Kultur : Euro: Mit Höhen und Tiefen

Martina Ohm

Bei den deutschen Verbraucherzentralen stehen die Telefone nicht still. Die Deutschen sind auf die Einzelhändler nicht gut zu sprechen. Rund 70 Prozent der Bürger glauben Umfragen zufolge fest daran, dass der Handel die Euro-Bargeldeinführung ungeniert zu versteckten Preiserhöhungen nutzt. Spektakuläre Einzelfälle nähren den diffusen Verdacht, selbst vom Tante-Emma-Laden an der Ecke über den Tisch gezogen zu werden. Der Euro-Wucher, so hat es den Anschein, kennt keine Grenzen. Ob Schwartau, Blendamed oder Pampers - allesamt bieten sie der Kundschaft mittlerweile weniger für ihr Geld.

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Ted: Der Euro - mehr Vor- oder mehr Nachteile? Inwieweit der Euro tatsächlich schuld an den diversen - offenen oder versteckten - Preiserhöhungen ist, ist im Einzelfall schwer nachzuweisen. Fest steht: Längst nicht alle Händler sind so skrupellos und sparen an der Ware. Und: Längst nicht alle sind bereit, die Kundschaft durch höhere Preise zu vergraulen. Beispiel Ikea: Das Möbelhaus hat ein neues Sortiment im August eingeführt, ohne die Preise zu erhöhen. Beispiel Aldi: Der Discounter will seine Marktführerschaft mit dauerhaften Preissenkungen festigen. Termingerecht zum Euro.

Tatsächlich, sagt Robert Weitz, Chefvolkswirt und Euro-Beauftragter des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels, halten sich die Preiserhöhungen und Preissenkungen durch die notwendigen Auf- und Abrundungen mittlerweile die Waage. "Doch das Vorurteil, dass der Euro alles teurer macht, hat sich in den Köpfen festgesetzt." Viele Konsumenten, stellt auch der Hamburger Sozialpsychologe Erich Witte fest, sind förmlich auf der Suche nach Beweisen für überzogene Preiserhöhungen - um ihre Vorurteile zu bestätigen. Auch die Verbraucherzentralen bestätigen: Selbst der Grundsatz der Vertragskontinuität wird von vielen Bürgern in Frage gestellt. Dabei gehört der zum Grundprinzip der Währungsumstellung: Alle laufenden Verträge, Lebensversicherungen, Darlehen oder Arbeitsverträge behalten ihre Gültigkeit. Die Einführung des Euro gibt niemandem das Recht, einen Vertrag einseitig zu kündigen oder neu zu verhandeln. Verträge müssen centgenau umgerechnet werden - genau wie Einzelhandelspreise.

Verunsicherte Kundschaft

Schon vor einem Jahr warnte der Einzelhandelsverband seine Mitglieder vor unüberlegten Preiserhöhungen im Rahmen der Euro-Bargeldeinführung. Die Kundschaft soll nicht verunsichert werden, beschworen die Vertreter der Bundesbank die Verantwortlichen in den Geschäften. Ohne Erfolg. Weil es in Deutschland - abgesehen von der Buchpreisbindung - keine gesetzlichen Möglichkeiten gibt, in die Preisgestaltung einzugreifen, sagte der Einzelhandel im Rahmen einer freiwilligen Selbstverpflichtung zu, die Währungsumstellung nicht für Preiserhöhungen zu nutzen. Anders als in Frankreich, wo 300 offizielle Preiskontrolleure seit November mit Papier und Bleistift durch die Geschäfte streifen und jede verdächtige Preisbewegung protokollieren, müssen Karstadt, Rewe oder Spar sich hier zu Lande sozusagen selber disziplinieren.

Das gelingt mit ganz unterschiedlichem Erfolg. Der Hauptgrund: Der Handel will auch in Zukunft nicht auf seine Schwellenpreise verzichten. Mit dem bloßen Umrechnen von Mark in Euro ist es also nicht getan. 1,99 Mark ergeben nämlich den krummen Betrag von 1,02 Euro. Weil das beim Kunden nicht ankommt, bleiben zwei Möglichkeiten. Entweder die Preise werden - kundenfreundlich - um drei Prozent auf 99 Cent gesenkt oder um sieben Prozent auf 1,09 Euro erhöht. Im Lebensmitteleinzelhandel freilich schlagen selbst geringfügige Preissenkungen krass zu Buche. Die Margen sind derart gering, dass Preisabschläge unrealistisch sind.

Komplizierte Mischkalkulationen

Darum hat sich die Branche in den meisten Fällen für komplizierte Mischkalkulationen entschieden - mit Preissenkungen und Preiserhöhungen. Für die Übergangszeit wurden die Konsumenten mit ungewohnt krummen D-Mark-Beträgen konfrontiert. Ein eher Verwirrung stiftendes Phänomen.

Die Euro-bedingte Teuerung, schätzt Weitz, bleibe sicher unter einem Prozent. Damit liegt der Einzelhandelsverband am unteren Rande kursierender Hochrechnungen. Der Präsident der Landeszentralbank Berlin-Brandenburg, Klaus-Dieter Kühbacher, spricht von rund drei Prozent Teuerung. Selbst dafür hätte die Kundschaft womöglich Verständnis, wenn es den Verantwortlichen gelungen wäre, die wahren Kosten der Währungsumstellung transparenter zu machen. Tatsächlich nämlich hat der Einzelhandel eine der Hauptlasten der Euro-Einführung zu tragen. Neue Kassen, Personal-Schulung und Kosten der Euro-Vorratshaltung - alles in allem entfallen auf die Branche von bis zu zehn Milliarden Mark.

Entscheidendes Manko freilich bleibt, dass die Chance zur Aufklärung verspielt und die vielerorts höheren Preise in den wenigsten Fällen nachvollziehbar sind. Ob höhere Energie- oder Lebensmittelpreise letztlich die Waren verteuern oder Schulungskosten oder diverse Investitionen, erschließt sich der Kundschaft nicht. Da hilft auch kein Trost der Statistiker: Die können bislang beim besten Willen keine drastische Euro-bedingte Teuerung erkennen. Im Gegenteil: Seit Mai ist die Inflation hier zu Lande von 3,5 Prozent auf 1,7 Prozent gesunken.

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