Kultur : EU-Außenpolitik: Wer hilft, das Konzept für die neue Außenpolitik zu entwerfen

Markus Frenzel

Gegenüber dem Schreibtisch von Andreas Mehler hängt ein Ölgemälde, auf dem der Wissenschaftler als Superman abgebildet ist, wie er über Hochhausfluchten fliegt. Bestimmt wusste der Künstler von Mehlers Arbeitgeber und dessen himmelstürmendem Auftrag, als er sich eine passende Metapher für den Mann ausdachte. Der deutsche Afrikaexperte arbeitet für das Conflict Prevention Network (CPN), einen internationalen "Think tank" - eine Denkerstube also, die die Europäische Kommission in sicherheitspolitischen Fragen berät. Noch nie hat es ein solches Projekt gegeben - CPN mit Sitz in Berlin ist in Europa einzigartig.

Zum Thema Dokumentation: Fischers Bundestagsrede in Auszügen.
Chronologie: Auslandseinsätze der Bundeswehr
Hintergrund: Die NATO-Operation "Essential Harvest"
Die Aufgaben: Was die Bundeswehr in Mazedonien erwartet.
Die Beteiligten: Welches Land wieviel Soldaten nach Mazedonien schickt "Ziel ist es", sagt Mehler, "dass unsere Papiere direkt in den Entscheidungsprozess einfließen." So wollen die Berliner Vordenker der EU-Kommission das Fundament liefern, auf dem eine europäische Außenpolitik aufbauen könnte. Immerhin grübeln die Brüsseler Verwalter schon seit einiger Zeit darüber, wie sich das Exekutivorgan der Union zur diplomatischen Chefetage entwickeln könnte. Entsprechend misstrauisch wird die Konkurrenz beobachtet, der Think tank, der eigentlich sämtlichen EU-Organen zuarbeiten soll, wie ein Schatz gehütet.

Die besten Experten für jede Krise

In ihrem Ehrgeiz haben die Kommissare für sich eine Strategie entdeckt, mit deren Hilfe sie hoffen, die gewünschte Rolle spielen zu können. Konflikt-Prävention heißt die Formel, die auf eine frühzeitige, aufwändige Diplomatie zur Entschärfung von Krisen setzt, damit militärisches Eingreifen erst gar nicht notwendig wird. Eben darin unterscheidet sich der europäische Ansatz entschieden vom Denken der Amerikaner, die militärischen Interventionen allzu oft den Vorzug geben.

Konfliktprävention ist auch die Haus-Philosophie von CPN, das bereits seit 1997 in der Obhut der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Ebenhausen bei München liegt. Mit deren Umzug nach Berlin wurde CPN ab März 2001 institutionalisiert. Jährlich 800 000 Euro lässt sich die EU das Projekt kosten. Für das Geld liefern die zwölf jungen Forscher, die aus der ganzen Welt kommen, ihre Analysen - pro Jahr fünf umfangreiche Hintergrundstudien, etwa ein Dutzend Infopapiere und ein Jahrbuch.

Neuartig ist die Struktur von CPN. Anders als bei klassichen Think tanks, verfügt es nicht über einen festen Mitarbeiterstab. Einzig die "management unit", vergleichbar der Führung eines Unternehmens, verkörpert materiell die Denkstube. Wendet sich die Kommission nun mit einem Forschungsauftrag an CPN, beginnt das Team, die Fachleute für das zu bearbeitende Thema ausfindig zu machen. "Unsere Aufgabe ist es dann zum Beispiel, den besten Experten für Nigeria zu finden", sagt Jérôme Rivière, der als Projektmanager in Berlin arbeitet. Die Experten sitzen anderswo, in wissenschaftlichen Instituten oder auch bei Nichtregierungs-Organisationen - etwa im Deutschen Übersee Institut in Hamburg oder im Clingendael-Institut in Den Haag. Zu 40 Forschungseinrichtungen unterhalten die Wissensmanager enge Kontakte.

In der EU-Kommission wird die Arbeit der Berliner geschätzt. "Die Analysen spielen durchaus eine wichtige Rolle", sagt Gunnar Wiegand, der Sprecher von EU-Kommissar Chris Patten. Gerade die "flexible Kombination" von Experten sei ein großer Vorteil von CPN, dessen Präventions-Philosophie "absolut der Ansatz" der Kommission sei. So könne man es sich in Brüssel nicht leisten, für jede Krisenregion eigene Spezialisten zu beschäftigen. Und da seien die Studien aus Berlin wichtig, die auch erläuterten, wie eine Intervention aussehen könnte. Selbst in den Vereinigten Staaten begriffen die Diplomaten langsam die Bedeutung von CPN. "Die Kollegen vom State Departement", freut sich Wiegand, "schauen neidisch darauf, was wir aufbauen."

0 Kommentare

Neuester Kommentar