• Etwas stimmt hier nicht. Es sind die Größenverhältnisse: Neue Arbeiten des österreichischen Künstlers

Kultur : Etwas stimmt hier nicht. Es sind die Größenverhältnisse: Neue Arbeiten des österreichischen Künstlers

Elfi Kreis

Für Beuys fing der Fehler bereits damit an, dass einer loszugeht, um Keilrahmen und Leinwand zu kaufen. Der 1961 geborene Österreicher Lois Renner sagt von sich, er habe spät, aber gerade noch rechtzeitig begriffen, was damit gemeint war. Zu Beginn seines Hochschulstudiums wollt er wie viele einfach nur Maler werden und schöne Bilder malen. Renner versteht sich noch immer als Maler. Als Maler, der mit Malerei über Malerei arbeitet. Das Paradoxe daran: er greift dabei zur Kamera. "Die Fotografie ist für mich das angemessene Medium. Sie ist noch zeitgemäß und liegt auf dem Weg vom Aquarellkasten zum Internet."

Die Galerie Kuckei + Kuckei zeigt fünf seiner großformatigen C-Prints (16 500 bis 20 000 Mark). Es ist Renners dritte Einzelausstellung in Berlin. Zuvor eröffnete Jesco Puttkamer mit Arbeiten Renners seine Galerie in der Auguststraße und vertrat ihn bis zu seinem Wechsel 1998 nach New York. Renner variert immer wieder ein Sujekt, ein gleichbleibendes Ausgangsmotiv: sein eigenes Atelier. Es sind Fotografien, die realistische Einblicke in die Arbeitssituation des Künstlers zu vermitteln scheinen. Über kurz oder lang aber tritt eine unbestimmte Irritation ein, plötzlich macht es beim Betrachter "Klick". Noch bevor man erkennt, worum es sich genau handelt, signalisiert das Auge, hier stimmt etwas nicht: die Größenverhältnisse.

Der Clou von Renners Aufnahmen ist: Er fotografiert präzise Modellbauten seines Ateliers, puppenstubenhafte Miniaturen; inszenierte Modellsituationen. In jedem Bild ist mindestens ein raffiniert in die Komposition integriertes Indiz dafür zu finden. Hier eine im Verhältnis zu den Dingen riesige Espressokanne, dort eine Schraubzwinge an der vermeintlichen Außenwand oder ein teppichgroßes Stück Kleenex. Ein Filzstift am Bildrand, der im Vergleich mit den Raumproportionen die Größenordnung einer Litfasssäule hat oder Aqarellfarbnäpfe, die man zunächst für Farbeimer hält. Zugleich sorgt Renner mit einer Fülle sorgsam arrangierter Dingen und wirklichkeitsgetreuer Details, mit bisweilen konstruktiv verschachtelt Bildebenen für ein perfekte Täuschungsmanöver und lenkt von Schwachstellen seiner Modellbastelei ab. Leitern, Stege, Balken bringen Raumtiefe und stiften visuell Verwirrung. Die Renner komplett macht, wenn er selbst im Bildhintergrund auftaucht. Wesentlich sind für ihn gemalte Miniaturen, die er als Bild im Bild ins konstruierte Raumarrangement eingefügt: so ein Rembrandt-Selbstporträt in Briefmarkenformat. "Mit acht von zehn Fingern muss ich an der Fotografie festhalten, um mit den restlichen zwei zu malen."

Renner geht es um ein ,,Metabild der Malerei", um Grenzen des Sehens und Relativität von Wahrnehmung. Anfangs wollte er mit seiner Art ,,Testbild" die Glaubhaftigkeit der Fotografie prüfen. Später betrieb er ,,Formforschung". Neben Ebenen von Realität und Raum überlagen sich auch die von Zeit. Das Modell zeigt sein erstes Künstleratelier in seinem Salzburger Elternhaus, im ,,Malerbetrieb Renner". Doch nun fotografiert er es wie eine Guckkastenbühne vor dem Hintergrund seines Wiener Ateliers. Dabei läßt er ,,die Leute zuschauen, mit welchen oft schrulligen Methoden die Kunst gemacht wird". Das Interessante an seinem Konzept: Es ist gleich dreifach ein Blick hinter die Kulissen. Hinter die vermeintliche Objektivität der Fotografie, die Illusion der Malerei und die Authenzität beim Einblick ins Atelier. Ein Atelierbesucher möchte nur zu gern einen Zipfel der Kunst erhaschen, direkt am Entstehungsprozess des Kunstwerks teilhaben. Aus seiner Schlüssellochperspektive wird er das nie wirklich können. Stets bleibt seine Rolle die des Voyeurs - bei Renner in einer vergnüglich-unterhaltsamen Peepshow.Galerie Kuckei + Kuckei, Linienstraße 158, bis 16. Oktober; Dienstag bis Freitag 11 - 18 Uhr, Sonnabend 11 - 17 Uhr.

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