Europäischer Schwerpunkt : Berliner Jazzfest beginnt

Die Stars kommen diesmal nicht aus Amerika: Am Mittwoch beginnt das Berliner Jazzfest und geht ein wirtschaftliches Risiko ohne die großen Namen aus Amerika ein.

Stefan Hentz
Schulterstück. Der Hamburger Saxofonist Peter Bolte. Foto: Markus van Offern
Schulterstück. Der Hamburger Saxofonist Peter Bolte. Foto: Markus van Offern

Amerika oder Europa? Afrika oder die Welt? Kaum eine Frage durchzieht die Geschichte des Jazz so grundsätzlich wie die Frage nach seinen verschiedenen Mutterböden. Sicher, niemand zweifelt daran, dass der Jazz in Amerika entstanden ist, niemand bestreitet, dass Musiker mit dunkler Hautfarbe, die Nachfahren der nach Amerika verschleppten Sklaven, an seiner Entstehung den entscheidenden Anteil hatten, aber damit hört die Einigkeit auf. Seit Joachim Ernst Behrendt vor bald fünfzig Jahren mit Hilfe der ARD-Rundfunkanstalten das Jazzfest Berlin als eines der wichtigsten europäischen Festivals erfand, leisten sich die Veranstalter immer wieder den Luxus, ihr Programm an geografischen Kriterien auszurichten. Nachdem er das letztjährige Festival dem 70-jährigen Jubiläum des Labels Blue Note gewidmet hatte, schwenkt Nils Landgren, der künstlerische Leiter des Festivals, in diesem Jahr den Scheinwerfer in die andere Richtung: „Made in Europe“ steht als Motto über dem Programm.

Für ein Festival in der Größenordnung des Berliner Jazzfests ist diese Schwerpunktsetzung ein wirtschaftliches Risiko, denn wenn man die US-Szene ausklammert, fehlen die großen Namen, fehlen Musiker mit Illustriertenwert und die Verbliebenen von den Veteranen, auf die sich alle einigen können. Kein Wynton Marsalis oder Harry Connick, kein Herbie Hancock oder Sonny Rollins, nirgends. Stattdessen: Entdeckungen aus den europäischen Provinzen. Wer in dieser Saison die Aura des Gewachsenen, die Rückbesinnung auf die Geschichte des Jazz durch die Gegenwart von prägenden Musikern jener Geschichte sucht, kann das Jazzfest links liegen lassen.

Was bleibt, ist die Gegenwart, das Hier und Heute. Allerdings ist auch das nicht ohne Wurzeln, wie Emil Mangelsdorff gleich zum Auftakt des Festivals deutlich macht. Im Gespräch mit Siegfried Schmidt-Joos erzählt der 85 Jahre alte Altsaxofonist und ältere Bruder des früheren Festivalleiters Albert Mangelsdorff aus seiner persönlichen Jazzgeschichte, die in der Nazizeit begann und nach wie vor nicht abgeschlossen ist. Im vergangenen Jahr schrieb Mangelsdorff die Filmmusik zu „Blues March – Soldat Jon Hendricks“, einem Film des Frankfurter Regisseurs Malte Rauch über den großen Jazzsänger, der als junger Soldat in der Normandie desertierte, um dem Rassismus in der Army zu entkommen. Zu weit entfernt sich Emil Mangelsdorff nicht vom amerikanisch geprägten Hauptstrom des Jazz.

Die europäischen Signaturen finden sich eher im Konkreten, in der Reinheit seines Tones, in der lässigen Distanz, die er und seine Band zum Swing und den Routinen des Blues halten. Ähnlich verfahren auch viele jüngere Formationen, die das Programm des Festivals bevölkern: die französische Baritonsaxofonistin Celine Bonacina beispielsweise oder der Berliner Gitarrist Jean-Pierre Froehly, im Nebenberuf Diplomat, tanzen ebenso in der Nähe dessen, was man als Jazz zu hören gewohnt ist, wie der schwedische Saxofonist Magnus Lindgren, ein alter Spezi des Festivalleiters, der dem Vertrauten mit brasilianischen Rhythmen und Harmoniefolgen einen tänzerischen Anzug verpasst. Das Orchestre National de France stellt sich mit „Broadway in Satin – Billie Holiday Revisited“ explizit einem amerikanischen Thema, während die hr-Bigband im Zusammenspiel mit dem Joachim Kühn Trio Klänge aus dem Maghreb verarbeitet.

