European Film Award : Was das aktuelle Kino über den Zustand Europas verrät

Glanz und Glamour hielten sich bei der Filmpreis-Gala in Berlin zwar in Grenzen. Die Liste der Preisträger macht aber Hoffnung - für den europäischen Film und für Europa.

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Der große Abwesende. Endzeit-Philosoph Lars von Trier, posiert für seinen Film "Melancholia".Alle Bilder anzeigen
Foto: Christian Geisnaes/Concorde
04.12.2011 21:17Der große Abwesende. Endzeit-Philosoph Lars von Trier, posiert für seinen Film "Melancholia".

Von seinem Ende her gesehen, wäre der sehr lange Abend gewisslich reif für die TÜV-Mängelliste der alljährlichen Eurofilmpreis-Zeremonien. Colin Firth abwesend, ausgezeichnet für seine Rolle als Stotterkönig in „The King’s Speech“? Na, wer damit bereits den Oscar geholt hat, kann den Europäern wohl die kalte Schulter zeigen. Tilda Swinton ebenfalls abwesend, ausgezeichnet für ihre Rolle als leidende Mutter in Lynne Ramsays „We Need To Talk About Kevin“? Kein Wunder, dass die große Berlinale-Freundin den Weg nach Berlin scheut, zumal ihr in Cannes uraufgeführter Film hierzulande noch nicht einmal einen Verleih hat. Von allerlei anderen Pannen und Pännchen zu schweigen.

Andererseits: Dass ein anderer notorischer Europäischer-Filmpreis-Abwesender – No-Show vor elf Jahren trotz Sieges mit „Dancer in the Dark“, No-Show 2003 in Sachen „Dogville“ – erneut fernbleibt, wird am Sonnabend im Berliner Tempodrom überwiegend mit Erleichterung zur Kenntnis genommen. Zwar findet sich Lars von Trier, wie vielerseits erhofft, mit „Melancholia“ auf dem Cineastenthron des Kontinents wieder. Nicht auszudenken aber, er hätte die feierliche Danksagung mit einer Variante seines in Cannes so fatalen N-Worts gewürzt – und das mitten in der hier seit Wochen tobenden Neonazi-Debatte. Unlängst aber hat sich der genial verrückte Däne bekanntlich ein Schweigegebot auferlegt, und das Gelübde scheint er einstweilen halten zu wollen. Also schickt er seine Frau Bente nach Berlin und lässt sie, wie niedlich, „euch allen zuwinken“.

Wichtig aber ist das alles nicht. All die manöverkritischen Abwägungsfragen – leere Stühle, ja, aber immerhin kein neuer Skandal – treten diesmal in den Hintergrund. Denn es gibt, und das ist das geheime Leitmotiv des Abends, paradoxerweise etwas zu feiern, das man jedes Jahr feiern könnte, nur hat man es bislang aus lauter Läster-Luxus nicht getan: Dass es die European Film Academy (EFA) mit ihren 2500 Künstler-Mitgliedern überhaupt gibt. So, wie man heute genauso gut feiern könnte, dass es dieses Europa überhaupt – noch – gibt. Wenn nun manche Promis unter den Schauspielern und Regisseuren ihre Academy so offenkundig links liegen lassen: Spiegelt das nicht passend die seltsam überständige Nonchalance, mit der auch die Europäer selber auf ihren Kontinent blicken?

Tatsächlich hat Wim Wenders, EFA-Präsident seit 15 Jahren, unbedingt recht, wenn er nur wenige Tage vor dem erneuten EU-Rettungsgipfel den Politikern eindringlich zuruft, sich „wenigstens einmal“ das Academy-Modell der „Solidarität und Demokratie“ zu eigen zu machen. Und wenn Kulturstaatsminister Neumann darauf hinweist, Europa sei „mehr als Ökonomie“, und es sei eben Europas Kultur, die „unsere Identität“ ausmache, so klingt das aus seinem Munde zwar stets etwas bräsig-wochenendfeierlich, ist deshalb aber nicht weniger wahr. Ja, je heftiger die ökonomische Stabilität des Kontinents kaputtzugehen droht, desto spürbarer werden Werte, für deren aufmerksame Verteidigung es sich zu kämpfen lohnt.

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