Kultur : Euro: Währungsprobe bestanden

Martina Ohm

Über Nacht hat sich die Szene verändert. Noch vor kurzem, wissen Psychologen zu berichten, wurde der Abschied von der Mark mit Wutausbrüchen und Weinkrämpfen quittiert. Stärker als im Westen war die Mark in Ostdeutschland Kern der nationalen Identität. Und zumindest in einem zeigten sich die Deutschen auf der Zielgeraden zur Gemeinschaftswährung vereint: In der Skepsis gegenüber dem Euro.

Zum Thema Online Spezial: Euro - Das neue Geld ist da!
Der Jahreswechsel konfrontiert uns mit neuen Tatsachen. Der Euro ist im Leben angekommen. Und: Die Deutschen nehmen die Währung an. Die Menschen, über die Jacques Delors einst sagte: "Nicht alle glauben an Gott, aber alle an die Bundesbank", offenbaren sich als kühle Rechner und wahre Euro-Fans. Den meisten kann es nicht schnell genug gehen. Schon zum Wochenende wurde im Einzelhandel häufiger mit Euro bezahlt als mit Mark. Nur bei den Niederländern sind jetzt bereits mehr Euro in Umlauf. Vielleicht entspricht der offenkundige Zuspruch deutscher Gründlichkeit. Vielleicht sind die Gründe auch nahe liegender: Jetzt gibt es keine Alternative mehr, und das lange Warten hat endlich ein Ende.

Immerhin erfüllt sich ein uralter Traum. Die Idee einer gemeinsamen Währung geht schließlich im Kern auf die 50er Jahre zurück. Damals, 1957, wurden die Römischen Verträge zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft von Deutschland, Frankreich, Italien und den drei Beneluxländern unterzeichnet. Das war die Grundlage für den Prozess der europäischen Integration, der stets mit dem Gedanken der wirtschaftlichen Integration - als Schrittmacher - verbunden war. Ganz im Vertrauen darauf, dass das ökonomische Sein doch irgendwie das Bewusstsein bestimme. Aber erst jetzt ist der Traum vom gemeinsamen Geld Wirklichkeit geworden - auch das gibt Anlass zur Freude.

Zur positiven Stimmung dürfte außerdem die Tatsache beigetragen haben, dass das Projekt Euro als vorläufig gelungen bezeichnet werden kann. Die großen Pannen sind bislang ausgeblieben. Nur vier Fälschungen in vier Tagen. An Kassen und Schaltern warten die Menschen überwiegend mit Geduld. Nachsicht dominiert.

Und noch eines hat die Laune verbessert: Die großflächigen Inserate der Einzelhändler und Lebensmitteldiscounter, die mit nennenswerten Preisabschlägen locken. Dank Euro. Das diffuse Misstrauen, mit der Währungsumstellung selbst vom Tante-Emma-Laden über den Tisch gezogen zu werden, scheint jedenfalls verflogen.

Der Euro-Start zeigt: Eine weitere Bewährungsprobe ist bestanden. Dabei konnte man mit dem bisher Erreichten auch schon zufrieden sein. Die erste Bilanz, die seit der Einführung als Buchgeld vor drei Jahren gezogen wurde, kann sich sehen lassen. Noch nie war das Preisniveau in Deutschland so stabil wie seit 1999. Trotz höherer Ölpreise, trotz BSE-Krise und trotz schwachem Wechselkurs zum Dollar. Der Binnenwert, das entscheidende Kriterium für den Erfolg der europäischen Geldpolitik, stimmt.

Die Erfahrung freilich zeigt: Die erste Begeisterung legt sich auch rasch wieder. Ist man erst zur Tagesordnung zurückgekehrt, wird man genau wissen wollen, wie stark der Euro auf Dauer wirklich ist. Noch ist Europas Steuerpolitik nicht koordiniert. Doch vor den Problemen von morgen müssen zunächst die von heute gelöst werden. Ein erster Rückschlag wäre programmiert, würden die Deutschen 2002 die Defizitquote verfehlen. Schwierig wird es angesichts der Konjunkturflaute und steigender Arbeitslosenzahlen allemal, das öffentliche Defizit unter der Obergrenze von drei Prozent des Bruttoinlandproduktes zu halten, wie es im Stabilitätspakt fixiert ist. Doch höhere Schulden, die der Wirtschaft mehr Schwung verleihen könnten, sind tabu. Im Namen des Euro.

Dagegen sind in puncto Stabilität, das heißt Preisstabilität, vorerst keine Probleme in Sicht. 1,5 Prozent Inflation werden für den Euro-Raum in diesem Jahr erwartet. 2001 dürften es 2,5 Prozent geworden sein. Ein Kaufkraftgewinn von über zehn Milliarden Euro. Klar ist außerdem: Der Devisenhandel wird - trotz Begrüßungsbonus für den Euro - auch künftig mehr Vertrauen zum Dollar und zur Wirtschaftskraft der weltweit größten Volkswirtschaft USA haben als zur jungen Währung der zwölf EU-Staaten. Für Europas Konjunktur ist das nicht das Schlechteste. Denn ein schwacher Euro erleichtert die Exporte. Die eigentliche Arbeit freilich muss erst noch geleistet werden. Noch ist die Konjunkturerholung nicht in Sicht. Wollen sich die Europäer nicht auf den US-Aufschwung verlassen, müssen sie jetzt entschlossen Reformen weiterführen: in der Arbeitsmarkt-, Sozial-, Struktur- und Finanzpolitik.

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