Anständig ist das alles, gut ausgebildete Musiker spielen auf hohem technischen Niveau interessante Musik, und spannend ist es auch, zu sehen, wie die unterschiedlichen Zentren des Jazz in Europa offenbar unterschiedliche Vorgehensweisen hervorbringen: die schwedische Schule etwa, die traditionelle Spielmodelle mit einem reinen, fast schon klassischen Ton verknüpft, die britische, vertreten durch Django Bates, der mit seinen zwischen Dada und Dekonstruktion tänzelnden Musikabenteuern auch jüngere Musiker wie das Quintett Led Bib prägte, oder die französische, die beim Jazzfest in Gestalt der Société des Arpenteurs des Bassklarinettisten Denis Colin Improvisation mit Motiven aus der Folklore und einer Schnittästhetik verknüpft, die ihre Vorbilder gleichermaßen im Cabaret wie im Kino findet.

Und auch an den innerdeutschen Standortwettbewerb ist gedacht. Während Mangelsdorff die Fahne Frankfurts, das erste Zentrum der deutschen Jazzszene hochhält, vertritt der Pianist Pablo Held mit seinem Trio die Farben Kölns, das mit dem ersten Jazzstudiengang in Deutschland in den siebziger Jahren die Führungsposition übernahm, und die Berliner Szene feiert mit einer Langen Nacht des JIB, des Jazz-Institut Berlin, die überfällige Wiedervereinigung auch im Bereich der Jazzmusikerausbildung.

Alles dies sind legitime Programmpunkte, die die europäische Jazzszene als ein buntes Kaleidoskop von Standpunkt darstellen. Der zentralen Frage nach einer spezifisch europäischen Herangehensweise an den Jazz, die eigentlich einen Schwerpunkt „Europa“ erst rechtfertigen würde, kommen jedoch wohl Formationen näher, die bewusst die Distanz zum Jazz suchen. Wenn mit dem norwegischen Gitarristen Terje Rypdal und dem dänischen Trompeter Palle Mikkelborg zwei Schwergewichte des skandinavischen Jazz auf das international besetzte Berliner Ensemble zeitkratzer, das Jazz nur als eine Duftnote neben Elementen von Neuer oder Minimal Musik, Elektronik oder Noise versteht, ist das weite Feld der Möglichkeiten des europäischen Jazz umrissen. Die melodische Erfindungskraft und Intensität für die beide, Rypdal wie Mikkelborg, stehen, könnten dem variablen Klang und gedankenstrengen Ansatz der zeitkratzer die Emotionalität verleihen, die sie zu großer Musik macht. Zu einer Musik, die auf die Frage: Amerika oder Europa? antworten könnte: Mein Feld ist die Welt.

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Im Mittelpunkt des Berliner Jazzfests steht diesmal der europäische Jazz. Eröffnet wird das fünftägige Festival am heutigen Mittwoch im Haus der Berliner Festspiele mit dem Dokumentarfilm Blues March – Soldat Jon Hendricks. Anschließend spielt das Quartett des 85-jährigen Frankfurter Saxofonisten Emil Mangelsdorff. Weitere Bühnen des Konzert-Marathons sind die Clubs A-Trane und
Quasimodo, das Hotel Savoy und der Georg-Neumann-Saal des Jazz Institut Berlin.

Nils Landgren, der künstlerische Leiter des Festivals, hat ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt. Aus Österreich kommt die Jazz Bigband Graz, aus Frankreich das Orchestre National de Jazz, das eine Hommage an Billie Holiday präsentiert. Zu den weiteren Attraktionen gehören das Ensemble zeitkratzer, Pianist Joachim Kühn und die indische Formation Kinsmen. Das Jazzfest endet am Sonntag. Infos unter www.berlinerfestspiele.de

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