• Eva und Nana Poll im Gespräch: „Wenn Berlin Kulturhauptstadt bleiben will, muss es etwas tun“

Eva und Nana Poll im Gespräch : „Wenn Berlin Kulturhauptstadt bleiben will, muss es etwas tun“

Die Galerie Poll gibt es seit fast 50 Jahren, inzwischen ist sie ein Generationenprojekt: ein Gespräch zur Situation in Berlin.

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Pioniere Poll. In ihrer Galerie stellten seit der Gründung 1968 Maler wie Maxim Kantor, Peter Sorge oder Volker Stelzmann sowie viele Bildhauer aus.
Nana Poll und Eva Poll in der aktuellen Ausstellung "Einblick in die Sammlung"Foto: Mike Wolff
Zu den Personen

Nana Poll, geboren 1966 in Berlin, arbeitet seit Herbst 2012 in der Galerie ihrer Eltern. Vorher arbeitete sie im Pressebereich von Festspielen und Stiftungen.

Eva Poll, geboren 1938, gründete 1968 gemeinsam mit ihrem Mann die Galerie. Sie erhielt 2008 die Ehrenpräsidentschaft im Landesverband der Berliner Galerien.

Vor knapp 30 Jahren gründete Eva Poll gemeinsam mit ihrem Mann Lothar C. Poll die Galerie. Seitdem stellen hier Maler wie Maxim Kantor, Peter Sorge oder Volker Stelzmann sowie Bildhauer aus. Seit 2012 arbeitet auch Nana Poll in der Galerie ihrer Eltern.

Frau Poll, Ihre Tochter Nana Poll arbeitet seit 2012 mit in der Galerie, inzwischen leiten Sie die Geschäfte gemeinsam. Sicher sprechen Sie häufiger darüber, wie sich die Bedingungen Ihrer Arbeit verändert haben. War es früher einfacher, eine Galerie zu gründen und zu führen?

Eva Poll: Es war anders. Ich habe mit Künstlern meiner Generation begonnen und den Kreis jener, die von der Produzentengalerie Großgörschen kamen, schnell um westdeutsche und europäische Positionen erweitert. Nana schaut sich erneut in ihrer Generation um, ist aber mit den Künstlern der Galerie aufgewachsen und behält das Programm mit Schwerpunkt auf figurativer Kunst bei.

Dann hat Ihre Tochter, im Unterschied zu damals, einen Stamm etablierter Künstler, auf die sie auch finanziell bauen kann.

Eva Poll: Die Künstler, die wir vertreten, waren immer schwer zu vermitteln, weil sie schwierige Themen behandeln. Vor ein paar Jahrzehnten wurde ihre Kunst auch institutionell gesammelt, von der Berlinischen Galerie und teils von der Nationalgalerie. Inzwischen herrscht dort kaum noch Interesse.

Das klingt, als hätten die Museen im Unterschied zur Gegenwart einen Etat für solche Ankäufe gehabt.
Eva Poll: Damals gab es die Mittel in den Museen. Firmen und Banken bauten ihre Sammlungen auf, sie alle garantierten den Galerien ihre Existenz. Außerdem hatte Berlin viele private Sammler.

Nana Poll, wenn Sie das hören, wie denken Sie über die heutige Situation der Galerien?
Nana Poll: Was für wunderbare Zeiten waren das damals. Ich habe als Kind erlebt, wie die Direktoren der Museen hier ein- und ausgingen. Wenn es finanziell schwierig wurde, hat man halt einen Künstlerkatalog weniger gemacht.

Eva Poll: Bis zur Wende war Berlin das „Schaufenster des Westens“ für den Osten Europas. Es war viel Geld in der Stadt, und es wurde auch ausgegeben.

Glauben Sie, dass solche Erinnerungen nachwirken? Vor allem Außenstehende scheinen oft zu denken: Man eröffnet eine Galerie, und schon spaziert das Geld zur Tür herein.
Nana Poll: Es kann sein, dass dieser Irrglaube in manchen Köpfen festsitzt. Hinzu kommen aber auch die Schlagzeilen von Rekordergebnissen in Auktionen oder beim Betrug mit Provisionen oder Kunstfälschungen. Solche Ereignisse verzerren das Bild.

Vielleicht ist das der Lauf der Dinge. Der Markt entscheidet auch in anderen Branchen über den Erfolg, und wer nicht genug verkauft, der muss sich Nischen suchen oder aufgeben.
Nana Poll: Ich sehe aber eine andere gesellschaftliche Notwendigkeit. Galerien haben für mich auch einen Bildungs- und Kulturauftrag. Ein Galerist ist ja nicht nur damit beschäftigt, mehr oder minder erfolgreich mit Kunst zu handeln. Er entdeckt und fördert junge Künstler, veranstaltet Ausstellungen und investiert in Positionen, weil er an den Künstler glaubt. Erst dann kommen erste Institutionen oder private Sammler, die sich für die Arbeiten interessieren und etwas kaufen. Eine Garantie gibt es aber nicht.

