Kultur : Europas neue Spieler

Start der Theaterbiennale 2004 in Wiesbaden: Gespräch mit den Direktoren Manfred Beilharz, Tankred Dorst und Ursula Ehler

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Die von Ihnen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gegründete Europäische Theaterbiennale ist von Bonn nach Wiesbaden und Frankfurt gewechselt. Auch die europäische Gemeinschaft hat sich erweitert. Was bedeutet das für Ihr Festival, das nun zum siebten Mal stattfindet?

BEILHARZ: Wir sind das erste Mal am neuen Ort: in Wiesbaden, und mit dabei ist auch das Schauspiel Frankfurt. Die Grundidee von 1991 jedoch ist immer noch richtig. Damals wurde auf einer Kulturkonferenz in Brüssel debattiert, ob man einen Theaterkommissar einsetzt. Die Bonner Biennale entstand aus dem Widerstand gegen diese absurde Idee. Wir sagten: Jetzt werden wir erst einmal gucken, was überhaupt an zeitgenössischem Theater da ist. Und wir wollten nicht an den Grenzen der damaligen oder der erweiterten EU Halt machen, sondern ein wirklich europäisches StückeFestival schaffen.

Mit dem Blick, der von St. Petersburg bis Porto reicht, aber beispielsweise auch die Türkei mit einbegreift.

EHLER: Von Anfang an haben wir auch auf Länder wie Albanien geachtet, die aus politischen Gründen jahrzehntelang am europäischen Kulturleben gar nicht teilnehmen konnten. Unser Ehrgeiz war immer, dass es Entdeckungen und Überraschungen gibt.

Durch wie viele Länder sind Sie auf der Suche nach diesen neuen Stücken gefahren?

BEILHARZ: Unser Einzugsgebiet sind 42 Länder. In 39 Ländern haben wir dortige Dramatiker als Ratgeber: unsere Paten. Als wir angefangen haben, waren es 20 Staaten, in der Zwischenzeit hat sich allein Jugoslawien gesiebenteilt. Europa wird von der Zahl der Staaten her immer größer.

Europa ist ja historisch bis ins Mythologische hinein eine kulturelle Idee: ein Kulturkontinent viel eher denn ein politischer. Spiegelt sich das im Theater wider? Gibt es eine gemeinsame Theatersprache?

DORST: Nach unserer Erfahrung gibt es in den meisten Ländern alles. Wir sehen Nachahmungen von Robert Wilson auch in Russland. Unsere Absicht ist aber, das Spezifische aus den Ländern herbeizuholen. Außerdem ist das Festival ein Autorenfestival. Wir sind neugierig darauf, was Autoren schreiben in Ländern wie Island, Mazedonien, in der Ukraine oder in Weißrussland, wohin sonst kein Mensch zum Theater reist.

Ist denn die Sprache der geschriebenen Texte so verschieden? Letztlich gibt es nur eine begrenzte Anzahl von Themen. Unterscheidet sich ein Sozialstück aus Irland, wo es um arbeitslose Jugendliche geht, noch so deutlich von einem Stück in Moldawien – von der Sprache einmal abgesehen?

EHLER: In Moldawien hat man andere Träume als in Irland. Außerdem gibt es in Irland inzwischen weniger Arbeitslose als in Deutschland.

BEILHARZ: Dieses Jahr fällt besonders auf, dass die Veränderungen in Osteuropa sehr stark in die privaten Beziehungen der Menschen eingedrungen sind. Wie ein rumänisches Stück über Emigration, „Das Kind, das in der Polenta kocht“, oder „Peron“ aus der Slowakei – man steht am Bahnsteig und der Zug holt einen nicht ab –, wie es dann wirklich aussieht in der Aufführung, das hängt von der ganz unterschiedlichen Ästhetik der Künstler und ihrer Länder ab.

Könnten Sie denn, ohne das Titelblatt der Übersetzung zu sehen, inzwischen einigermaßen sicher ein portugiesisches von einem slowakischen und ein englisches von einem serbischen Stück unterscheiden?

DORST: Nicht immer. Aber kann man eigentlich von Büchner sagen: Das ist ein deutscher Autor? Würde man allein von der Lektüre des „Woyzeck“ oder von „Dantons Tod“ sagen, das ist ein deutsches Stück?

BEILHARZ: In einem Stück machen fünf Jugendliche auf dem Schulhof ihre Spielchen, die in Gewalt ausarten. Die gleichen Jugendlichen werden dann vom Schulhof aus in den Krieg eingezogen und versuchen, nach dem Bürgerkrieg im Alltag als Bürger mit Häuschen Fuß zu fassen. Natürlich findet man in ganz Europa Stücke, die Gewalt behandeln. Aber dieses ist anders verortet – man erkennt sofort, dass es aus dem Bereich von Ex-Jugoslawien kommen muss.

Der polnische Autor Andrzej Stasiuk vertritt die These: „Ihr Westeuropäer werdet euch noch wundern, wenn die Barbaren kommen.“ Die Idee dahinter ist, dass sich in Osteuropa ein Potenzial voraufklärerischer Magie, Gewalt und auch schwarzer Romantik erhalten hat: etwas für das hochzivilisierte, amerikanisch beeinflusste Westeuropa irrational Barbarisches. Sind Sie dem begegnet?

