Kultur : Europäisches Allerlei

Jorge Semprun diskutiert mit Christoph Hein

Meike Fessmann

Man könnte sich blenden lassen. Doch es lag nicht allein am soignierten Charme des über 80-jährigen Jorge Semprun, dass es seinem Berliner Gesprächspartner schwerer fiel, auf der Bühne des Instituto Cervantes eine gute Figur zu machen. Denn Christoph Hein kam in der Diskussion zur Zukunft Europas eine undankbare Rolle zu. Vermutlich steckte kein Konzept dahinter, spannend war es dennoch: Wenn man die Widersprüche des gegenwärtigen Europa in Personen darstellen wollte, so wären diese beiden Schriftsteller die Idealbesetzung.

Der Spanier Jorge Semprun, der als junger Kommunist das KZ Buchenwald überlebt hat und mit zunehmendem Alter immer zorniger darüber wurde, dass sein Schreiben bis heute davon bestimmt wird, der aber auch politische Karriere gemacht hat; von 1988 bis 1991 war er Kulturminister der Regierung Gonzáles. Und Christoph Hein, der vor kurzem die Intendanz des Deutschen Theaters ausgeschlagen hat, nicht zur Generation, wohl aber zum Volk der Täter gehörend und als früherer DDR-Bürger in gewisser Weise auch Opfer der historischen Spätfolgen, zugleich aber heute Bürger jenes Landes, das George Bush soeben das „Herz Europas“ genannt hat.

Franziska Augstein, Moderatorin des Abends, polemisierte immer wieder munter gegen Bush. Auf ihre Frage, ob der Irakkrieg nicht der größte einheitsstiftende Faktor des heutigen Europa sei, erhielt sie keine Antwort. Auch ihre Rolle war nicht leicht. Sie versuchte das Gespräch durch energische Durchnummerierung zu strukturieren. Der Anlass sei ein dreifacher: Erstens, „Bush liebt Deutschland“, und dass er das in Mainz tue, sei besonders erfreulich, zweitens, Spanien hat über das EU-Referendum abgestimmt, drittens, es gibt zwei neue Bücher, Christoph Heins Roman „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ und Jorge Sempruns ersten auf Spanisch (nicht mehr auf Französisch) geschriebenen Roman „Zwanzig Jahre und ein Tag“ (beide im Suhrkamp Verlag). Während Hein vor allem griffige Formulierungen beisteuerte – „wenn ich in Mecklenburg lebe, dann ist Sachsen tiefes Ausland“ –, behielt Semprun den Überblick. Er ließ sich kein Ressentiment gegen Europa entlocken, nicht einmal, als ihn Franziska Augstein auf die mögliche Furcht seiner Landsleute ansprach, die Europäische Union könne den Stierkampf als Tierquälerei verurteilen. Was lange ein Nachteil gewesen sei, verkehre sich nun vielleicht in einen Vorteil. In Frankreich beispielsweise sei das Verhältnis zwischen Nation und Europa wegen der jakobinischen Tradition schwieriger. War der jakobinische Nationalstaat lange Motor der Modernisierung, werde er nun zu einem Hindernis. Für Spanien war der fehlende Nationalstaat zwar im 19. Jahrhundert ein Hindernis, die europäische Integration werde aber eben dadurch leichter.

Hein antwortete zwar zunächst mit der allzu schlichten These, überall in Europa wäge die Bevölkerung Kosten und Nutzen ab. Er besann sich dann aber eines Besseren, um die spezifisch osteuropäischen Probleme in die Diskussion einzubringen. Europa endete bis 1989 an der Elbe. Nun würden die einst hinter dem Eisernen Vorhang verschwundenen Länder zwar als „unsere neuen Nachbarn“ begrüßt. Aber das Bild sei schief. Denn wo waren diese Nachbarn vorher?

Am liebsten hätte man sich auf George Steiners Bonmot geeinigt, Europa sei überall, wo es Cafés gebe. Auch die von Semprun ins Spiel gebrachte Unterscheidung Léon Blums zwischen Souveränität und Unabhängigkeit – von der einen müsse man etwas abgeben, die andere dürfe man behalten – fand zunächst Anklang. Bis Christoph Hein sich über die Entdeckung freute, dass das ja auch die ideale Eidesformel der Ehe wäre.

Die Sorge folgte auf dem Fuß: Welche Ehe entspricht schon diesem Ideal? Dass der Universalismus der extremen Linken nicht europäisch, sondern proletarisch ist, mag vielleicht kein neuer Gedanke sein, dennoch bietet er eine plausible Erklärung dafür, dass sich Konservative im Allgemeinen mit der europäischen Idee leichter anfreunden als die Linke. Die Bücher kamen, trotz der Anstrengung auf allen Seiten, zu kurz. Beherzt setzte sich Christoph Hein nach dem Schlusswort der Moderatorin noch einmal für den Roman seines Kollegen ein.

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