Europäisch-Amerikanischer Austausch : Da liegt die Zukunft

Das Berliner Bauhaus-Archiv zeigt den Ertrag der Amerikareise von Walter und Ise Gropius 1928.

Bernhard Schulz

Die Vereinigten Staaten - das war der Traum der zwanziger Jahre. Das Amerika der Wolkenkratzer, Automobile, der ersten in die Landschaft gebetteten Autobahnen, der endlosen Fabriken, gleichwohl mit Licht und Luft versorgt, schließlich das Land des "Fordismus" als der vermeintlich unumstößlichen wissen schaftlichen Lösung aller Produktionsprobleme: Das war der Traum der kurz lebigen Weimarer Republik.

Ende der zwanziger Jahre war dann auch das Deutsche Reich auf dem Weg der Besserung, ja zu alter industrieller Größe. Wie viele Ideen wurden hier nicht nur geboren, sondern auch ins Leben umgesetzt! "Kunst und Technik - eine neue Einheit", hatte Walter Gropius, der Gründer des Bauhauses, für dessen Dessauer Glanzzeit auf den Weg gegeben. Nun wollte Gropius das Land in Augenschein nehmen, in dem er die Technik beheimatet wusste, die seinem europäischen Kunstempfinden, das er zur Gründungszeit des Bauhauses 1919 noch ganz und gar verinnerlicht hatte, an die Seite gestellt werden konnte.

Mit seiner Frau Ise unternahm Gropius 1928 eine Reise in die USA, die das Ehepaar sieben Wochen lang durch alle Gegenden führte, nicht nur nach New York und Chicago - der Wiege des Hochhausbaus - oder Detroit, dem damals weltweit führende Zentrum der industriellen Massenfertigung. Auch der Grand Can yon stand auf dem Programm und die Indianerreservate in Arizona, wovon bemerkenswert viele der insgesamt 400 Fotografien zeugen, die Walter und Ise Gropius mit ihrer 6x9-Mittelformat kamera anfertigten (die Urheberschaft ist im Einzelnen nicht zu klären). Und es wurden auch Fotos, sei's angekauft, sei's als kollegiales Geschenk, erworben. Insbesondere eine Serie von Charles Sheeler, zweifellos dem führenden Industriefotografen dieser Jahre, zu der nahe Detroit gelegenen Ford-Fabrik River Rouge.

Drei Fotoalben sowie lose Aufnahmen, aber eben auch solche offenkundigen Profiabzüge bilden das Material, das Ise Gropius, die 1983 (und damit 14 Jahre nach ihrem Mann) verstorbene Gattin, zur Amerikareise von 1928 hinterließ. Dieses Material hat das Berliner Bauhaus-Archiv in Zusammenarbeit mit Gerda Breuer von der Universität Wuppertal jetzt endlich gesichtet und zu einer wunderbaren Ausstellung - samt ebenso großartigem Katalog - aufgearbeitet, die gleichermaßen die Nüchternheit des Gropius'schen Blicks wie die Faszination des fernen Kontinents erkennen lässt. Die Reise des kurz zuvor von seinem Direktorenamt zurückgetretenen und aller lästig gewordenen Verwaltungspflichten ledigen Gropius selbst hat wenig Resonanz gefunden; der Architekt war mit eigenen Projekten beschäftigt, obgleich wohl auch Versuche der Veröffentlichung einiger Materialien unternommen worden sind. Das ist insofern besonders hervorzuheben, als 1928 auch ein anderer deutscher Architekt über den Atlantik fuhr: Erich Mendelsohn, der aus seinen Erlebnissen im Jahr darauf das höchst suggestiv gestaltete und mit expressiven Texten versehene Bilderbuch "Russland Europa Amerika. Ein architektonischer Querschnitt" veröffentlichte. Zudem war bereits 1927 "Wie baut Amerika?" des nach Kalifornien ausgewanderten österreichischen Architekten Richard Neutra erschienen, den wiederum Gropius besucht, aber nur mit einem einzigen Gebäude in seine Fotosammlung aufgenommen hatte. Bezeichnenderweise handelt es sich um ein Apartmenthaus - dieses Thema lag dem mit den Fragen des Massenwohnungsbaus mehr als vertrauten Gropius besonders am Herzen.

Beim Eintritt in die kleine Ausstellung des Bauhaus-Archivs fällt ein Foto besonders ins Auge: die "sich kreuzenden Förderbänder" in Fords River Rouge-Fabrik von Charles Sheeler aus dem Jahre 1927, übrigens ein Direktauftrag von Ford. Es ist dies eine - lange verkannte - Ikone der Fotografie. Wie sehr, macht der Umstand deutlich, dass auch Mendelsohn sie in seinem Buch verwendet, und zwar bewusst weit vorn. Die Geschichte des europäisch-amerikanischen Austauschs dieser Jahre bleibt noch zu schreiben.

Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstr. 14, bis 2. Februar, Mi-Mo 10-17 h, Katalog 17,50 €.

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