• Euthanasie: "Der Druck wäre groß, sich entsorgen zu lassen" - Die Vorbehalte der Deutschen Hospiz Stiftung

Kultur : Euthanasie: "Der Druck wäre groß, sich entsorgen zu lassen" - Die Vorbehalte der Deutschen Hospiz Stiftung

Worin sehen Sie die größte Gefahr[wenn]

Eugen Brysch (38) ist geschäftsführender Vorstand der Deutschen Hospiz Stiftung in Dortmund, die sich für menschenwürdiges Sterben einsetzt.



Worin sehen Sie die größte Gefahr, wenn die Sterbehilfe legalisiert wird?

Es ist die Entsolidarisierung mit den Schwerstkranken und Sterbenden. Der Schwerstkranke braucht die Solidarität der Gesellschaft, denn er macht sich in seinen letzten Wochen und Monaten darüber Sorgen, ob er jemandem zur Last fällt. Wenn ihm die Gesellschaft sagt: "Es gibt eine einfache Lösung für dich", dann ist der Druck groß, sich entsorgen zu lassen. Der andere Aspekt, der uns große Sorgen macht, ist die Zementierung des bisherigen Gesundheitssystems, die damit einhergeht.

Was kritisieren Sie am bestehenden Gesundheitssystem?

Das Motto ist doch: Wir machen alles, was möglich ist - Selbstbestimmung des Schwerstkranken interessiert dabei nicht. Wenn es dann nicht klappt, dann bleibt noch die vermeintliche Selbstbestimmung, aus dem Leben zu scheiden. Dabei muss der Arzt erkennen, dass er am Lebensende nicht Maximalmedizin zu leisten hat, sondern der Lebensqualität des Patienten zu dienen hat. Er muss die Symptome behandeln und nicht mehr versuchen, den Patienten zu heilen. Leider steckt die Palliativ-Medizin, die Schmerztherapie, bei uns noch in den Kinderschuhen. In Deutschland bräuchten wir 2000 ambulante Palliativ-Dienste, wir haben insgesamt 25.

Stehen Sie denn mit Ihren Ideen nicht auf verlorenem Posten?

Nein, diese Diskussion ist eine Chance. Zur Veränderung. Im Bundesrat gibt es zurzeit zwei Gesetzesvorschläge, wie der Ausbau ambulanter Hospiz- und Palliativdienste gefördert werden kann. Das ist ein Anfang. Vor zehn Jahren waren Kirchen und Parteien gegen die Hospiz-Arbeit, weil sie gesagt haben, unser Gesundheitssystem funktioniert doch wunderbar. Wir hatten vor fünf Jahren null Mitglieder, heute haben wir 50 000 Mitglieder und Förderer.

Sie glauben also, dass Sie die seit Jahrhunderten anhaltende Entwicklung, in der das Sterben an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird, rückgängig machen können?

In den 60er Jahren hat auch niemand vom Umweltschutz gesprochen. Aber damals haben einige das Thema angepackt. Jährlich sterben 850 000 Menschen in diesem Land. Das Thema betrifft jeden. Der Umgang mit Schwerstkranken und Sterbenden, die sich am wenigsten wehren können, ist ein Seismograph für diese Gesellschaft: Entsolidarisieren wir uns von dieser Gruppe oder sagen wir: Dies kann in einer sozialen Gesellschaft nicht der richtige Weg sein. Die Politik muss erkennen, dass dies auch eine Klientel ist.

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