Kultur : Euro-Umstellung: Sättigungsbeilagen

Wieso kostet das Rührei plötzlich 8, 22 Mark? Der frisch gepresste Orangensaft 5, 87? Der Apfelstrudel 8, 41? Wer sich heute in Berlins berühmtem Café Einstein dem gehobenen Frühstück hingeben will, fühlt sich beim Blick auf die Speisekarte jählings in die Zeiten totalitären gastronomischen Asketentums zurückgeworfen. Schmerzhafte Erinnerungen werden wach an Mauer, Schießbefehl, Letscho und Club-Cola. Mein Gott, entfährt es dem verwirrten Gast, das sind ja fast Preise wie weiland in den Mitropa-Gaststätten der DDR!

Mit Schaudern gedenkt der ehemalige West-Transitreisende der Kaffeeplörre, die er in der Ost-Raststätte zwischen Leipzig und Herleshausen für 1,18 Ostmark schlürfen, und der Soljanka, die er für 3,41 oder eine ähnlich windschiefe Summe hinunterwürgen durfte. Hat übrigens irgendwer je verstanden, warum der SED-Staat seinen VEBs und HOs diese kuriose Preisgestaltung verordnet hat? Stand dahinter ein besonders ausgetüfteltes Rechnungs- und Verrechnungssystem? War das nur falsch verstandene altpreußische Pedanterie? Oder handelte es sich gar um eine Art Beschäftigungstherapie für gelangweilte Bürokraten, die sich hier ein wenig kreative Blödelei erlauben durften, weil das DDR-Geld eh nichts wert und es daher sowieso egal war, was wieviel kostete?

Natürlich merkt jeder - auf den zweiten Blick - dass für die Renaissance der ungeraden DDR-Preise lediglich die bevorstehende Währungsreform verantwortlich ist. Etablissements mit Weltniveau wie das "Einstein" haben ihre Preise jetzt schon in Euro ausgeschrieben und setzen den noch immer real zu berappenden DM-Betrag daneben. Und weil sie dabei natürlich streng korrekt vorgehen, wird noch der letzte Pfennig hinter dem Komma akribisch genau berechnet.

Hat also alles eine einfache Erklärung, ist alles im grünen Bereich. Und doch: Angesichts der gespannten politischen Lage in der deutschen Hauptstadt lässt einen das unheimliche Gefühl nicht los, da könnte mehr dahinter stecken. Kann es Zufall sein, dass man uns gerade jetzt wieder an schräge lebensweltliche Phänomene gewöhnen will, die verdächtig an die Zustände im Realsozialismus erinnern? Sind da finstere Mächte am Werke, die uns mit geschickter psychologischer Kriegsführung auf die bevorstehende Machtergreifung der PDS und die darauf folgende Restauration der kommunistischen Diktatur vorbereiten wollen?

Der nächste Schritt im Rahmen dieser subtilen Bewusstseinsmanipulation wäre dann wohl eine Werbekampagne mit Plakaten, auf denen im Hintergrund eine Stadtansicht von Rothenburg ob der Tauber zu sehen ist. Darüber die Aufschrift: "Die Mauer hat es nie gegeben."

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