Eva Strittmatter : Lieder aus Stille

Man liebt, in wem man sich erkennt: zum Tod der Dichterin Eva Strittmatter.

Ein Gedicht ist ein im Raum befestigter Klang. Von Eva Strittmatters Lyrikbänden wurden 700 000 Exemplare verkauft.
Ein Gedicht ist ein im Raum befestigter Klang. Von Eva Strittmatters Lyrikbänden wurden 700 000 Exemplare verkauft.Foto: dpa

Was heißt Ruhm? Das glaubt man nicht, wenn man jung ist: Dass Dichtung einfach nur Notwehr sein kann. Eine Weise, sich selbst und das Leben zu überstehen.

Am Anfang, da hieß sie noch Eva Braun, schien es so offen vor ihr zu liegen wie vor jeder Jugend, die Großes von sich erwartet. Ja, mehr noch: Der eigene Aufbruch und der eines Landes zu gleicher Zeit! Sie saß, gerade 20 Jahre alt, im Büro des Schriftstellerverbandes in Berlin und prüfte Texte, die die Teilnehmer eines Preisausschreibens zu den Weltfestspielen 1951 eingesandt hatten. Wie weit lagen Neuruppin und die ganze Kleinbürgerei hinter ihr. Ihres Urteils war sich die Absolventin der Germanistik, Romanistik und Pädagogik sicher, so sicher wie es junge Menschen sind. Und dann trat ein älterer Herr ins Zimmer, den kannte sie, genauer, sie kannte sein Foto. Und der beschloss: Die will ich!

Eva und Erwin Strittmatter waren das Paar der DDR-Literatur. Fast jeder wusste, wo sie wohnten, nicht nur wegen der „Briefe aus Schulzenhof“. Die DDR war sehr zudringlich, sie wollte jeden, und wenn möglich, ganz. An Eva und Erwin Strittmatter erkannten viele nicht zuletzt: Man kann in der DDR auch DDR-fern leben. Mit Pferden, es waren manchmal fast 30, irgendwo draußen auf dem Land. Er schreibt. Sie schreibt.

Von dieser Genügsamkeit zu zweit, dieser scheinbaren Vollkommenheit im Elementaren ging eine Beruhigung aus. Es gab sie also, die Rückzugsorte. Aber das war nicht die ganze Wahrheit, vielleicht war es nicht einmal die halbe. Auch und erst recht nicht die über ihre Dichtung. Dass die schönen Worte so einfach aus dem Anblick des Schönen wachsen, glauben ohnehin nur die Leser. Und Eva Strittmatter hatte sie zu tausenden, ja hunderttausenden, fast von Anfang an. Welcher Jetztzeitdichter darf das von sich sagen, welcher überhaupt? Ist jeder Ruhm am Ende ein Missverständnis?

Der Anfang kam spät. Wer ahnt schon, dass einen nichts dem eigenen Schreiben ferner rücken kann als der Umstand, einen Schriftsteller geheiratet zu haben? Ihr erster Mann hatte sie mit der Ankündigung seines Selbstmords erpresst, ihn zu heiraten. Strittmatter erpresste sie mit sich. Sie wohnten am Strausberger Platz, in dieser neuen Straße, die geradewegs in eine helle Zukunft führen sollte, als über ihre Zukunft schon entschieden war. Jenseits von Berlin. Erwin Strittmatter kaufte Schulzenhof.

Ich habe nie hierher gewollt, und er wusste es, sagte Eva Strittmatter noch nach dem Tod ihres Mannes und ihres Sohnes auf Schulzenhof, und in ihrer Stimme lag – nein, nicht Bitterkeit, wohl aber eine große Unerbittlichkeit. Eine große Kälte auch gegen sich selbst. Selbstüberredungen ausgeschlossen, noch jetzt. Dabei klangen ihre Gedichte doch so warm, ja beinahe zu lebenswarm mitunter. Hatten wir sie nicht doch für eine Idyllikerin gehalten? Aber immer wieder, und das blieb so, trafen selbst die Verteidiger des Standpunkts Schönheit-durch-Kälte auf Zeilen von so tiefer, einfacher Vollkommenheit, die zugleich Wahrheit war. Und Schmerz. Und das war nur in ihren Worten, sie waren wie jede tiefere Wahrheit noch gerade am Rand des Erträglichen. Wer solche Worte findet, darf seine Worttemperatur frei wählen.

Aber erst damals, im Gespräch mit ihr, wurde mit einem äußersten Lebensernst klar, dass die Wurzel ihrer Dichtung das Gegenteil von Idylle war, eine letzte Selbstbehauptung. Per Eheurkunde, durch den Mann, den sie liebte – ja, das auch – verschickt in ein fremdes Leben, verbannt in ein Frauenleben mit einem großen Hof, Kindern und Tieren. Das Traumbild der mehr oder weniger DDR- Traumatisierten – es hatte nie gestimmt. „Ich mach ein Lied aus Stille“ hieß ihr erster Gedichtband, da war sie schon über 40 Jahre alt. Und diese Stille hatte also nichts Trauliches, es war eher die Stille, die entsteht, wenn einem alle Stimmen zu verstummen drohen, zuerst die eigene. Binnen kurzer Zeit gab es 20 000 Vorbestellungen. Bis 1989 verkauften sich ihre Gedichtbände 700 000 Mal. Und der Erfolg blieb, ihre Leser blieben. Man liebt, in wem man sich erkennt.

Nach dem Tod Erwin Strittmatters und eines Sohnes die kurze Illusion, noch einmal ganz neu beginnen zu können, auch die Liebe. Aber: „Es ist nichts geschehn / Es wird nichts geschehn. / Wir dürfen nicht schreien, wir dürfen nicht weinen. / Wir fangen nur an, anders auszusehn.“ Und dann die letzte Prüfung: Fast ein Jahrzehnt so krank zu sein, dass es oft nicht zum Aufstehen reicht. Der Rücken dieser so standhaften Frau trug sie nicht mehr. Das Leben immer seltener, aber die Worte kamen noch zu ihr. Gedicht ist ein im Raum befestigter Klang, hat sie Irmtraud Gutschke gesagt in dem schönen Gesprächsbuch „Leib und Leben“.

Auf Erwin Strittmatters Grabstein in Schulzenhof stehen ihre Zeilen: „Löscht meine Worte aus und seht: der Nebel geht über die Wiesen …“. Gestern ist Eva Strittmatter mit 80 Jahren gestorben.

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