Eugen Ruge im Interview : „Das Beste an Lenin ist sein Bart“
29.01.2012 00:15 UhrWie sein Vater lachend die schrecklichsten Geschichten erzählte.
Dabei hat er in der Familie und vor Freunden doch offen über die Zeit im Lager gesprochen.
Ja, aber in anekdotischer Form. Er konnte lachend die schrecklichsten Geschichten erzählen: Einmal, sagte er, haben sie im Lager ein krankes Pferd vergraben, das habe ich ausgebuddelt und gefressen – roh! Beim Schreiben des Buchs dagegen hat er versucht, sich tatsächlich an die Ereignisse zu erinnern, sie im Wortsinn in sein Inneres zurückzuholen. Und das fiel ihm sehr schwer.
In der Trauerrede für ihn sagten Sie 2007, er habe das Leben genossen, wie man es nur kann, wenn man dem Tod mehrmals von der Schippe gesprungen ist.
Das wurde mir erst nach dem Tod meines Vaters richtig klar, beim Schreiben meines Romans. Als Kind nimmt man die Personen, die einen umgeben, ja einfach hin. Und mein Vater war fast immer gut gelaunt. Der verstand gar nicht, wie andere es nicht sein konnten.
Im Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ beschreiben Sie eine Familie, die der Ihren sehr ähnelt.
Auch wenn ich die Figuren an lebende Vorbilder anlehne, hat sich keine der Geschichten genauso abgespielt. Der Kurt zum Beispiel ...
... die Vaterfigur, ein gefeierter DDR-Historiker ...
... kehrt aus dem sowjetischen Lager mit einer Art Fresssucht zurück. Das trifft auf meinen Vater nicht zu. Aber aus dieser Suchtidee ist eine Figur entstanden, die ich mit vielen biografischen Details meines Vaters ausgerüstet habe.
Ihr Buch erschien vier Jahre nach dem Tod Ihres Vaters. Meinen Sie, er hätte es gerne gelesen?
Nein. Denn in meinem Roman wird Kurt als Demenzkranker beschrieben, und alles, was mit Krankheit und Alter zu tun hatte, war ihm verhasst. Ansonsten wäre er gerecht genug gewesen, um zu sehen, dass eine Figur entstanden ist, die ihm entspricht. Vielleicht war er als Historiker ein bisschen kühner als Kurt. Andererseits gibt es in seinen Büchern auch haarsträubende Passagen, etwa über die positive Rolle der Sowjetunion in den 30er Jahren. Getarnt durch diese Art Anbiederung – er nannte es Schmus – wollte er ein paar wichtige Gedanken durch die Zensur schmuggeln.
Die „Zeit“-Kritikerin Iris Radisch nennt Ihr Buch den „großen DDR-Buddenbrooks-Roman“. Wird er im Osten anders aufgenommen als im Westen?
Sagen wir es so: Eine Tendenz zur Entwertung von DDR-Biografien gibt es nicht nur vonseiten des Westens, auch die DDR-Bürger selbst haben sich immer zweitklassig gefühlt. Bei Lesungen kommen manchmal Menschen aus der ehemaligen DDR auf mich zu und sagen: Danke, Sie haben mir ein Stück meines Lebens zurückgegeben.
Andere Leser waren weniger begeistert. Ihr Onkel Walter, der ebenfalls in einem sibirischen Lager saß, warf Ihnen vor, Sie hätten ihn symbolisch ermordet.
Quatsch! Im Roman kommt Kurts Bruder im Lager um, aber das ist nicht mein Onkel, sondern eine literarische Figur. Die, die meinen Onkel tatsächlich fast ermordet hätten, denen hat er interessanterweise verziehen. Nach seiner Rückkehr in die DDR idealisierte er zunehmend, was er in Russland erlebt hatte. Meine Cousine wusste nicht einmal, dass ihre Eltern im Lager gewesen waren. Sie fand es erst mit 15 heraus.






