European Culture Forum in Brüssel : Ökonomie der Insel

Der größte europäische Kulturkongress in Brüssel sucht nach Ideen für die Gemeinschaft. Doch es scheint, als habe sich die EU-Kommission von der Lebenswirklichkeit der Menschen weit entfernt.

Andreas Richter
José Manuel Barroso. Foto: dpa
Kultur sei das Wesentliche, was Europa zusammenhält, so Barroso auf dem Kongress.Foto: dpa

Es war ein deutliches Signal. José Manuel Barroso, der Ratspräsident, hat das European Culture Forum in Brüssel mit eindringlichen Appellen zur Bedeutung der Kultur für das geeinte Europa eröffnet. Kultur sei das Wesentliche, was Europa zusammenhält, so Barroso. Im Kultursektor gebe es acht Millionen Arbeitsplätze. Mit Androulla Vassiliou, Kommissarin für Kultur, forderte er ein neues Narrativ für Europa, das auf gemeinsamen Werten basiere. Folgerichtig ist Kultur einer der wenigen Bereiche, der bei schrumpfendem Gesamthaushalt wächst. Das neue Programm „Creative Europe“ wird um neun Prozent besser ausgestattet.

Das European Culture Forum – von der Kommission alle zwei Jahre in Brüssel organisiert und mit rund 1500 Teilnehmern wohl die größte europäische Kulturkonferenz – ist Seismograf für aktuelle Diskussionen und Themen. Und leider auch abschreckendes Beispiel für die Arbeit der Kommission. Das Forum wurde dieses Jahr mit Spannung erwartet, erhofften doch die Teilnehmer Auskunft über das neue Programm, das von 2014 bis 2020 die Förderung der Kultur auf EU-Ebene konzipiert. Doch bevor dazu wenigstens Anhaltspunkte genannt wurden, beschäftige sich das Forum einen langen Tag mit Datenerhebung zum Wert der Kultur. Natürlich war man sich einig, dass es kein Primat des Ökonomischen geben darf, dass Wertschöpfung von Kultur in erster Linie nach anderen Kriterien gemessen und beurteilt werden muss.

Etwas konkreter die Themen des zweiten Tages: Neue Finanzierungsmodelle für Kultur und Audience Development. Die auch in Deutschland populäre Sichtweise, Kultur mit anderen Dienstleitungen zu einem „Kreativsektor“ zusammenzufassen, hilft, die gefühlte Relevanz zu heben. Andererseits wollen kritische Stimmen das Wesentliche und Unbezahlbare an Kunst nicht vereinnahmt sehen. Dennoch rücken Wirtschaft und Kultur anscheinend näher zusammen. Das kann beiden Seiten guttun, solange Ökonomie eher „kultiviert“ wird als Kultur kommerzialisiert. Interessant die Hinwendung zum Empfänger: Die Beschäftigung mit dem Publikum wird zu einem wichtigen Kriterium für Kulturförderung. Bemerkenswert auch die gravierenden nationalen Unterschiede. Während sich Institutionen in angelsächsischen Ländern, wo Kultur stärker privat finanziert ist, schon viel länger um Bildungsprogramme kümmern, liegt Deutschland im Mittelfeld.

Ansonsten brachte das Forum gute und schlechte Neuigkeiten. Das neue Erasmus-Programm „Erasmus plus“ wächst um 40 Prozent, um die schwierige Situation von Jugendlichen zu verbessern. Mit jetzt 15 Milliarden Euro sollen vier Millionen Menschen erreicht werden. Struktur und Administration von Erasmus werden stark vereinfacht, um der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Krisenländern mit verbesserter Ausbildung zu begegnen.

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