Europäisches Theaterforum : Ballett der Selbstdarsteller

Das Europäische Theaterforum in Nizza diskutiert über Macht, Politik und Bühnenkunst. Für Außenstehende wirkt das wie ein Zeremoniell mit höfischen Zügen.

Andreas Schäfer

Am Ende dieser seltsamen Veranstaltung, die sich „Europäisches Theaterforum 2008“ nennt, ergreift der große Schriftsteller Jorge Semprun das Wort. Zwei Tage lang hatte der 85-Jährige während der „Gespräche am runden Tisch“ schweigend neben dem Initiator Daniel Benoin gesessen. Nun gibt er seiner Verwunderung darüber Ausdruck, dass niemand vom neuen, in Frankreich heraufziehenden „Bonapartismus“ gesprochen habe. Das verwundere ihn umso mehr, als der Bonapartismus von Sarkozy wahrscheinlich nicht innerhalb eines halben Jahres wieder verschwunden sei.

Da hatte Semprun wahr gesprochen. Die drohende Berlusconisierung der französischen Kultur- und Medienszene – gerade wurde ein Gesetz verabschiedet, demzufolge Sarkozy die Intendanten der öffentlichen Medienanstalten selbst inthronisieren und absetzen kann – war zwar beim Essen immer wieder Gesprächsthema, aber eben nicht während der öffentlichen Debatten. Tatsächlich beleuchtet Sempruns Einwand nur die freundliche Hälfte der Wirklichkeit.

Auf dem Theaterkongress in Nizza wurde nicht nur dieses in der Luft liegende Thema übergangen. Auch der im Programm ausgewiesene Komplex „Macht und Theater – die Macht des Theaters“ kam so gut wie nicht vor.

Balzac hätte seine helle Freude gehabt

Jeder, der einmal auf einem Kulturkongress war, zu dem Menschen aus vielen Ländern eingeflogen werden, um über Fragen der Kunst zu diskutieren, weiß, dass es bei solchen Treffen auch um das gesellschaftliche Drumherum geht. Um Empfänge, auf denen man Leute trifft und Fäden spinnt. Networking, der Sache verpflichtet, ist dabei von Geklüngel, dem es um Einfluss geht, nicht immer zu unterscheiden. Eine solche Offenherzigkeit freilich, mit der jetzt in Nizza die Neben- zur Hauptsache erklärt wurde, hat man selten erlebt. Es geht nicht um Inhalte, nicht darum, über Fragen ins Gespräch zu kommen – die Veranstaltung vergangene Woche an der verregneten Côte d’Azur ist im Gegenteil selbst eine Machtdemonstration, bei der den nichtfranzösischen Gästen die undankbare Rolle der Statisten zukommt. Deren Aufgabe erschöpft sich darin, aus Repräsentationsgründen auf der Teilnehmerliste aufzutauchen und körperlich anwesend zu sein. Fasziniert und entsetzt zugleich wird man Zeuge eines Zeremoniells mit höfischen Zügen, eines Balletts der Selbstdarsteller, an dem der Gesellschaftsanalytiker Honoré de Balzac seine helle Freude gehabt hätte.

Daniel Benoin ist ein verdienter Mann des französischen Theaters, der sich schon früh für den Austausch von europäischen Theaterschaffenden eingesetzt und als ehemaliger Intendant in St. Etien ne das Theaterforum mitbegründet hat, zu dem in früheren Jahrzehnten viele Leute kamen. Seit einigen Jahren ist Benoin nun Intendant in Nizza. Für die Neuauflage seines Forums hat er vor allem auf Außenwirkung gesetzt und Personen mit großen, leuchtenden Namen geladen. Sarkozy selbst sollte das Forum eröffnen, die Ministerin für Kultur Christine Albanel sollte es beenden. Beide kamen nicht – dafür hält die französische Allzweckwaffe Bernard-Henri Lévy eine elegante, aber oberflächliche Begrüßungsrede.

Ansonsten auf der knapp neunzig Namen umfassenden Teilnehmerliste: Theaterdirektoren aus Frankreich, ehemalige französische Kultusminister und ehemalige Chefdenker von ehemaligen französischen Kulturministern, Professoren, Direktoren von Arte, daneben ungefähr dreißig Alibi-Europäer, von denen die meisten ebenfalls Theaterdirektoren sind.

Manchem Osteuropäer stehen Tränen der Wut in den Augen

Um dem neuen, alten Forum auch medial mehr Aufmerksamkeit zu sichern, wurden die Moderatorenpositionen vorwiegend mit Journalisten von „Le Point“ und „Le Figaro“ besetzt. Die haben zwar keine Ahnung vom aktuellen Theatergeschehen, sorgen aber dafür, dass ihre französischen Kollegen während ihrer wolkigen halbstündigen Monologe über das Theater im Allgemeinen (von der Antike bis Dario Fo) und die böse, Subventionen streichende Politik im Besonderen (ja, früher wurden wir Theatermacher hofiert und zu Rotwein an den Kamin gebeten!) nicht unterbrochen werden. So gut wie keine Frau auf dem Podium, kein Migrant, kaum jemand unter sechzig. Sobald eine Diskussion beginnen könnte, wird sie abgewürgt, weil die überfrachtete Rednerliste abgearbeitet werden muss. Manchem Osteuropäer stehen Tränen der Wut in den Augen.

Der russischen Kritikerin Marina Davydova gelingt es immerhin, ein desillusionierendes Bild von der russischen, „völlig eskapistischen“ Theaterszene zu zeichnen. Judith Csaki aus Ungarn sagt: „Ihr jammert auf hohem Niveau. Wir in Ungarn haben überhaupt kein Geld und machen trotzdem Theater.“ Der Niederländer Wijbrand Schaap warnt: Zu viel Subventionen seien auch nicht gut. „Wir fühlen uns wie Kinder allein im Zimmer. Genug Spielzeug ist da, aber keiner guckt zu.“ Mit lautem Knall kracht schließlich, direkt aus Athen kommend, der griechische Schauspieler, Autor und Regisseur Akillas Karazissis in die Show der Funktionäre. Er erklärt, dass die Theater in Griechenland während der Krawalle ungerührt weiterspielen, und fragt, warum junge, wild lebende Schauspieler so konventionell spielen, sobald sie auf der Bühne stehen. Minuten später hat die moorige Saalmüdigkeit auch dieses Irrlicht der Lebendigkeit geschluckt.

19 Uhr, Abfahrt des Busses. Durch weihnachtlich erleuchtete Straßen geht es an windzerzausten Palmen vorbei zum prächtigen Palais Sarde. Dort wartet schon der Präfekt der Region, begrüßt jeden persönlich und neigt den Kopf wie ein König.

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