Kultur : Euphorie zum Runterladen

Gut laut: Die Arctic Monkeys sind das Pop-Wunder der Stunde

Kai Müller

Sie werden geliebt. Nein, wirklich: Die Arctic Monkeys, die das abgeklärte Kritikerherz nur als die nächste durchs Pop- Dorf getriebene Sau an sich vorbeirasen sieht, werden aufrichtig geliebt. Wie lange nichts mehr. In ergebener Bewunderung entflammt hat eine im Internet vernetzte Fangemeinde die vier Jungs aus Sheffield zu Stars gemacht, ohne dass eine Platte von denen irgendwo hätte gekauft werden können. Erst heute erscheint das Debütalbum der Band unter dem salomonischen Titel „Whatever people say I am, that’s what I’m not“. Und zwar bei demselben Indie-Label (Domino), für das sich auch Franz Ferdinand entschieden, nachdem sie es ohne professionelle Hilfe in die Charts geschafft hatten.

Das passiert immer häufiger: Bands werden berühmt, ohne über die von den Plattenmultis kontrollierten Kanäle vermarktet worden zu sein. Der Hype um Newcomer wie die bei den Brit-Awards viermal nominierten Kaiser Chiefs greift dem kommerziellen Erfolg weit voraus. Meist haben sie gerade genug Stücke für ein halbes Konzert geschrieben und retten sich mit Coverversionen über den Rest, da gelten sie bereits als neue Hoffnungsträger. Nur ein Schwindel? Gewiss doch, ein schöner. Denn die alten Regeln gelten nicht mehr. Seit in der Popmusik wieder Gitarrenbands triumphieren, die in den Spuren des Punkrock ihre Adoleszenzprobleme feiern, ist ein Hunger nach jugendlichem Ungestüm und dem Furor des Unbedarften entstanden.

In Deutschland profitierten zuletzt Kettcar und Wir sind Helden vom Nimbus des antikapitalistischen Außenseitertums, nachdem sie ihre Musik an den üblichen Vertriebsgepflogenheiten vorbei einer rapide wachsenden Anhängerschaft zugänglich gemacht hatten. Das mächtigste Medium für den neuen Underground ist das Internet. „Haben die Arctic Monkeys das Musikgeschäft verändert?“, fragte der „Guardian“, nachdem Sänger Alex Turner und seine drei Mitstreiter mit der Single „I Bet You Look Good On The Dancefloor“ aus dem Nichts einen Nummer-1- Hit in den britischen Charts gelandet hatten.

Die Arctic Monkeys existieren seit eineinhalb Jahren. „Es gab niemals einen Plan mit dieser Band“, erklärt Turner verdutzten Journalisten die Euphorie, die das Quartett umgibt, seit es erste Demo-CDs von der Bühne herab verteilte. Die illuminierten Zuhörer stellten die Songs ins Netz, von den Musikern selbst besaß nach eigenem Bekunden keiner einen Anschluss. Sie hätten die CDs auch deshalb nicht verkauft, weil sie die für nicht gut genug erachteten. So zog das, was nun „das große Ding“ ist, langsam seine Kreise. Und in Musikmagazinen zirkulierten bald wundersame Geschichten über das Sicheinsfühlen einer Generation, die ihr Leben in den Griff kriegt und sich über das Internet ihre Helden selbst erschafft.

Das hätte nicht geklappt, wenn die Musik von Turner, Gitarrist Jamie Cook, Andy Nicholson am Bass und Drummer Matt Helders, die allesamt an der Schwelle des Twentums stehen, nicht so großartig wäre. Schnell ist sie, laut, direkt und krachend. Vergleiche mit The Who, The Clash oder The Jam, den Säulenheiligen einer hyperaktiven Spielart des Brit-Pop, liegen auf der Hand. Gehen aber an dem fröhlich-tanzbaren Aufwind-Rock der Arctic Monkeys vorbei. In ihren Songs geht es um Mädchen, die man anbetet, aber nicht bekommt, und die, die man bekommt, aber nicht anbetet. Um Türsteher, die ständig Leute an einem vorbei in den Club winken. Das klingt nie deprimiert oder hilflos. Kurioserweise bedient sich „Red Light Indicates Doors Are Secured“ aus demselben Rifffundus wie der Helden-Hit „Gekommen um zu bleiben“. Die Melodien der Arctic Monkeys fressen sich weniger als große Wegweiser ins Hirn. Es ist vielmehr eine unauslöschliche Wendung, eine Kadenz, die der rohen Energie verzerrter Gitarren und rasender Beckenschläge Glanz gibt. Man ertappt sich dabei, eine Songzeile wieder und wieder nachzusummen, nur um ihren Clou richtig im Kopf zu haben. Großartig.

Wer das kann, wäre früher oder später sowieso erkannt worden. Trotzdem ist es nicht egal, dass eine Schar von MP3-Boten den Durchbruch erzwungen hat. Dass die Songs umsonst zu haben waren, hat ihren Wert nur gesteigert. So zwingt ein Internetforum wie Myspace, wo man einander als „Freunde“ betrachtet, auch die etablierten Stars, ihre Musik zu verschenken, um im Geschäft zu bleiben. Das ist die Zukunft. „Ohuuho, what do you know“, jault Alex Turner, „you know nothing, but I still take you home.“ Freunde gibt es überall.

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