BEILHARZ: Man kann sogar ein paar nationale Spezifika benennen. Die polnischen Stücke, so unterschiedlich sie in den letzten Jahren gewesen sind, haben immer auch eine starke irrationale, magische, zum Teil religiöse Komponente. Auf die Frage nach den Irrationalismen in den Stücken kann man eine vorsichtige Antwort geben. In Russland ist Daniil Charms wichtiger als Brecht, und man erkennt die Rezeption von dadaistischen oder surrealistischen Traditionen der Zwanzigerjahre.

DORST: Bis in die Gegenwart war der Stil in Russland durch Stanislawski vorgegeben: psychologischer Realismus und Genauigkeit. Elena Popova, eine sehr gute weißrussische Autorin, schreibt in dieser Tradition. Sollen wir sagen, das ist altmodisch? Schon Westdeutschland und die ehemalige DDR haben unterschiedliche Theaterentwicklungen durchgemacht. In der Kunst wird aber nichts besser, es wird nur anders.

BEILHARZ: Es gibt eine Tendenz von osteuropäischen jüngeren Autoren zum infernalischen Witz („Sauerstoff“, „Opfer vom Dienst“, „Stop the Tempo“) als Reaktion auf die dortige Umbruchsituation. Sie wird von unten her anarchisch lächerlich gemacht, gekontert und ad absurdum geführt und kriegt durch den neuen Humor auch eine neue Freiheit. Man kann wieder schnaufen.

Wie werden die Biennale-Stücke eigentlich ausgewählt?

BEILHARZ: Wir suchen nicht, wir finden. Wir sind neugierig und haben keine vorgefasste Erwartung. Außerdem schlagen uns die Länder-Paten, die selber Dramatiker sind, ganz subjektiv Stücke vor. Wir haben uns mit ungefähr 200 Stücken befasst, zum Großteil lesend, etwa 90 haben wir uns live angeguckt. Wenn man ein Wochenende nach Island fährt, kommt man am Samstag um 17 Uhr an. Am Montag um 14 Uhr fährt man wieder zurück. Am Montagmorgen hat man in Reykjavik schon fünf Stücke gesehen und denkt, man kann in Ruhe sein Frühstück nehmen, aber da kommt einer um 8 Uhr an und sagt: „Du lässt deinen Kaffee stehen, da drüben ist unsere Probebühne, wir sind eine freie Gruppe. Wir haben am Freitag auf den Westermannsinseln – in einem Ort, der nur von Fischern bevölkert ist – unsere Premiere. Außerdem haben die Kollegen im Stadttheater ihre Hauptprobe, die morgen sein sollte, für euch auf heute 10 Uhr vorverlegt. Wir sorgen dafür, dass ihr rechtzeitig am Flugzeug seid!“

Was war denn bei diesen vielen Reisen das überraschendste Erlebnis?

DORST: 1995, auf dem Weg nach Bialystok an der polnisch-weißrussischen Grenze fuhren wir in der Winterdunkelheit lange durch einen Wald. Dann stand dort auf einmal eine Baracke und hieß „Mittelpunkt der Welt“. Erst sah man im Halbdunkel in Decken gehüllte Gestalten. Allmählich entstand eine blutige Geschichte über Menschen, die in dieser von Krieg und Holocaust heimgesuchten Weltgegend gelebt haben. Den Leiter der Truppe, Piotr Tomaszuk, haben wir jetzt mit seiner sehr eigenartigen Produktion eingeladen: „Der heilige Ödipus“.

EHLER: Mein besonderes Erlebnis war unser Nachtlager in der leeren Sommervilla des ehemaligen Diktators Enver Hodscha in Flore, wo unter schwierigsten Bedingungen ein albanisches Theaterfestival stattfand. Oder: Die Begegnung mit dem finnischen Theatermann, der niemand zur Aufnahmeprüfung in seine Schauspielklasse zuließ, der nicht vom Zehnmeter-Turm ins Wasser sprang.

BEILHARZ: Die größte Überraschung für mich ist, was sich im türkischen Theater getan hat. Anfang der Neunzigerjahre definierte sich das zeitgenössische türkische Theater im Brechtschen Sinn als episch-politisches Theater oder folgte Mustern aus England und Frankreich. Das hat sich verändert. Performance-Kunst und Elemente der bildenden Kunst sind ins Theater eingedrungen. In der Altstadt in Istanbul mussten wir über eine brüchige Treppe mehrere Stockwerke hochsteigen und landeten in einem Wohnzimmer, wo der Sessel an der Decke hing und das Bett an der Wand. Man war sozusagen bei einer Familie eingeladen, die ein wichtiges Thema verhandelte: Will der Hausbesitzer, dass das Haus abgerissen oder renoviert wird? Wie wird man die beiden alten Tanten los, die das Haus nicht verlassen?

Das Gespräch führte Peter von Becker.

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