Kultur : Europa, ein Theaterland: Reisen zum Mittelpunkt der Welt

Tankred Dorst

Früher dachte ich, das Schreiben von Stücken sei an eine Grenze gekommen, der Dramatiker, der mit seinem Drama versucht, das Leben in einer Nussschale festzuhalten, sei allmählich überflüssig geworden. Es könnte fortan die Aufgabe des Theaters sein, Fragmente des wirklichen Lebens zu sammeln, also authentisches Material zu bearbeiten, einzurichten und auf die Bühne zu bringen: gefundene Texte, mitgehörte und notierte Dialoge, Dokumente, Protokolle, Bilder, Musik - so, dachte ich damals, käme das Theater näher an die Wirklichkeit heran, die ihm das well made play vorenthalten hatte. Eine falsche Erwartung. Wie Theater die Wirklichkeit reflektieren kann, diese Frage wird aber immer wieder neu zu stellen sein.

Die Autorin aus Russland sagte mir, alle Schriftsteller sind wie eine große Familie. Die Autorin aus Frankreich sagte mir, sie hätte von mir gedacht, der Mann muss verrückt sein, dass er nach Stücken anderer Autoren sucht, um sie einzuladen.

Da wird behauptet, das Theater habe keine Zukunft mehr. Warum werden aber dann neuerdings so viele Stücke geschrieben? Hunderte von Stücken werden bei zahlreichen Dramenwettbewerben eingereicht, Autorenwerkstätten werden gegründet, szenisches Schreiben gelehrt an Kunstschulen und Universitäten. Workshops sind überlaufen, Schauspielschulen haben mehr Bewerber denn je. So entsteht doch eher der Eindruck, dass eine neue Generation leidenschaftlich zum Theater strebt. Oder sind es Angsttriebe - so wie aus geschwächten Bäumen vorm Absterben bedrohter Wälder mehr und mehr Triebe herausdrängen.

Finnland. Der Regisseur und Autor T. verlangt von Bewerbern für den Schauspielerberuf, dass sie vom Zehn-Meter-Turm ins Wasser springen. Wer sich nicht traut, wird in seine Schule nicht aufgenommen.

Das polnische Bialystok, weit im Osten, kurz vor der Grenze nach Weißrussland. Von dort 15 km mit dem Auto durch ein Waldstück. In der Dunkelheit ein kleines Dorf. In einem Holzhaus zwischen den Bäumen das Towarzystow Wierszalin Teatr. Der Name heißt "Mittelpunkt der Welt". Vor den wenigen Zuschauerreihen liegen im Dämmerlicht auf Holzbänken von Decken verhüllt schlafende Gestalten. Ganz langsam entsteht Bewegung und Leben in der Gruppe. Es beginnt das Stück "Vorzeit und andere Zeit". Die sieben Schauspieler zeigen in Szenen, die einem Roman entnommen sind, das Leben, die Liebe, den Tod, die Not der Leute aus einem polnischen Dorf vom 1. Weltkrieg bis zum Ende des Sozialismus, zeigen, wie die Schicksale durchkreuzt, gebogen, verformt werden durch die historischen Ereignisse. Sie spielen die Dörfler, den Juden, die Besatzer - erst die Russen, dann die Deutschen, dann wieder die Russen. Eindrucksvolle Bilder aus dem Dunkel geholt.

Der junge Theaterleiter Pjotr Tomaszuk sagt uns, er möchte hier, wo die kulturelle Tradition verloren gegangen ist, neuen Geist aus verschütteten Quellen wecken. Bialystok ist heute eine ziemlich ausgedehnte, wüste Stadt, die ursprünglichen Bewohner waren zum größeren Teil Juden, sie wurden ermordet, ihre Häuser niedergebrannt, demoliert. Die meisten jetzigen Bewohner sind nach dem Krieg aus anderen Teilen Polens vertrieben und hier in der Fremde angesiedelt worden.

Literatur und Leben - ein wunderbar abgelegenes, interessantes Thema: "El lector por horas" des von uns sehr geschätzten spanischen Dramatikers Sinisterra als Gastspiel in Zamora. Der sehr reiche Vater einer durch einen Unfall erblindeten Tochter engagiert einen Vorleser. Es ist ein nicht mehr junger, introvertierter Mensch, der diesen Job wohl nötig hat. Ohne jede äußere Dramatik entwickelt sich eine hochkomplizierte Beziehung zwischen diesen Personen. Während sie über die Leiden der Madame Bovary, über die Verstiegenheiten von Don Quichotte und über andere Figuren und Texte der klassischen Literatur reden. Uns beschäftigt die Frage, ob Literatur als Lebensersatz dienen kann, es interessiert uns das Verschwinden des Lebens in der Literatur.

Eine schlafende Nacht im Zug von Moskau nach Woronesch. Draußen in der Dunkelheit die leere Landschaft - ein unendliches Schneefeld, keine Häuser, keine Lichter von Ortschaften. Der Zug fährt langsam, schwerfällig, gleichmäßig rumpelnd. Plötzlich aus der dunklen Nacht herausgeschnitten ein hell leuchtendes Viereck, darin für einige Momente überdeutlich zu sehen: ein Mann im roten Pullover über seine Schreibmaschine gebeugt. Vorbei. Es ist drei Uhr morgens. Warum sitzt er da, um diese Zeit der einzige Mensch in der leeren, dunklen Welt? Was schreibt er da auf?

