Eva Hesse in der Hamburger Kunsthalle : Schlingen und Schläuche

Als Zweijährige musste Eva Hesse vor den Nationalsozialisten in die Vereinigten Staaten fliehen. Die Hamburger Kunsthalle feiert die amerikanische Bildhauerin mit einer Retrospektive.

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Werkstoffkünstlerin. Eva Hesse (1936 – 1970) in ihrem Studio.
Werkstoffkünstlerin. Eva Hesse (1936 – 1970) in ihrem Studio.Foto: Hermann Landshoff

Als Zweijährige musste Eva Hesse 1938 nach den Novemberpogromen zusammen mit ihrer wenig älteren Schwester ohne Eltern Hamburg verlassen. Sie wuchs in New York auf und wurde dort Mitte der Sechziger im Kielwasser des Minimalismus zu einer gefeierten Künstlerin. Ihre jüdische Herkunft, die Flucht vor den Nationalsozialisten, ihr kompliziertes Leben und ihr früher tragischer Tod 1970 dienten häufig zur Deutung ihrer Kunst. Eine Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle konzentriert sich jetzt auf formale und materialästhetische Gesichtspunkte in Hesses Werk, statt den bekannten Mythos von Weiblichkeit und traumatischer Erfahrung zu repetieren.

„One More than One“ ist die erste umfassende Retrospektive in Hesses Geburtsstadt, nach einem skurrilen Objekt von 1967 überschrieben. Gezeigt werden rund 50 Skulpturen und Zeichnungen aus der späten, nur gut vier Jahre dauernden, höchst produktiven Phase der Künstlerin. Darunter fragile Werke, die nur äußerst selten ausgeliehen werden.

Hesses Arbeiten spielen nicht nur virtuos mit minimalistischer Reduktion und serieller Wiederholung. Sie faszinieren vor allem durch neue, bislang nicht verwendete Werkstoffe. Früher als andere Zeitgenossen experimentierte Eva Hesse mit Naturkautschuk, Polyester, Glasfaser und Latex. Sie entlockte diesen Materialien kontrast- und assoziationsreich delikate Körperlichkeit und Transparenz.

Im Dialog mit der Kunst ihrer Kollegin Gertrud „Gego“ Goldschmidt (1912 –1994) wird die sinnliche Anmutung von Eva Hesses Objekten besonders deutlich. Zeitgleich mit Hesse präsentiert die Hamburger Kunsthalle deshalb Werke der 24 Jahre älteren Architektin, zu der es manche Parallele gibt: Auch sie musste als Jüdin vor den Nazis aus Hamburg fliehen, auch sie revolutionierte das Verständnis von Skulptur. Ende der Sechziger entwickelte Gego in Venezuela ausladende Rauminstallationen aus Draht, die sie „Zeichnungen im Raum“ nannte.

Eva Hesse hatte ursprünglich Malerei studiert, als Meisterschülerin von Josef Albers in Yale. 1964 geht sie mit ihrem Mann, dem Bildhauer Tom Doyle, auf Einladung des deutschen Textilfabrikanten Friedrich Scheidt für ein Jahr nach Kettwig an der Ruhr. In dieser Zeit fängt sie an, mit Resten aus der Tuchfabrikation zu arbeiten. Auf Hartfaserplatten collagiertt sie Kordeln, Schnüre und Drähte zu verschlungenen Reliefs und entwickelt ihre eigene Handschrift.

Zurück in New York wendet sich Hesse endgültig dreidimensionalen Arbeiten zu. Aus immer mehr unorthodoxen Werkstoffen schafft sie reduzierte Formen, oftmals in Serie, weil sie findet, dass „Wiederholung eine Idee vergrößert, steigert oder übertreibt“. Ihre Objekte geraten unverkennbar organisch, durchsichtig und zart, manche geradezu prophetisch wie „Metronomic Irregularity“ (1966). Das Gespinst aus feinsten Drähten zwischen zwei Hartfaserplatten mutet wie ein Vorgriff auf den elektronischen Netzraum des Internetzeitalters an.

Eva Hesse wollte „Nicht-Kunst, die nicht anthropomorph, nicht geometrisch, nicht gar nichts, aber anders ist“, produzieren. Die Künstlerin war befreundet mit Sol LeWitt, Donald Judd und Dan Flavin und hatte durchschlagenden Erfolg mit ihrer ersten Einzelausstellung 1968 in der New Yorker Fischbach Gallery. Begeistert hoben Kritiker ihre Glasfaserbox „Accession III“, die mit einem dichten Pelz aus kleinen Kunststoffschläuchen gefüttert war, in den Rang von Meret Oppenheims legendärer Tasse aus Gazellenfell. Ein halbes Jahr später diagnostizierten die Ärzte einen Hirntumor. Sie starb im Mai 1970 mit 34 Jahren.

Zehn ihrer jetzt in Hamburg gezeigten Arbeiten sind 1968 entstanden. Die großformatigen Schlüsselwerke „Sans II“ , „Repetition Nineteen“ und „Accretion“ aus Fiberglas changieren in der gleichen Honigfarbe, die an Pergament und Häute denken lässt. Sie addieren gleichförmige Waben, Röhren oder runde Behälter zu raffinierten, Schatten werfenden Wand- oder Bodeninstallationen.

Vor den hauchzarten, monumentalen Konstrukten stand bei der Eröffnung auch die Schwester der Künstlerin, Helen Hesse Charash, mit der sie damals geflohen war. Sie verwaltet den Nachlass. Sie sei froh über diese Ausstellung in Evas und ihrer Geburtsstadt, sagte die heute 80-Jährige. „Vor dreißig Jahren hätte ich mich vielleicht noch dagegen gesträubt, aber jetzt bin ich bereit dazu.“

Hamburger Kunsthalle, bis 2. März; Katalog (HatjeCantz) 29,90 €.

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