Eugen Ruge im Interview : „Das Beste an Lenin ist sein Bart“

29.01.2012 00:15 UhrVon Interview: Jens Mühling und Björn Rosen

Der Vater verbrachte Jahre im Gulag und glaubte trotzdem an den Sozialismus. Eugen Ruge wuchs mit Beatmusik und FDJ-Hemd auf – und glaubt an seinen Vater.

Wie Eugen Ruge in den Westen kam.

Wie hat der Westen auf Sie gewirkt?
In der ersten Zeit habe ich Saatgut für einen Großhandel in Krefeld ausgefahren. Ich hatte ja kein Geld, war nur mit einer Reisetasche in den Westen gekommen. Einmal fuhr ich eine Lieferung zu einem Einzelhändler, der mich wütend fragte: Wieso kommen Sie erst jetzt? Ich habe doch schon vorgestern bestellt! Das war, glaube ich, der Moment, wo ich begriff, wie ungeheuer groß der Abstand zwischen der DDR und dem Westen war.

Wenn man alte Bilder von Ihrem Vater sieht, fällt auf, wie ähnlich Sie sich beide sind.
Lustig, gestern sagte ein Kollege von Ihnen, dass ich ihm überhaupt nicht ähnlich sehe.

Erkennen Sie manches von ihm an sich wieder?
Ja. Zum Beispiel die strikte Vormittagsarbeit und einen gewissen Drang zur Regelmäßigkeit und Ordnung, obwohl ich mich jahrelang geweigert habe, das anzuerkennen.

Und politisch?
... sehe ich den Kapitalismus zunehmend kritisch, wie er. Und ich verstehe, dass man soziale Utopien wachhält. Nur: Bevor man ein Wort wie Systemwechsel in den Mund nimmt, sollte man sich umdrehen und zur Kenntnis nehmen, was passiert ist beim letzten Systemwechsel.

Ist das eigentlich ein Lenin- oder ein Trotzki-Bart, den Sie da tragen?
Das Beste an Lenin, rein äußerlich, ist sein Bart. Es gibt ein Foto, das zeigt ihn bartlos, als er gerade aus dem finnischen Exil zurückkommt, kurz vor dem Oktoberumsturz – da sieht er erstaunlich uncharakteristisch aus, man erkennt ihn kaum. Vielleicht ist es das auch bei mir – der Wunsch, etwas Charakteristisches im Gesicht zu haben.

Von Lenin lernen ...
... heißt Bart tragen, genau.

Wie hat Ihr Vater den Zusammenbruch der DDR verkraftet?
Er war erschüttert. Am Ende seines Lebens vor dem Scherbenhaufen seiner Überzeugungen zu stehen, war schwer zu verkraften. Und er vereinsamte politisch. Die bürgerlichen Historiker wollten nichts mit ihm zu tun haben, er konnte nur im „Neuen Deutschland“ publizieren – und was er dort Kritisches etwa über Lenin schrieb, ist ihm von einigen seiner ehemaligen Genossen stark verübelt worden. Das reichte bis zu Morddrohungen.

Seine Gulag-Erinnerungen erschienen 2003 schon einmal – in einem kleinen kommunistischen Verlag. Sonst interessierte sich damals keiner dafür. Nun wird das Buch im Fahrwasser Ihres Erfolgs sicher eine ganz andere Aufmerksamkeit bekommen.
Ich habe von meinem Vater sehr viel gelernt. Was er mir über die Geschichte unserer Familie erzählt hat, war eine wichtige Anregung für meinen Roman. Ich hatte immer große Angst vor der Vorstellung, ihn eines Tages als alten Mann pflegen zu müssen. Aber als es dann passierte, war es gar nicht so schlimm. Ich hatte eher das Gefühl, dass ich etwas zurückgeben konnte von dem, was ich von ihm bekommen hatte. So ähnlich geht es mir jetzt auch mit dem Buch. Und das macht mich sehr glücklich.

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