Der Schauspieler K., der berühmte Hamlet-Darsteller und Wortführer der Revolution, die den schrecklichen Ubu Roi gestürzt hat, ist Minister geworden und hat die luxuriöse Villa des berüchtigten Ceausescu-Sohnes dem Theaterverband gegeben. Hier also übernachten wir im eiskalten Schlafzimmer. Der pelzige Plüsch auf dem Boden hat Bettränder und Nachttische bedrohlich überwuchert, wächst an den Wänden hoch. Einmal kommt aus einer verborgenen Tür plötzlich ein Diener oder Hausmeister, steht stumm da. Niemand hat ihm einen Text gegeben. In seinem gesteppten Wams und mit der tief bis auf die Augen heruntergezogenen Wollmütze sieht er aus wie der Büttel in einem dörflichen Ritterspiel. Überhaupt haben wir das Gefühl, Mitspieler in einem Theaterstück zu sein, in dem sich Stile und Zeiten auf seltsame Weise mischen.

U. im Zug nach Blackpool. Der dicke junge Mann mit der Tätowierung auf Hals und Nacken wendet sich von seinen Kumpels ab, beugt sich herüber und sieht ungeniert in das Manuskript. "It is a play?" Er legt seine Finger mit dem blutigen Verband auf die Manuskriptseite, liest laut: "Fucking hell!" und sieht erstaunt auf. "Yes, it is a play", sagt U. Da schüttelt er den Kopf, und die ganze Bande lacht. Sie sind auf dem Weg zu einem Fußballspiel.

Das inszenierte Haus. In der steilen, eisigen Straße, die wir gefährlich hinunterschlittern, liegt das Bulgakow-Haus. Es ist sein Kiewer Elternhaus, dessen Räume er in dem Roman "Die weiße Garde" und in dem Theaterstück "Die Tage der Turbins" zum Hauptschauplatz der Ereignisse gemacht und detailliert beschrieben hat. Das Haus ist inzwischen Museum, ein Museum besonderer Art: Die Räume sind nach dem literarischen Text inszeniert. Zu den wenigen originalen Gegenständen und Möbelstücken hat man andere, die den in Roman und Stück erwähnten entsprechen, beigefügt. Diese sind aber weiß gestrichen, auch wo der Teppich im Esszimmer liegen müsste, ist weißer Stoff ausgebreitet, die Pendule ist weiß, die meisten Stühle, die Bilderrahmen mit den - noch - unsichtbaren Bildern sind weiß, der Offiziersmantel am Garderobenständer im Treppenhaus ist weiß. "Nikolka hängte den schweren Militärmantel behutsam auf, aus der Tasche sah ein mit Zeitungspapier umwickelter Flaschenhals hervor. Daneben hängte er die schwere Mauserpistole im hölzernen Futteral, durch die der Kleiderständer mit dem Hirschgeweih ins Wanken kam ..." Wenn Originalstücke auftauchen, so sagt man uns, werden sie gegen die weißen Kopien ausgetauscht, und die Räume gewinnen so allmählich ihr Aussehen zurück, das ihnen die Phantasie des Dichters im Roman gegeben hat.

Sarajevo. In einer Art Vorspiel zum eigentlichen Stück gibt es den Part eines beinamputierten Mannes im Rollstuhl, der die Schauspieler wie Demonstrationsobjekte auf die Bühne holt - auch einen Zuschauer aus der ersten Reihe - und über die Gefühle des Schauspielers auf der Bühne spricht, über die Einsamkeit und die Furcht, den beobachtenden Blicken ausgesetzt zu sein. Danach werden szenisch und verbal stark unterschiedliche Varianten von Wahrnehmung eines einzigen dramatischen Moments dargestellt: In einem vollbesetzten Stadtbus bricht ein Mann blutüberströmt zusammen, tödlich getroffen von der Kugel eines Snipers.

Dem Schauspieler, der den Mann im Rollstuhl spielt, hat während der Belagerung von Sarajevo eine Granate beide Beine abgerissen. Er war auf dem Heimweg von seinem Theater. "Wenn es eine Theateraufführung wäre ..." heißt das Stück.

Eintrittskarten kann man für die Vorstellung nicht erwerben, die wenigen Zuschauer sind eingeladen worden. Es ist still wie in einer Kirche. Im äußersten Gegensatz zum chaotischen Leben draußen versucht W., das theatralische Ereignis in ein religiöses zu verwandeln. Liturgische Gesänge. Weiße Tauben steigen auf.

Slowenien. Unser Pate Dujan Jovanovic sagt: Mein Land ist sehr klein - da gibt es die Geschichte über die sieben Zwerge. Ein Mann kommt über die Berge, hinter den Bergen trifft er zwei Zwerge, und als er sie fragt, wer sie sind, antworten die beiden: Wir sind die sieben Zwerge.

Russland. Der vielgespielte Dramatiker bekommt die Tantiemen nicht ausbezahlt.

Gibt es keine Autorenrechte?

Doch.

Wenn dein Stück gespielt wird, muss das Theater doch Tantiemen zahlen.

Ich rufe an, und man sagt mir, es wurde nicht gespielt.

Obwohl es auf dem Plakat stand?

Ich sage: Donnerstag wurde es gespielt, die Vorstellung war ausverkauft. - Nein, sagt man mir. - Aber meine Tante war drin! rufe ich empört. Kurze Stille, dann: Die Tante muss sich getäuscht haben.

Und wenn du zum Anwalt gehst?

(Schallendes Gelächter)

Es muss doch eine Möglichkeit für dich geben, an dein Geld zu kommen!

Mit der Kalaschnikow.

(Wieder schallendes Gelächter).

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