Wenn ich auf die aktuellen Preise für Kunst schaue, dürften sich solche Investitionen schnell ausgleichen.
Nana Poll: Die Preise entzaubern sich, sobald ich Ihnen ein Rechenbeispiel gebe. Das Werk eines etablierteren Künstlers kann zum Beispiel 20 000 Euro kosten. Das klingt nach hohen Einnahmen, aber in dem Betrag sind 19 Prozent Mehrwertsteuer enthalten, die der Galerist an das Finanzamt abführen muss. Die Erhöhung betrifft nur „Wiederverkäufer“, nicht die Künstler, die weiterhin sieben Prozent bezahlen – da wird zusätzlich ein Keil zwischen uns und die Künstler getrieben. Der Künstler bekommt in der Regel fünfzig Prozent vom Verkaufspreis, der Galerist zahlt auf diesen Anteil noch etwas über fünf Prozent für die Künstlersozialversicherung. Die Kosten für die Miete der Räume, für Transport, Versicherung, Personal und die Teilnahme an Messen laufen kontinuierlich weiter. Ganz gleich, ob Sie den Umsatz einmal pro Woche oder monatlich oder gar nicht machen.

Weshalb sind Sie dann in die Galerie Ihrer Familie eingestiegen?
Nana Poll: Was mich trotz aller Schwierigkeiten dazu bewogen hat, ist die Galerie selbst. In zwei Jahren feiern wir 50-jähriges Jubiläum, und Poll steht eben auch für ein bestimmtes Programm. Im Bestand der Galerie habe ich viele Arbeiten aus den sechziger und siebziger Jahren entdeckt, die ich gerade jetzt wieder spannend finde. Hier sind unsere Chancen und Anknüpfungspunkte, denn auch die Museen blicken gerade wieder verstärkt auf diese Zeit.

Wie machen Sie auf sich aufmerksam?
Nana Poll: Wir waren gerade auf der Kunstmesse Context in New York vertreten. Wenn die Besucher dort das Wort „Berlin“ hören, liegen sie einem zu Füßen. Die Stadt hat weltweit einen Ruf.

Das ist ein gutes Stichwort. Nana Poll, Sie engagieren sich auch im Vorstand des Landesverbandes der Berliner Galerien. Seit Kurzem wissen Sie, dass das Messeförderprogramm für Galerien gestrichen wird.
Nana Poll: Der Landesverband hatte 2007 ein Förderprogramm ins Leben gerufen und den Wirtschaftssenat davon überzeugt, dass man mittelständische Galerien dabei unterstützen muss, auf internationale Messen zu gehen. Die Mittel stammten aus dem Topf der Kreativwirtschaft. Wir haben in zehn Jahren als „Art from Berlin“-Projekt 20 Präsentationen an Messeplätzen wie Seoul, Miami oder New York realisiert und immer eine Berliner Kunstinstitution vorgestellt. Am Anfang wurden die hohen Kosten für die Präsentation zur Hälfte übernommen. Dann hat man die Förderung reduziert und ab 2017 ohne Rücksprache eingestellt. Wir haben das Gespräch gesucht und werden weiter insistieren.

Wenn es die Galerie Ihrer Eltern nicht gäbe, würden Sie selbst eine eröffnen?
Nana Poll: Mir wäre das Risiko zu hoch. Aber es gibt viele Kunstbegeisterte, die es versuchen.

Eva Poll: Wenn Berlin den Nimbus als Kulturstadt behalten will, muss es etwas tun. Sonst ist bald Schluss mit den vielen Ausstellungen zeitgenössischer Künstler, die man bei freiem Eintritt besuchen kann. Es gibt nicht genug Galerien, die sich und ihre Künstler durch Verkäufe tragen können. Das wirkt sich letztlich auf die gesamte Kunstszene aus. Ich würde mir als Erstes wünschen, dass wieder ein Ankaufsetat für Museen eingerichtet wird.

Nana Poll: Der Landesverband Berliner Galerien hat ein Positionspapier geschrieben, in dem alle genannten Punkte zur Sprache kommen. Nach den Wahlen gehen wir damit auf die Politik zu. Berlin ist weiter attraktiv als Standort, aber es gibt zahlreiche Gefährdungspunkte.

Interview: Christiane Meixner

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