Evaluierung : Schluss mit der Kleingeisterei

Der Wissenschaftsrat kritisiert die Klassik Stiftung Weimar und das Marbacher Literaturarchiv. Beide Institutionen sind Einrichtungen von nationalem Rang, Bewahrer und Mehrer des deutschen Kulturerbes.

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Bald im Verbund? Der Rat bringt die Idee ins Spiel, das Literaturarchiv Marbach (Foto) mit der Weimarer Stiftung und der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel zu vereinen. Foto: p-a/dpa
Bald im Verbund? Der Rat bringt die Idee ins Spiel, das Literaturarchiv Marbach (Foto) mit der Weimarer Stiftung und der Herzog...Foto: picture alliance / dpa

Kaum lag die Evaluierung der Klassik Stiftung Weimar durch den Wissenschaftsrat am letzten Freitag vor, da hatte StiftungsChef Helmut Seemann das 92-Seiten-Papier bereits als „großartige Ermutigung“ gelobt. Der Rat fordere, „den begonnenen Weg entschlossen fortzusetzen“, frohlockte der Präsident. Auch Ulrich Raulff, der Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach, rühmte die „außerordentlich positive Bewertung“.

Alles bestens also? Der Wissenschaftsrat ist eine höfliche Einrichtung. Seit 1957 berät er Bund und Länder bei der Entwicklung der Hochschulen, der Wissenschaft und der Forschung. Unter dem Vorsitz von Wolfgang Marquardt unterhält der Rat derzeit rund 30 Arbeitsgruppen und fünf Ausschüsse.

Zum zweiten Mal stand die Beurteilung der Institutionen in Weimar und Marbach am Neckar an. Unter dem Dach der Klassik Stiftung sind Archive und Museen vereint, dazu 21 Schlösser und sechs Parkanlagen, ein ganzer „Kosmos Weimar“. Das Deutsche Literaturarchiv Marbach spannt mit dem Schiller-Nationalmuseum und dem Literaturarchiv und -museum „nur“ zwei Häuser zusammen.

Die Evaluierung nun birgt Sprengstoff in Seidenpapier. Über die Weimarer Stiftung heißt es, „angesichts ihrer schwierigen Rahmenbedingungen“ sei es teilweise nachvollziehbar, dass „wichtige Empfehlungen noch nicht umgesetzt wurden“. Es fehle ein Gesamtkonzept, das die „Forschungs-, Bildungs-, Sammlungs- und Öffentlichkeitsarbeit integriert“. Es müsse unverzüglich entworfen und mit dem vorhandenen „Masterplan“ der Stiftung harmonisiert werden. Ein Plan, so der Rat, der um eine „tiefer gehende Reflexion der Ausstellungsziele ergänzt“ werden müsse.

Bei Marbach nimmt der Wissenschaftsrat nicht die als vorzüglich bewertete, aktuelle Leistung ins Visier, sondern die Tradition. Noch immer wird das Literaturarchiv zwar aus öffentlichen Mitteln finanziert, aber von einem privaten Verein getragen, der Deutschen Schiller-Gesellschaft. Ihr fährt der Rat gehörig an den Karren. Sie solle sich auf die bloße Aufsicht beschränken, während für die Forschungsarbeit ein unabhängiger wissenschaftlicher Beirat zu schaffen wäre. Sollten sich diese Mindestvoraussetzungen „nicht innerhalb der Vereinsstruktur verwirklichen lassen, sind Bund und Land als Hauptzuwendungsgeber aufgerufen, eine eigenständige Trägerorganisation für das DLA zu schaffen“.

Für beide Institutionen ist es bereits die zweite Durchleuchtung nach einem ersten Durchgang – 2004 für Weimar und 2007 für Marbach. Die schnelle Folge-Evaluierung macht deutlich, dass es den Zuwendungsgebern nicht ums Weiter-So zu tun ist, sondern um eine effiziente Ausrichtung der Institutionen. Das Signal stellt auch die Bedeutung klar: Beide Institutionen sind Einrichtungen von nationalem Rang, Bewahrer und Mehrer des deutschen Kulturerbes. Solche Aufgaben lassen sich nur in leistungsorientierten Strukturen erfüllen.

In der Kritik stehen damit auch die von der Politik geschaffenen Rahmenbedingungen für die Institutionen. Trauriges Beispiel ist das Hickhack um die Präsidentschaft der Weimarer Stiftung: Auf Druck des thüringischen Kulturministers Christoph Matschie (SPD) wurde Präsident Seemann aus dem Amt gedrängt, um hernach, als der Schaden der Ranküne offenbar wurde, erneut gewählt zu werden – ein beinahe verlorenes Jahr für die Stiftung, die enorme Aufgaben im Bereich der Sicherung und Bewahrung ihres materiellen Erbes zu bewältigen hat.

In Marbach sieht es deutlich besser aus, zumal es sich um eine kleinere Einrichtung handelt. Doch die altertümliche Trägerschaft ist dem Wissenschaftsrat ein Dorn im Auge. Sie entspreche nicht den Anforderungen, „die an eine wissenschaftliche Forschungs- und Infrastruktureinrichtung mit mehr als 100 Stellen und einem Gesamtbudget von 17 Millionen Euro zu stellen sind“. Die Forschungsleistungen seien einer „günstigen personellen Konstellation“ geschuldet.

Der Wissenschaftsrat mahnt nicht nur Verbesserungen innerhalb der Institutionen an. Er schlägt überdies vor, die Zusammenführung der Stiftung mit dem Literaturarchiv und der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel unter einem Dach, jedoch unter Wahrung der Eigenständigkeit zu prüfen. Die drei Einrichtungen seien „zentrale Orte für die Bewahrung, Pflege, Erschließung und Erforschung der deutschen literarischen und intellektuellen Tradition seit dem ausgehenden Mittelalter“. Das heißt eben auch: Die Aufgabe ist zu groß, um sie weiterhin der Kleingeisterei von Trägervereinen oder Länderministerien zu überlassen. Ein Verbund, bekräftigte gestern der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Wolfgang Marquardt, „würde national und international hohe Sichtbarkeit erzeugen und die Wissenschaftslandschaft enorm beleben“.

Im Hause des Kulturstaatsministers nimmt man die Empfehlungen zurückhaltend auf. „Sorgfältige Prüfung“ der Empfehlungen wird schmallippig zugesagt. Zwar hat Bernd Neumann in den vergangenen Jahren viel Geld aufgetan, um Marbach mit dem Neubau des Literaturmuseums der Moderne auszustatten und der Weimarer Stiftung eine großzügige Perspektive hinsichtlich der Bewahrung ihrer akut bedrohten Bestände wie auch notwendiger Baumaßnahmen zu geben. Doch der Wissenschaftsrat, der erkennbar die Forschung in den Mittelpunkt rückt und weniger den öffentlichen Auftritt in Museen und Ausstellungen, möchte einen Dreierverbund lieber beim Bundesbildungsministerium ansiedeln.

Darüber mag und muss gestritten werden. Jedenfalls fordert der Rat einen großen Schritt weg vom Reviergeist des Kulturföderalismus: Einrichtungen von nationaler Bedeutung, so die Quintessenz, gehören in Bundeszuständigkeit. Eine Erkenntnis, die das „Blaubuch“ zur Lage der kulturellen Leuchttürme in den neuen Bundesländern bereits 2001 formulierte. Dessen Verfasser war Paul Raabe, früher Direktor der Wolfenbütteler Bibliothek. Seinem Leitgedanken der nationalen Verantwortung für die Kultur ist der Wissenschaftsrat aus guten Gründen gefolgt.

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