Europa und der Terror : Ein Schmelztiegel, der nicht überkocht

Pragmatismus statt Angst, im Angesicht des Terrors: Brüssels Umgang mit der Unsicherheit taugt als Modell für Europa.

Stefan Hertmans
Brennpunkt Molenbeek. Aus dem Stadtteil stammten mehrere IS-Täter. Die Bewohner setzen dennoch auf Annäherung.
Brennpunkt Molenbeek. Aus dem Stadtteil stammten mehrere IS-Täter. Die Bewohner setzen dennoch auf Annäherung.Foto: Reuters/ F. Lenoir

Der flämische Schriftsteller Stefan Hertmans, Jahrgang 1951, trug letztes Wochenende beim International Congress for Democracy and Freedom des Internationalen Literaturfestivals Berlin den folgenden, aus dem Englischen von Caroline Weiland übersetzten und hier leicht gekürzten Text vor. Im Hanser Verlag erschien soeben sein Roman „Die Fremde“.

Die Reaktionen auf die Terroranschläge der vergangenen Jahre und der Umgang der betroffenen Städte mit der Unsicherheit zeigen, wie unterschiedlich Städte und Nationen auf unvorhergesehene Problemen reagieren. Während die politische Elite bürokratische Konsequenzen zog und kostspielige administrative und investigative Kommissionen ins Leben rief, die den Bürgern meist nur ein Jahr später bestätigen, was sie vom ersten Tag an wussten, zeugte das Verhalten der Bewohner von einem allgemeinen Pragmatismus.

Die erste Maßnahme auf Regierungs- und Stadtratsebene war die Ausrufung der Alarmstufe 4 – fraglos die richtige Reaktion. Diese höchste Warnstufe brachte in Brüssel das Militär auf die Straßen zurück. Für die Stadt, die so stolz auf ihren unabhängigen Geist ist, zog dies ein vages Gefühl von Demütigung und einem konkreten Missstand nach sich, den die Einwohner möglichst schnell überwinden wollten. In den ersten Wochen nach dem Schock verbreitete das Militär Sicherheit – vor allem unter jenen, die nicht hier leben, sondern täglich zur Arbeit pendeln. Die Folgen für Hotels und Restaurants waren anfangs katastrophal. In den normalerweise von Touristen gut besuchten Cafés herrschte an manchen Abenden gähnende Leere.

Städte neigen zu Rationalität, ohne viel Theorie

Die Bewohner erlebten die Situation anders – auch weil sie ihren Alltag fortsetzen mussten. Das Leben geht weiter, war oft zu hören. Schon bald wurden kleine Konzerte veranstaltet, die Menschen versammelten sich nachts auf den Straßen und es gab Demonstrationen von Mitgliedern der muslimischen Gemeinschaft zusammen mit anderen Einwohnern.

Der flämische Erzähler und Lyriker Stefan Hertmans eröffnete den Demokratie-Kongress auf dem Berliner Literaturfestival.
Der flämische Erzähler und Lyriker Stefan Hertmans gab beim Demokratie-Kongress auf dem Berliner Literaturfestival ein...Foto: picture alliance /dpa/Bas Czerwinski

Städte neigen zu einer rationalen Haltung ohne viel Theorie. In Brüssel bedeutete dies zum Beispiel, dass ein junger Muslim, dessen Ehefrau bei den Anschlägen ums Leben kam, ein Buch mit dem Titel „Ein Dschihad der Liebe“ veröffentlichte, geschrieben mit Hilfe des in Brüssel lebenden Autors David Van Reybrouck. In dem Buch verweist der junge Mann darauf, dass auch das Leben integrierter Muslime vom Terrorismus beeinträchtigt wird. Bei Diskussionen betonte man, dass die größte Gefahr die bedrohliche Spaltung der Bürger und aufflammender Hass unter ihnen seien. Reaktionen, die von rechten Politikern instrumentalisiert und angefacht wurden.

Auf politischer Ebene ging die Unsicherheit vor allem von den Politikern aus. Sie zankten sich über ihre Verantwortung, die Vernachlässigung der Migranten in den heruntergekommenen Vierteln von Molenbeek, wo sich jugendliche Straftäter seit zwei Generationen radikalisieren, und versäumten es, den Bürgern eine andere Lösung anzubieten als jene, die diese bereits selbst entdeckt hatten: einfach weitermachen. Auch führten die bereits begonnenen Gentrifizierungsprojekte nicht zur Emanzipation jener Menschen, die sich von den glitzernden Geschäftsvierteln ausgeschlossen fühlten. Sie wurden einfach in die Viertel ein paar Straßen weiter verdrängt. Über dem Parlament braute sich eine Krise zusammen, weil man wie alle vom Terror erschütterten europäischen Städte zerrissen war, was nun zu tun sei und wer die Schuld trage.

