Kultur : Euro: Er zahlt sich aus

Sabine Heimgärtner / Benjamin Leonardt

Es wird stürmisch. Ab heute, auch in Deutschland. Jetzt ist er da, der Euro, jetzt kann ihn jeder anfassen, der will, und ihn befühlen. Mal gucken, wie er aussieht, ob er den Deutschen schmeckt? Sie können ihn jetzt kaufen, nur noch nicht mit ihm bezahlen. Das Zeitalter des Euro-Bargelds beginnt für die Deutschen mit der Ausgabe der ersten Münzen am heutigen Montag. Die Geldinstitute haben sich für den erhofften Andrang mit den "Starter Kits" genannten Münzmischungen gewappnet. Die "Schnuppermischung" im Wert von 10,23 Euro (20 DM) soll die Deutschen zwei Wochen vor der größten Geldtauschaktion in Europa mit Cent und Euro vertraut machen. Am 1. Januar 2002 löst der Euro die nationalen Währungen dann als Zahlungsmittel ab.

Neben den Deutschen werden heute auch die Menschen in Portugal und Griechenland zum ersten Mal den Euro in Händen halten können. Andere Länder haben schon die ersten Erfahrungen gemacht, Irland, Holland und Frankreich bereits am Freitag.

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Ted: Der Euro - mehr Vor- oder mehr Nachteile? Der französische Wirtschaftsminister Laurent Fabius hatte diesem 14. Dezember entgegengezittert und befürchten müssen, dass sich sein Land unter den neugierigen Augen aller anderen elf Euroländer schrecklich blamiert. Denn trotz Streikandrohungen von Bank- und Postangestellten sowie Verspätungen bei der Lieferung der neuen Münzen war ausgerechnet Frankreich für die Euro-Premiere auserkoren. Dann die Entwarnung: Schon wenige Stunden nach Mitternacht waren die durchsichtigen Beutel mit 40 blitzblanken Münzen an der durchgehend geöffneten Pariser Hauptpost ausverkauft. Später sah man lange Schlangen vor Banken, kleineren Poststellen und Tabakläden und hörte in den Nachrichten einen begeisterten Finanzminister: Die Probebeutel mit der neuen Währung gehen weg wie warme Semmeln. Na also, doch ein bisschen Euro-Leidenschaft, die sich Fabius vorher so sehnlichst von den Franzosen gewünscht hatte. In einem Interview mit der Tageszeitung "Le Parisien" hatte er moniert, den Franzosen mangele es an Begeisterung für die neue Währung.

In Finnland hatte die Zentralbank offenbar nicht damit gerechnet, dass der Euro sich derart gut verkaufen würde. Mit insgesamt 500 000 Starter Kits bekäme in dem skandinavischen Land rechnerisch nur jeder Zehnte ein Päckchen Euro-Münzen. "Die Leute kaufen bis zu fünf Päckchen", sagte eine Verkäuferin in einer der Ausgabestellen in Helsinki.

Skepsis und mangelnde Begeisterung sagt man auch den Deutschen nach. Mit Schwung sind zumindest schon Frankfurt und Köln gestartet. Dort hatten die Geldinstitute bereits zum Sonntagabend zur "Euro-Nacht" geladen. Bei einem Euro-Weihnachtsmarkt wollte der Chef der Dresdner Bank, Bernd Fahrholz, die ersten Päckchen verteilen. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wolfgang Clement sollte in Köln die ersten Euro-Münzen in die Hand bekommen.

In den deutschen Ballungsräumen wie der Hauptstadt wird damit gerechnet, dass die Beutelchen bis Mittwoch völlig ausverkauft sind. Sparkassen und Volksbanken haben jeweils 100 000 Tüten zusätzlich abgepackt. Sollten die Institute keine Säckchen mehr haben, können die Banken ihnen auch lose abgezählte Münzen verkaufen. Dies werden sie aber wegen des Zeit- und Arbeitsaufwandes nur ungern tun. Anders als etwa in Köln gelten in Berlin die normalen Öffnungszeiten.

Noch unmittelbar vor der Ausgabe der ersten Münzen in Deutschland musste Bundesbank-Präsident Welteke die Gemeinschaftswährung erneut gegen Kritik verteidigen. "Der Euro ist so stabil wie die D-Mark", sagte er am Sonntag im Südwestrundfunk (SWR/Baden-Baden). Auch der ehemalige Finanzminister Theo Waigel hält Sorgen über die gemeinsame Währung für unbegründet. In einem Interview des Deutschlandfunks nannte der CSU-Politiker den Euro "die Antwort Deutschlands auf die Globalisierung".

Nach einer vom ZDF veröffentlichten Umfrage der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen unter mehr als 1200 Bürger begrüßen zurzeit 50 Prozent der Bürgern die Einführung des Euro, doch sind ebenso viele kritisch eingestellt. Vor allem Frauen (60 Prozent) betrachten den Euro mit Misstrauen. Die Männer sind dagegen zu 61 Prozent positiv gestimmt. Durchweg größere Vorbehalte gegen den Euro haben die Menschen in Ostdeutschland. Dort könne sich derzeit nur 34 Prozent der Befragten mit dem Euro anfreunden.

Mittlerweile haben die Deutschen in den letzten Jahren offenbar riesige Mengen unversteuerter Barbeträge rechtzeitig vor der Euro-Einführung auf Auslandskonten untergebracht. Nach einem Bericht des "Focus" sind auf der Haupttransfer-Strecke Stuttgart-Zürich vom Zoll allein in diesem Jahr zwei Milliarden Mark Schwarzgeld sichergestellt worden. Im Jahr 2000 waren es noch 600 Millionen Mark weniger. An der Grenze zu Luxemburg konfiszierten deutsche Zollbeamte in den vergangenen drei Jahren nach Angaben des Magazins 1,8 Milliarden Mark Schwarzgeld.

Mit der Ausgabe der Münzmischungen beginnt der größte Geldtausch der Geschichte. Bisher war der Euro nur als "virtuelle" Währung an den Devisenmärkten sowie auf Kontoauszügen und in Unternehmensbilanzen aufgetaucht. Insgesamt wurden für die mehr als 300 Millionen Bürger der Euro-Zone gut 185 Millionen Münzmischungen zum Kennenlernen angefertigt. Mit insgesamt 53,5 Millionen sind in Deutschland, dem größten Land der Währungsunion, die meisten Starter Kits produziert worden.

Anders als die einheitlich gestalteten Euro-Scheine, die zum Jahreswechsel in Umlauf gebracht werden, präsentieren die Münzen auch nationale Symbole der Mitgliedstaaten des Euroraums. So können die Deutschen auf den in der Bundesrepublik geprägten Münzen den Bundesadler, das Brandenburger Tor und das Eichenlaub wiedererkennen, die ihnen von der Mark her vertraut sind. Auf den Münzen der anderen Euro-Länder finden sich bei identischer Vorderseite auf der Rückansicht die französische Marianne, der belgische König Albert II., die griechische Eule der Weisheit und Italiens großer Dichter Dante. Österreich schickt Wolfgang Amadeus Mozart ins Rennen, Spanien König Juan Carlos I., Luxemburg Großherzog Henri I., Portugal sein erstes königliches Siegel von 1134, Irland die keltische Harfe, die Niederlande Königin Beatrix, und Finnland ist mit seinem Wappentier, dem Löwen, vertreten.

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