EU-Verfassung : Grass attackiert polnische "Blockadepolitik"

Günter Grass hat während einer Diskussion mit deutschen und polnischen Jugendlichen die polnische Regierung scharf angegriffen. Der Literaturnobelpreisträger warf den Kaczynski-Zwillingen das Aufwärmen historischer Ressentiments vor.

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Grass: "Ich hoffe, dass die Zeit der Zwillinge bald vorbei ist." -Foto: ddp

LübeckDer deutsche Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat der polnischen Staatsführung im Streit um die EU-Verfassung eine "Blockadepolitik" und das Aufwärmen historischer Ressentiments vorgeworfen. Der Schriftsteller (79) attackierte bei einer Diskussion mit deutschen und polnischen Jugendlichen in Lübeck Staatspräsident Lech Kaczynski und Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski. Diese "merkwürdigen Zwillinge" nähmen die Kooperation mit rechtsradikalen Parteien mit antisemitischen Tendenzen in Kauf. "Ich hoffe, dass die Zeit der Zwillinge bald vorbei ist", sagte Grass.

Die Blockadehaltung schade der gesamten EU, denn eine gemeinsame Verfassung würde den europäischen Prozess fördern. Die EU sollte nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts mit zwei Weltkriegen und Diktaturen ihre Friedenspotenz einsetzen, auch mit Blick auf die aktuelle Politik der USA und Russlands.

Polen hat vor dem EU-Gipfel am Wochenende in Brüssel deutlich gemacht, die von der amtierenden EU-Ratspräsidentin, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), und zahlreichen EU-Ländern vorgesehene Regelung für künftige Mehrheitsentscheidungen in der EU nicht akzeptieren zu wollen. Statt der doppelten Mehrheit - mehr als die Hälfte der Bevölkerung und mehr als die Hälfte der EU-Staaten - will die polnische Führung eine so genannte Quadratwurzel-Berechnung für die Stimmgewichte der einzelnen EU-Länder durchsetzen. Polen würde dadurch mehr Stimmgewicht innerhalb der EU bekommen und Deutschland weniger.

G-8-Gipfel hat junge Generation aufgeweckt

Grass mahnte außerdem EU-weite Mindestlöhne und Sozialstandards an. Unterschiedliche hohe Löhne in den einzelnen Staaten könnten latente Fremdenfeindlichkeit schüren, auch wenn dies nicht beabsichtigt sei. Über den G-8-Gipfel in Heiligendamm meinte er rückblickend: "Außer Spesen nichts gewesen." Das einzig Positive sei die Erkenntnis, dass eine lange politisch kaum interessierte junge Generation offensichtlich durch die Themen Globalisierung und Klimaerwärmung sich für politische Zusammenhänge zu interessieren beginne.

Der Nobelpreisträger las vor der Diskussion aus seiner Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel". Das Treffen im Carl-Jacob-Burckhardt-Gymnasium stand im Zeichen des 1985 gestorbenen deutschen Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll (1917-1985), der in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden wäre. Die polnischen Gäste vom Nikolaus Kopernikus Lyzeum und dem Fremdsprachenkolleg in Bydgoszcz (Bromberg) boten eine szenische Lesung über "Das Außenseitertum im Werk Heinrich Bölls", basierend auf mehreren Texten des Schriftstellers. In Bromberg war Böll während des Zweiten Weltkriegs kurze Zeit stationiert gewesen. (mit dpa)

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