In Brüssel regieren 19 Bürgermeister

Die belgische Politik und Polizei hatten gehandelt, wie sie mussten. Aber das beherrschende Gefühl bleibt, dass dies nicht die Hürden fürs Zusammenleben in einer Stadt mit derart komplexen demografischen Problemen beseitigt. Brüssel ist außerdem sprachlich geteilt, was unterschiedliche Perspektiven auf wirtschaftliche, soziale und städtische Probleme mit sich bringt – die „kommunitären“ Streitigkeiten. In Brüssel regieren noch immer 19 Bürgermeister, und es gibt sechs Polizeibehörden.

Die Flamen plädieren seit Jahrzehnten für die Beschränkung auf einen Regierenden Bürgermeister und eine Polizeibehörde, sie fordern mehr Transparenz und Effizienz. Die Mehrheit der französischsprachigen Politiker bleibt dagegen dem Modell des 19. Jahrhunderts verhaftet, da in ihren Augen nur lokale Bürgermeister eine größere Bürgernähe gewährleisten – was im Widerspruch zur Vernachlässigung der Problembezirke steht sowie zu den Korruptionsskandalen bei der bürgerlichen Elite französischsprachiger Parteien wie des Parti Socialiste. Brüssel ist eine der teuersten Regierungsstädte geworden, weil die Zahl der Lokalpolitiker pro Einwohner exorbitant hoch ist.

Der häufigste Jungenname bei Neugeborenen: Mohammed, nicht Jan

Eine erstaunliche Entwicklung macht derzeit Molenbeek durch, das ein Jahr nach den Anschlägen verstärkt neue Bewohner anzieht, vor allem junge Intellektuelle, Künstler und Theatermacher. Der Schock setzte neue Energien frei. Die Einwohner bemühen sich um neue Kontakte, Initiativen und Veranstaltungen, um die mehrheitlich muslimische und die belgische Bevölkerung des Stadtteils näher zusammenzubringen.

Vor einiger Zeit nahm ich mir vor, Befürworter dieses Zusammenrückens statt Skeptiker zu sein. Nicht weil wir naive Gutmenschen sind, sondern aus Pragmatismus heraus: Wenn es uns gelingt, die Frustration abzubauen, wird Brüssels Schmelztiegel nicht überkochen. Hier gibt es über 100 relativ autonome kulturelle Gemeinschaften mit eigenen Traditionen, nicht selten auch eigenen Fleischereien, Restaurants, Treffs und Buchläden. Polnisch, Russisch, Amerikanisch, Französisch, Nordafrikanisch, Flämisch, Deutsch, Hebräisch, Britisch, Skandinavisch: Brüssel ist ein polylinguales Geflecht, das zugleich Zukunftschancen birgt. Seit einigen Jahren lautet der häufigste Jungenname bei Neugeborenen nicht mehr Jan oder Jean, sondern Mohammed.

Natürlich assoziiert man mit Brüssel politisch vor allem das Europäische Parlament. Dabei ist es für viele einfache und arme Bewohner der Stadt ein Fremdkörper in einem unbekannten Viertel. Auf Reisen durch Europa werde ich, der ich in einem Brüsseler Vorort zu Hause bin, häufig mit der Bemerkung konfrontiert: „Alles wegen Brüssel“ – als wären wir Einwohner für die Politik verantwortlich, die vorrangig von deutschen und französischen Politikern beschlossen wird. Die Einwohner Brüssels hingegen glauben, dass sie selbst für Veränderungen in ihrem Alltag verantwortlich sind. Diese skeptische und pragmatische Haltung gegenüber dem Europäischen Parlament und der Politik im Allgemeinen ist auch dafür verantwortlich, dass Experimente mit direkter Demokratie und politischer Partizipation in Brüssel zunehmen, ohne dass die Menschen zu Europaskeptikern werden.

Brüssels Bevölkerung bewies Sinn für Widerstand gegen dumpfe Panik

Sie sind fest von der Struktur und Einheit Europas überzeugt, aber sie möchten nicht, dass ihnen die Entscheidung abgenommen wird, sei die Entscheidungsfindung auch noch so schwer. Die wohlhabenden Expats, die Brüssels Grünanlagen und Parks am Sonntag mit ihren Familien bevölkern, beschwören ein wahres Babel herauf und geben gleichzeitig Anlass zur Hoffnung, dass alle Schichten der Brüsseler Gesellschaft ein Gefühl der freien Meinungsäußerung und Kultur teilen.

Dies beantwortet wahrscheinlich auch die Frage, ob Brüssels Einwohner durch die Terroranschläge traumatisiert worden sind: Nach wenigen Monaten widmeten sie sich wieder mit Hingabe den Debatten über ökologische, urbane, kulturelle, demografische und verkehrspolitische Themen und setzten ihre typischen heldenhaften Streitigkeiten fort. Gleichzeitig bewies die Bevölkerung ihren pragmatischen Sinn für Widerstand gegenüber dumpfen, panischen Aufschreien. Er ist das einzige Mittel gegen Extremismus und antidemokratische Strömungen, die nach der Zerstörung der Demokratie rufen, um sie zu schützen. Ein Paradox, das die Einwohner Brüssels wahrscheinlich nicht einfach hinnehmen werden.

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