Kultur : Europas Europäer

Liebermann-Haus: die Ausstellung „Situation Ungarn“ in Berlin

Oliver Heilwagen

Avantgardisten waren die Ungarn im 20. Jahrhundert immer: mit der ersten Räterepublik 1919, dem ersten vom ganzen Land getragenen Aufstand gegen die sowjetischen Kolonisatoren 1956, der Grenzöffnung 1989. Ästhetisch mit den Filmtheorien von Bela Balazs, dem Design von Marcel Breuer, dem Konstruktivismus von Laszlo Moholy-Nagy, der Op Art Victor Vasarelys. Dennoch ist zeitgenössische ungarische Kunst hier zu Lande kaum bekannt. Jetzt hat die Stiftung Brandenburger Tor im Liebermann -Haus die Ausstellung „Situation Ungarn“ ausgerichtet.

Nicht, dass es an Vermittlungsversuchen gefehlt hätte, doch Handel und Publikum reagieren zögerlich: Auf dem gerade beendeten „Art Forum“ war mit Akos Birkas nur ein einziger der Künstler vertreten, die nun am Pariser Platz zu sehen sind. Das mag am Facettenreichtum dieser Gegenwartskunst liegen: Ungarische Künstler sind Individualisten, die sich ungern einer Schule zuordnen lassen. Zugleich haben sie seit Ende der 60er Jahre Anschluss an die internationale Kunstentwicklung gefunden. Ein landestypischer, um nationale Probleme kreisender Stil wie in anderen Staaten Osteuropas entstand in Ungarn nicht. Das macht die Beschäftigung mit dieser Kunst, die radikal zeitgenössisch ist, um so interessanter. „Ungarn fühlten sich als Europäer, bevor es Europa politisch gab. Sie haben ihre Integration nicht ökonomisch, sondern geistig vollzogen“, formuliert der Ausstellungskurator Dieter Honisch.

In kluger Beschränkung hat er 50 Arbeiten von elf Künstlern ausgewählt. Genial einfach ist ebenso sein Einfall, die Epochen vor und nach der Wende auf beide Etagen des Hauses zu verteilen. Damit gelingt ihm der Nachweis, dass es den Epochenbruch in den Künsten nicht gegeben hat. Abrupte Wechsel in Themenwahl und Formensprache finden sich vielmehr in der Biografie jedes einzelnen der Künstler, die lange vor dem Ende der Diktatur sich vom Dogma des Sozialistischen Realismus emanzipiert hatten.

Schon 1973 lässt sich Sandor Pinczehelyi mit Hammer und Sichel-Händen so fotografieren, dass er von den Emblemen wie erdrosselt erscheint – eine Dekade, bevor solche ironische „SozArt“-Gesten populär wurden. Mit ihren elegant schwingenden Flächen führen Imre Bak und Istvan Nadler Ansätze von Hard Edge und Farbfeldmalerei in überzeugender Weise fort. Dekonstruierende Serienbilder Tibor Gayors und Stahl-Licht-Skulpturen von Tamas Trombitas sind eigenständige Beiträge zu Konzeptualismus und Minimal Art. Lebensgroße Ganzkörpergipsfiguren György Jovanovics´ beeindrucken als Beispiele für Traumabewältigung durch figurative Plastik. So entsteht eine kleine Enzyklopädie der Künste im letzten Vierteljahrhundert. Wem das zu wenig lokale Duftnote versprüht, der greife zu einem Text in Landessprache: Nichts ist ungarischer als das Ungarische.

Bis 26. 1. im Liebermann-Haus, Pariser Platz 7. Di bis Fr 10–18 Uhr, Sa und So 11–18 Uhr. – Heute: Diskussion mit Imre Bak und Dora Maurer, 19Uhr30, Liebermann-Haus.

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