Slawonien ausgewanderten Familie. 1970 besuchte er seinen als Gastarbeiter in München lebenden Vater. Eine bestimmte C & A-Filiale sei ihm damals als „magischer Ort“ erschienen, erzählt er. Diese Gastarbeiter-Erfahrung haben viele kroatische Familien gemacht. „Jede Identität ist ein Konstrukt“, befindet Rešicki. Dennoch wagt er in Gedichten wie „Esseg Tarok“ (abgedruckt in Akzente 2/2008), „Schwalben in der Baranja“ oder „Winter in Osijek“ eine Topografie Slawoniens als Echoraum des alten Pannoniens. Dabei gibt er als Vorbild für dieses Sammeln kultureller Schnittmengen Bruno Schulz an. Ein Poem aus „Arrhythmie“ (Edition Korrespondenzen, Wien 2008), von Alida Bremer in ein wunderbares Deutsch gebracht, trägt den programmatischen Titel „Ethnozählreim“.

Eine metaphysische Desillusionierung prägt Rešickis Lyrik, eine fortwährende Todesnähe und jäh aufblitzende Komik. „Die Sprache spricht genau das aus, was sie nicht sagen kann“, behauptet er, an Lacan geschult. Das gilt auch für das Werk eines anderen bemerkenswerten Künstlers: Ivan Faktor. Der 55-Jährige dürfte europaweit einer der größten Verehrer des Regisseurs Fritz Lang sein. Mit der Zeile „Eine kleine Stadt, verloren in der Vergangenheit“ wird in Langs legendärem Film „M“ (1931) der Schauplatz vorgestellt. Für Ivan Faktor kann mit der „kleinen Stadt“ nur Osijek gemeint sein. Seine kühnen Filmprojekte wirken wie eine Kontrafaktur zu Rešickis geschichtsskeptischen Gedichten voller Aschespuren. In den Filmcollagen „Osijek, eine Stadt sucht einen Mörder“ und „Das Lied ist aus“ übertrug Faktor die düstere, bedrohliche Stimmung der erodierenden Weimarer Republik aus Langs Filmen auf Osijek während des Krieges 1991. Die Übereinstimmung frappiert zutiefst. Zu wackligen Videoaufnahmen von ausgebrannten Autos, verbarrikadierten Häusern und patrouillierenden Soldaten an der Drau erklingen in schnarrendem Deutsch Sätze aus der Originaltonspur von „M“: „Jeder, der neben dir sitzt, kann der Mörder sein.“

Dazu passt, dass zwei Wahrzeichen Osijeks Kinos sind – das dunkelrote Cinema Europa im Stil der Neuen Sachlichkeit und das Jugendstil-Juwel Urania, 1912 von Viktor Arman geschaffen. Durch die Längsstreifen seiner hohen, hellen Fassade wirkt es wie eine Mischung aus Orgel und riesigem Weisheitszahn: ein besonderer Wurf des „Esseger Tarok“, dessen Karten seit Jahrhunderten immer wieder neu gemischt werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben