Kultur : "Europäisches Jahr der Sprachen": Mehr Power sagt doch nur der Bauer

Bernd Matthies

Warum gerade jetzt? Vielleicht liegt es am Handy. Seit sich diese Geräte epidemisch ausbreiten, ist vielen sensiblen Deutschen aufgefallen, dass ihre Sprache nicht nur immer mehr englische Vokabeln aufnimmt, sondern selbst beginnt, englische Vokabeln zu bilden, die kein Engländer kennt oder auch nur versteht. Sprachmedizinisch gesagt: Hier bildet sich unkontrolliert fremdes Gewebe, hier wuchern bösartige Geschwulste. Nun ist das Handy längst nicht das erste englische Wort, denn "Dressman", "Showmaster" oder "Twen" gibt es schon viel länger - und ob die Niederlage des Dressman(s?) gegen das originär englische "Model" nun wirklich ein Gewinn ist, sei dahingestellt. Doch die brisante Kombination von Popmusik, Tourismus, Internet und ein paar anderen Sprachbeschleunigern, vor allem der Werbung, hat uns aufmerksamer werden lassen, empfindlicher für die Veränderungen, denen die deutsche Sprache zunehmend unterliegt.

Wahrscheinlich war dies der Anstoß für Innensenator Eckart Werthebach, nun nach polnisch-französischem Vorbild ein Sprachschutzgesetz anzuregen. Er hat diese Forderung Silvester veröffentlicht, nicht zufällig zum Beginn des europäischen Jahres der Sprachen. Gestern fand im Haus der Kulturen der Welt die offizielle Eröffnungsveranstaltung der Bundesregierung statt.

In einer Hinsicht hat Eckart Werthebach schon jetzt Recht behalten. Immer wieder habe er auf die Notwendigkeit hingewiesen, die deutsche Sprache zu schützen, sagt er, doch die Medien seien erst aufmerksam geworden, als er das Gesetz vorgeschlagen habe. Gegenprobe: Johannes Raus kluge Rede zur Sprachkultur, gehalten am 23.November in Mainz, hat sich inhaltlich kaum von Werthebachs Standpunkt unterschieden - die Resonanz fiel jedoch, wie meist bei Raus klugen Reden, dürftig aus. Der Diagnose der beiden höchst unterschiedlichen Politiker lässt sich kaum widersprechen: Die deutsche Sprache ist einer Inflation von Amerikanismen ausgesetzt, die sie verarmen lässt, einer Inflation, die Ältere, Ungebildete, in Deutschland lebende Ausländer, zum Teil auch Kinder, ausgrenzt. Es ist aber nicht das Sprachvolk selbst, das dringlich nach Key-Account-Managern, Factory Outlets und Underwear verlangt; der Druck kommt vielmehr von einer Funktionselite von Sprachbestimmern, deren Motive nur schwer auf einen Punkt zu bringen sind.

Einerseits haben sie den pseudo-englischen Sprachcode als Statussymbol erkannt, vergleichbar der handgeschnitzten Uhr und der Mitgliedschaft im richtigen Golfclub, andererseits, und das gilt vor allem für die Werbung, handeln sie oft im eigenen ökonomischen Interesse. Gewiss spart man sich als Werbetexter viel Aufwand und Kosten, wenn man ein europaweit verkauftes Herrenparfüm gleich überall als "New fragrance for men" plakatiert. Die, die den Slogan nicht verstehen, möchte man vermutlich auch nicht als Kunden - eine perfide Analogie zu jenen Senderchefs, die den Zuschauern über 50 am liebsten das Zusehen verbieten wollen, weil die angeblich sowieso keinen Umsatz mehr bringen. Manche denken vermutlich gar nicht mehr nach, sondern handeln einfach in vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem mutmaßlichen Geschmack ihrer Zielgruppe, den sie vorher selbst verbogen haben. Warum sollte der SFB-Sprecher sonst mitteilen, sein Sender "goes classic"?

Geht es nicht anders?

Ein beliebtes Argument unserer weltläufigen Sprachverbieger läuft darauf hinaus, dass es im Zeichen der Globalisierung gar nicht anders gehe. Doch ist das ein Argument für die Sprachvermischung? Wohl eher im Gegenteil: Die skandinavischen Länder sind nicht nur wesentlich widerstandsfähiger gegen den Anprall der Anglizismen, sondern man spricht dort im Durchschnitt auch das bessere Englisch.

Für Frankreich gilt das sicher nicht, doch gibt es auch keine Anzeichen dafür, dass das Land nun international den Anschluss verlöre, nur weil sie dort statt Computer "Ordinateur" sagen müssen oder statt Walkman "baladeur". Und war es eine Zeitlang nicht gerade ein Markenzeichen der deutschen Profis, ihre Geräte schlicht "Rechner" zu nennen? Was erhebt das "Download" über seine schlichte deutsche Entsprechung, das "Herunterladen"?

Die deutsche Sprachwissenschaft hat, leider, zur Debatte nur wenig zu sagen, sie reagiert meist mit demonstrativer Gelassenheit und archiviert wie der Duden getreulich jede Neuschöpfung. Normativ möchte man sich von den Lehrstühlen herab kaum noch äußern - so, wie ein ordentlicher Entomologe auch lieber Hirschkäfer mit zwei Köpfen entdeckt, als sich mit der Pflege der einköpfigen aufzuhalten. Und nur noch ein kleines Häuflein Aufrechter kämpft auf verlorenen Posten gegen die weniger auffällige Flut der versteckten - und besonders dummen - Anglizismen, gegen die "Powerfrau", das "Netzwerk" und die "Administration", die nicht nur überflüssig, sondern auch noch abgedroschen sind.

Gelungene Einbürgerungen in die deutsche Sprache werden dagegen immer rarer: Lange ist es her, dass aus "Cakes" der Keks wurde und aus dem "Shawl" der Schal. Und Institutionen, deren Autorität sie in die Lage versetzte, etwas Neues zu erfinden wie einst den "Hubschrauber" aus dem abstrakten "Helicopter" - sie sind in Deutschland nirgendwo zu sehen. Eine Académie Française lässt sich nicht einfach auf deutschem Boden nachgründen. Ach: Man möchte es unseren Sprachverbiegern in der Werbung (ja schon gut, auch in den Medien) schon aus Gründen der Schadenfreude wünschen, dass eine strenge Sprachakademie jeden ihrer denglischen Schnörkel mit Geldstrafen ahnden möge. Doch es geht nicht.

Warum es nicht geht, haben schon die ersten öffentlichen Reaktionen auf Werthebachs immerhin diskutablen Vorstoß gezeigt, beispielsweise die von Wolfgang Wieland, dem grünen parlamentarischen Intimfeind des Senators. In einer SFB-Diskussion brauchte er kürzlich nur Sekunden, um am Thema vorbei den unvermeidlichen linken Beißreflex vorzuzeigen und den Senator in die deutschnationale Ecke zu stellen. Die Last der Vergangenheit drückt, kein Wunder, in Deutschland viel stärker als in allen anderen europäischen Ländern, und die deutsche Sprache gilt vielen nicht in erster Linie als kulturell bedeutendes und wichtiges Verständigungsmittel, deren Präzision es unabhängig von politischen Standpunkten zu wahren gilt, sondern als Opferstück eines absurden Bußrituals, dessen Untergang man mit multikultureller Wollust beizuwohnen wünscht. Aber das ist natürlich nur die eine Seite. Ein Gesetz kommt nämlich vor allem deshalb nicht in Frage, weil es unweigerlich nicht nur die falschen Feinde, sondern in erster Linie die falschen Freunde mobilisieren würde.

Was wäre, würden Horst Mahler und seine kurzgeschorenen Schlägerkolonnen das Thema für sich entdecken und die Sache der - demokratisch ganz und gar untadeligen - Sprachschützer zu der ihren machen? Deswegen ist ein Gesetz zum Schutz der deutschen Sprache in Deutschland unmöglich. Doch auch ohne Gesetz lässt sich noch eine ganze Menge erreichen.

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