Europäische Stücke-Biennale : Türkische Sieger

Zum Abschluss der Europäischen Stücke-Biennale dominieren die Russen – und Istanbul triumphiert. Die sonst so gediegene hessische Kurstadt und Regierungsminimetropole Wiesbaden befand sich zum Festivalsfinale im Ausnahmezustand.

Peter von Becker

„Es gibt jetzt ein Hauptthema des jungen, neuen europäischen Theaters, es heißt: Migration. Die Autoren aus fast allen Ländern stellen sich und uns die Fragen: Was ist Heimat? Was bedeutet Exil? Wo beginnt die äußere oder innere Migration?“

Das sagt Mark Ravenhill, unter dessen T-Shirt als Tattoo noch eine Art Tierkralle (oder Raben-Klaue?) hervorlugt. Ravenhill ist seit mehr als einem Jahrzehnt, seit seinem zum Sprichwort gewordenen Drama „Shoppen und Ficken“ weltberühmt. Inzwischen hat der britische Autor des jungen, wilden Elends einiges an Korpulenz zugelegt und ist mit 42 schon zum Lehrmeister geworden. Zusammen mit seiner deutschen Kollegin Theresia Walser hat er bei der gerade zu Ende gegangenen Europäischen Theaterbiennale in Wiesbaden einen Workshop für 23 junge Autoren/innen aus 14 Ländern geleitet. „Die schreiben zum Teil schon verdammt gut, und man merkt, wie das neue erweiterte Europa auch im Theater wieder politische Fragen provoziert“, ist Ravenhills anerkennendes Fazit.

Auch der dramatische Großmeister Tankred Dorst, neben dem Intendanten Manfred Beilharz zuerst in Bonn und jetzt in Wiesbaden, geistiger Oberpate der Biennale, sieht diesen Trend „zum politischeren Theater“ und weg von den eher familiären oder privaten Dramen. Elf Tage waren in Wiesbaden und im benachbarten Mainz 29 Inszenierungen neuer Stücke aus 24 Ländern zu sehen. Darunter die neapolitanische Theaterversion von Roberto Savianos Mafia-Bestseller „Gomorrha“ oder ein spanisches Stück über den Terrorangriff vor einigen Jahren auf ein Moskauer Theater, inszeniert von der katalanischen Truppe Fura dels Baus. Ein spanisch-russisches Crossover. Deutsche Beiträge waren das gerade preisgekrönte Drama „Das letzte Feuer“ der Berliner Autorin Dea Loher (vom Hamburger Thalia Theater) und Falk Richters von ihm selbst inszenierte Berliner Schaubühnen-Aufführung seines „Ausnahmezustands“.

Im Ausnahmezustand befand sich zum Festivalfinale auch die sonst so gediegene hessische Kurstadt und Regierungsminimetropole Wiesbaden. Sonderbare Koinzidenz: Während bei dieser Europameisterschaft der neuen Dramen am Ende eine türkische Produktion triumphierte und dazu eine ukrainisch-russische Aufführungen den begleitenden Akkord setzte, wurde Wiesbadens Mitte erst von roten Fahnen mit Halbmond dominiert – und dann von tausendfachen „Russia“-Rufen und der weißblauroten Trikolore.

Die Türken in deutschen Städten gibt es überall. Aber was sich um das reiche Wiesbadener Spielcasino und Kurhaus gleich neben dem Staatsttheater beim Public Viewing und nach dem EM-Sieg über Holland als Fest der jungen neuen Russen abspielte, schien schon erstaunlich. Man erinnert sich ja: Wiesbaden und Baden-Baden waren mit ihren mineralischen Heilquellen und vergoldeten Spielhöllen vor der Revolution die Lieblingsorte der russischen Boheme. Für ein längeres Leben oder auch nur die schnelle Kugel, draußen im Park, nach dem Pech im Spiel. Dostojewski, der sich beim Roulette einst in Wiesbaden verschuldete, griff freilich nicht zur Pistole, sondern schrieb darüber den berühmtesten aller Zocker-Romane, den „Spieler“. Und bei Tschechow, der ohne Kugel in Badenweiler starb, hatten die alten Russen schon zu Hause ihr Leben verspielt und ihr Gut verloren an die neuen, geldtüchtigen Aufsteiger, an die Lopachins (im „Kirschgarten“).

Plötzlich denkt man, sie sind wieder da, diesmal die Kinder der Lopachins, in Pracht und Prada. Nur ein neuer Tschechow ist noch nicht in Sicht. Obwohl der Petersburger Jungautor Priwalow in „Die wunderbare Weite“ mit einem sibirischen Ensemble viel russische Bauernseele und die Abgründe menschlicher Engel beschwört. Oder Wladimir Sherebzows „Soldatchen“, vom Russischen Nationaltheater in der ukrainischen Hauptstadt Kiew gespielt (sowas gibt’s noch): Da wurde in engstem Milieurealismus mit den Schikanen innerhalb der Roten Armee abgerechnet, freilich irgendwo im Kaukasus und um 1980. Das wirkte so rührend wie denn doch altbacken.

Höchst modern dagegen ein eigentlich altes Stück. Die türkische Autorin, Regisseurin und Schauspielerin Sahika Tekand hat Sophokles’ „Antigone“ in einer 65-Minuten-Fassung pointiert. Mit jähen Cuts, Blackouts, Lichtwechseln wird die Tragödie um Religion, Staatsraison und weiblichen Widerstand rasend schnell verdichtet – in einer furiosen Sprach-Licht-Körperchoreographie. Acht junge Männer und Frauen (in knappen schwarzen Tops) evozieren die Panik des Volks, und als Herrscher Kreon lässt der zungenartistische Akteur Serif Erol im Schwarzhemd-Look eines fanatischen Kemalisten die politische Demagogie jeder Couleur implodieren. Antigone droht statt des Felsenkerkers die Steinigung (Scharia!), und die neu eingeführte Mutter Eurydike, von der Autorin selbst gespielt, wird mit den Worten Heiner Müllers aus dem Schluss seiner „Hamletmaschine“ zur Rächerin der verfolgten Frauen.

„Eurydikes Schrei“ vom Theaterstudio Oyunculari aus Istanbul, ein türkisch-griechisches Crossover, ist im Subtext ein Exempel poetisch-politischen Theaters. Ein Triumph. Aus uralter Quelle.

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