Kultur : Europa, berstend vor Talent

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Von Ulrike Kahle

Die Liebesszene zwischen einem russischen Vierzehnjährigen und einem Rollstuhl-Mädchen in Rot, als behutsam distanziertes Spiel mit zwei roten Handschuhen an langem, weißem Faden. Ein Alptraum, düster, poetisch, mit sparsamen Requisiten, Plastikblumen, einem Klavier, drei Kinosesseln, ein krauser, kruder Bilderbogen, grotesk, und tief verstörend. Eine Passionsgeschichte von heute: Der zarte, fantasievoller Junge wird verraten, benutzt, vergewaltigt und schließlich, bei seinem Versuch sich an seinen Peinigern zu rächen, ermordet. „Plastilin“, diese hoffnungslose Geschichte des jungen Dramatikers Wassily Sigarew über einen Jungen am Rande der Gesellschaft, wird von Regisseur Kyrill Serebrennikow in eine fast heitere, tänzerische Bildersprache überführt, die sehr russisch anmutet in ihrer drastischen, nie banalen Poesie.

Je genauer und je tiefer sich ein Stück, eine Inszenierung mit den speziellen Gegebenheiten eines Ortes beschäftigt, desto wirkungsvoller ist es auch im Ausland.

Tatsächlich haben die Begründer der Theater-Biennale, der Bonner Intendant Manfred Beilharz, die Autoren Tankred Dorst und Ursula Ehler 1992 etwas Einzigartiges geschaffen: ein Festival für „Neue Stücke aus Europa“, ohne Konkurrenz, ohne Wettbewerb, ein Arbeits- und Gesprächsfestival mit Diskussionen und Workshops. Mit einem singulären Auswahlsystem: Autoren suchen nach Autoren, als Paten in ihren jeweiligen, mittlerweile 38 Ländern. Ein Festival, das vor allem den Blick für Osteuropa öffnen sollte, nach Rumänien, Jugoslawien, Bulgarien, aber ebenso in Norwegen, England, Irland und Portugal Autoren entdeckte, auf deutschen und europäischen Spielplänen platzieren konnte, von Vladimir Sorokin über Biljana Srbljanovic bis Jon Fosse.

Die Vorstellungen sind überfüllt, 19 000 Zuschauer kamen diesmal, um 23 Ensembles aus 18 Ländern oder die vier Bonner Eigenproduktionen zu sehen, eine überwältigende Fülle, lauter starke Stücke. Europa – berstend vor Talent. Und die Inszenierungen gewinnen durch den Kontrast, durch ihre Verschiedenheit. So geht man an einem Abend in „Die Wespenfabrik“ von Gerardjin Rijnders, einen holländischen Alptraum, laut und irritierend, und war vorher in „Schönes“ von Jon Fosse, einer ruhigen norwegischen Sommeridylle auf trügerischem Boden. Wesentliches Element ist die Originalsprache (bei simultaner Übersetzung über Kopfhörer),und schon dadurch ist man versucht zu denken: typisch norwegisch, typisch russisch. Obwohl die ausgewählten Stücke keineswegs repräsentativ sind für ihr Land, markiert deren Perspektive doch etwas Spezifisches.

In den anschließenden Diskussionen, den Gesprächen und Begegnungen im Festivalzelt mit den Paten, Theatermachern, Journalisten und Zuschauern ist zu spüren: Die unermüdliche Neugier der Festivalleiter ist ansteckend. Würde man sonst in ein griechisches Theaterstück gehen, das die Probleme der Griechen mit Albanern und Kurden thematisiert? Mit Verve und Schwung wird es umgesetzte, erst als laute, schnelle Soap-Opera über zwei Paare, dann als Komödie über einen ungeschickten Gauner und Hallodri und seinen Freund, den gehörnten Ehemann, dann als Tragödie von der Flucht eines irakischen Kurden und seinem grausamen Missbrauch durch die beiden Griechen. Wenn man ein Thema herausspürt, in diesen vielen, so extrem unterschiedlichen Stücken, dann eben ist es sexuelle Gewalt. Ob bei den Griechen Thanassis Papthanassiou und Michalis Reppas, der Engländerin Sarah Kane, dem Iren Enda Walsh, ob bei der Russin Tamara Petkewitsch, dem Türken Özen Yula, dem Spanier Rodrigo Garcia oder dem Autoren-Trio aus Moldawien: Immer geht es um Missbrauch. In der Familie, unter Freunden, zwischen den Nationalitäten eines Landes, durch das System, durch die Gesellschaft. Opfer oder Täter, zugefügt oder zufügend.

