Kultur : EU-Agrargipfel: Wenn auch die Hoffnung stirbt

Matthias Thibaut

Nur aus der Ferne durften die Fernsehkameras verfolgen, wie Planierraupen die Schweinekadaver auf den Scheiterhaufen aus Stroh, Eisenbahnschwellen und Diesel schoben. Gelegentlich durchbrach das ferne Geräusch von Schüssen die Stille über der Hügellandschaft von Northumberland. Über 1200 Schweine mussten allein auf der Farm in Heddon-on-the-Wall notgeschlachtet und verbrannt werden. Hier brach nach den Ermittlungen die Maul- und Klauenseuche aus, die nun die britische Landwirtschaft buchstäblich zum Stillstand gebracht hat. Mindestens eine Woche lang ist jeder Transport von Tieren verboten. Bauern sind auf ihren Höfen praktisch eingesperrt.

Schon der Wind soll das Seuchenvirus übertragen können, warnte der Nationale Bauernverband und erinnerte die Journalisten, die zu Dutzenden in die Bauernhöfe einfielen, daran, dass die Einschränkungen auch für sie gälten. Spät am Sonntagnachmittag stiegen dann die Rauchwolken über die von Schnee bedeckten Wiesen Northumberlands. Kälte, so die Wissenschaftler, begünstigt die Verbreitung der Seuche.

Ferne Sorgen

Die Hoffnung, der Ausbruch lasse sich, wie zuletzt 1981, durch aggressive Maßnahmen des Londoner Landwirtschaftsministeriums schnell eindämmen, war schon am Sonntag mittag zunichte geworden, als Landwirtschaftsminister Nick Brown den Seuchenausbruch auch in einem Bauernhof in Devon bestätigte. Es handelt sich um eine Großzüchtung, von der aus Schlachtvieh auch auf den Kontinent exportiert worden sein soll. Es war der Kampf gegen die BSE Krise, der zu Kontrollen und Auflagen bei den Schlachthöfen geführt hatte. Heute gibt es in ganz Großbritannien nur noch 350 Schlachtanlagen, zu denen das Vieh oft Hunderte von Meilen übers Land transportiert werden muss und mit ihm nun wohl auch das besonders lebenstüchtige Virus. Es hat seinen Ursprung in Asien und hat sich nach Angaben der UN-Landwirtschaftsorganisation bereits über die halbe Welt verbreitet.

Aber für die britischen Bauern sind das ferne Sorgen. Viele von ihnen haben nach den Krisen der letzten Jahre längst aufgegeben. Andere stehen seit Jahren permanent vor dem Ruin. Erst hat die BSE-Krise den gesamten Exportmarkt für britisches Rindfleisch im Wert von 650 Millionen Pfund vernichtet. Dann kamen Exportbeschränkungen für britische Schafe. Der hohe Pfundkurs brachte die Landwirtschaft und den Getreideanbau in die Krise - die Einkommen fielen um rund 60 Prozent. In den letzten fünf Jahren ist das Gesamteinkommen der britischen Landwirtschaft um zwei Drittel zurückgegangen.

Umfangreiche Strukturdebatte

Hinter der Statistik verbergen sich persönliche Katastrophen. Im Durchschnitt nahm sich im letzten Jahr jede Woche ein Bauer das Leben, informiert das "Rural Stress Information Network". "Man könnte denken, der da oben hat nicht viel für uns Bauern übrig", sagt Frank Langrish, ein Bauer aus East Sussex. Er kann sich noch gut an die verheerende Maul- und Klauenseuche von 1967 erinnern. Damals waren über 2000 Tiere erkrankt, fast eine halbe Million wurden notgeschlachtet. "Wir haben gelernt, mit dem Schlimmsten zu rechnen. Aber die Maul- und Klauenseuche - wir glaubten, die gehöre zur Landwirtschaftsgeschichte. Gerade jetzt, wo man in Großbritannien glaubte, das Schlimmste der BSE-Krise sei vorbei, hat die neue Krise nun eine umfassende Strukturdebatte über die Zukunft der Landwirtschaft entfacht. "Dies ist der letzte Nagel im Sarg der britischen Schweinezucht", sagte die Züchterin und Wissenschaftlerin Jane Guise. "In ein paar Jahren wird es nur noch fünf großindustrielle Schweinezüchter im ganzen Land geben."

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