Europäische Griechenlandbilder : Der griechische Patient

Die Griechenland-Krise befeuert Völkerstereotypen mehr denn je. Die Europäer diskutieren intensiv über die Darstellung der Griechen - und die Rolle der Deutschen.

Christoph von Marschall
Griechische Flaggen Foto: epa/Simela Pantzartzi/dpa
Völkerstereotypen prägen die Krisendiskussion. Vor allem Griechenland leidet darunter.Foto: epa/Simela Pantzartzi/dpa

Faule Griechen? Die Deutschen als ewige Nazis? Die Bilder, die sich Völker von anderen Nationen machen, sind voller Klischees – und voll blinder Flecken. Was Menschen als bis zum Überdruss wiederholtes Stereotyp und was als schmerzliche Lücke empfinden, hängt davon ab, wo sie sich selbst politisch verorten und mit wem sie reden. Vier Stimmen aus Europa zu deutschen Griechenland-Bildern:

Kristos, den seit Jahren in Deutschland lebenden Arzt, macht es wütend, dass die hiesige Debatte den für ihn wichtigsten innenpolitischen Aspekt des griechischen Dramas ausspart: die Fortsetzung des Bürgerkriegs von 1946 bis 1949. Der werfe bis heute seine ideologischen Schatten. Die Griechen, sagt er, sind keineswegs die im Widerstand gegen ein deutsches Diktat geeinte Gesellschaft. Das Volk sei ideologisch gespalten. Syriza missbrauche die Krise, um die Niederlage der Kommunisten nachträglich in einen Sieg zu verwandeln. Keinen Euro dürfe Europa diesen Linken für ihre Utopien geben. Die einzige sinnvolle Hilfe sind für ihn direkte Finanzhilfen für Kleinunternehmen, unter gezielter Umgehung griechischer Behörden und Banken. Kristos sagt, die meisten konservativen Griechen denken wie er.

Gibt es "Europäer zweiter Klasse"?

Die Lettin Ruta wundert sich über den Gebrauch des Worts Solidarität. Wieso soll Lettland sich mit Millionenzahlungen an Hilfspaketen für Griechenland beteiligen? Deren Hauptzweck sei es, den Griechen drastische Kürzungen an Gehältern, Renten und Lebensstandard zu ersparen. Dabei wären die dann immer noch höher als heute in Lettland. Ruta ist stolz darauf, dass Lettland seine Finanzkrise 2010 bewältigt hat. Die war von ähnlich existenziellem Ausmaß wie die griechische heute. Um die Zahlungsunfähigkeit zu verhindern, halfen die EU und der IWF mit Summen aus, die das lettische Bruttoinlandsprodukt eines Jahres überstiegen – gegen Auflagen. Lettland kürzte Gehälter, Renten und Staatsausgaben. Und war drei Jahre später finanzpolitisch so gesund, dass es alle Euro-Kriterien erfüllte. Wo war damals der Aufschrei, solche Sparpolitik verstoße gegen Solidarität und Menschenwürde, fragt Ruta. Warum war uns das zumutbar, den Griechen aber nicht? Gelten wir im Osten als Europäer zweiter und die im Süden als Europäer erster Klasse?

Der Niederländer Jan und der Slowake Jaroslaw mokieren sich über den deutschen Hang zur Selbstgeißelung bei gleichzeitiger Idealisierung Griechenlands. Beide haben die Krisengespräche im inneren Zirkel der Diplomatie verfolgt. Eine Verzerrung nennt Jan die Behauptung, dass sich das Bild des hässlichen Deutschen in Europa ausbreite. Aus Sicht vieler Euro-Partner habe die Bundesregierung zu lange zu nachgiebig agiert. Schon gar nicht sei sie die Scharfmacherin gewesen. Sie habe sich um Vermittlung bemüht zwischen den Ländern, die mehr Geduld, und denen, die mehr Härte forderten.

Die Polis und die Demokratie

Jaroslaw wiederum belustigt es, dass deutsche Kommentatoren Griechenland gern als Wiege der Demokratie in Europa hinstellen. Erstens stimme das nicht, soweit er im Geschichtsunterricht aufgepasst habe. Berechtigt zur politischen Teilhabe war nur ein kleiner Teil der Bewohner der antiken Polis, nämlich besitzende männliche Bürger, nicht aber zugezogene Griechen, von Frauen und Sklaven zu schweigen. Zweitens ähnele Griechenlands Politik heute eher der in benachbarten Balkanstaaten mit den dort virulenten Problemen wie Ämterpatronage, Vergabe öffentlicher Aufträge an politische Freunde, Korruption, Verschwörungstheorien.

Wie kann bei so verschiedenen Diagnosen des griechischen Patienten eine wirksame gemeinsame Therapie gelingen?

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