In dem griechischen Stück „Der Fluss Evros gegenüber“ zerbricht der Terror des Fernsehens, die Gewaltätigkeit seiner Bilder sämtliche moralischen Schranken, und am Ende tolerieren auch die Frauen, dass der geflüchtete Kurde geopfert wird, ihrem Traum vom Wohlstand. Subtil und unmerklich entwickelt sich die Katastrophe im Beitrag der Türkei. Regisseur Mustafa Avkiran transponierte das Stück von Özen Yula auf mehrere Ebenen: Die Begegnung eines Mannes und einer Frau mit tödlichem Ausgang als Schwarzweißfilm auf dreigeteilter Leinwand, die beiden Schauspieler live davor, ihren Text synchronisierend. Möglichkeiten entstehen, Verwischungen, es werden Geschichten erzählt innerhalb der Geschichte. Und am Ende stellt sich heraus: Die Frau ist eine Serienmörderin, ihr Großvater hat sie als Kind vergewaltigt. Das Stück nimmt immer wieder überraschende Wendungen, die Zufallsbegegnung ist arrangiert, er will von ihr ermordet werden, doch sie bringt sich schließlich selbst um. In der kühlen, intensiven Atmosphäre des Film noir der sechziger Jahre entfaltet sich ein märchenhafter Krimi.

Der türkische Pate, der Dichter Murathan Mungan hat bisher nur vier Stücke geschrieben. Ungeschrieben blieben 40 weitere, wegen der politischen Kontrolle an den Staatstheatern, trotz langsam fortschreitender Demokratisierung. Wer hat je in Deutschland ein türkisches Stück gesehen? Wer nimmt in Deutschland Türken als Künstler und Intellektuelle wahr? Den Blick verändern, auf das uns Fremde, unsere unbekannten europäischen Nachbarn, das schafft die Bonner Theater-Biennale.

Vier russische Stücke sind eingeladen, zwei davon aus St.Petersburg beschäftigen sich mit der Vergangenheit: Junge Russen inszenieren ein authentisches Verhör einer Russin durch die Sowjets von 1943, junge Leute inszenieren 27 Briefe von deutschen Soldaten, eingeschlossen in Stalingrad, Weihnachten 1942.

Zweimal Stoffe aus der Gegenwart: „Plastilin“ und, ebenfalls aus Moskau, „Die Stadt“ von Jewgeni Grischkowez. Midlife Crisis auf russisch. Ein Mann will weg aus seinem eingefahrenen Leben. Weiß aber nicht, wohin. Redet und redet, sehr komisch, kraft- und ziellos. Der geplante Ausbruch, er kann nur eine Kreisbewegung werden.

Die Dramatisierung der Lebensgeschichte von Tamara Petkewitsch, „Sprechen Sie Petkewitsch“, durch Studierende der Petersburger Theaterakademie: ein unglaubliches Verhör, eine völlig unschuldige junge Frau wird mürbe gemacht durch die Wiederholung unsinniger Vorwürfe – „Sie wollten, dass Hitler kommt und haben darüber gesprochen“ –, bis sie zusammenbricht und „gesteht". Alle haben sie verraten, ihr Mann, ihre Freunde. Und der Untersuchungsbeamte gesteht, er ist in sie verliebt , will sie retten – und nimmt ihr dafür ihr ganzes vorangegangenes Leben.

Ein junger russischer Schauspieler und Regisseur, Iwan Latyschew, liest Briefe deutscher Soldaten, ist „gefühlsmäßig entbrannt": die letzte Post aus dem Kessel bei Stalingrad, die Briefe kamen nie an, sie sollten als Progandamaterial benutzt werden, erwiesen sich als untauglich. Jetzt kommen sie an: Stärker kann ein Antikriegsstück nicht sein als „Weihnachten 1942 - Briefe von der Wolga". Russen lesen auf Russisch Briefe deutscher Soldaten vor, die wissen, dass sie sterben werden. Eine behutsame, zurückhaltende Inszenierung, fünf Schauspieler sprechen die authentischen Texte, spielen ein wenig mit dem weißen Papier, schmücken sich einen Christbaum, deuten Szenen an, den Weihnachtsabend, einen Gottesdienst, das Diktat eines Briefes. Diese Inszenierung ist eine Sensation. Der vorurteilsfreie Blick junger Russen auf deutsche Soldaten ist es auch.

Letzte, gute Nachricht: Manfred Beilharz, der jetzt als Intendant nach Wiesbaden wechselt, will die alle zwei Jahre stattfindende europäische Theater-Biennale auch dort weiterführen.

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