Kultur : "Evas Cousine": Zwei Frauen - von der SS bewacht in den Alpen

Stefan Berkholz

"Kann ich das Buch als gültige Lebensdarstellung der Eva Braun lesen?", fragte eine junge Zuhörerin. Davor sei gewarnt, kam die Antwort vom Podium. Wer Eva Braun gewesen sei, könne man vermutlich gar nicht mehr sagen. Mätresse und späte Ehefrau Hitlers, so viel ist klar. Aber sonst? Zu unbekannt die Figur, zu farblos vielleicht auch, zu vage die Erinnerungen. Und Dokumente seien auch kaum aufzutreiben.

Man hat sich mit Vermutungen zu begnügen. Mit einem vorgestellten (fiktiven) Buch, das ein paar psychologische Studien enthält. Und mit den Erinnerungen der Gertraud Weisker, Eva Brauns leibhaftiger Cousine. Zur Premiere waren beide Damen, Zeitzeugin und Autorin, nach Berlin gekommen - der Vortragssaal im Dahlemer Harnack-Haus war gut gefüllt.

Gertraud Weisker wirkt mit ihren 77 Jahren munter, gibt sich verwundert über das öffentliche Interesse. Vor 56 Jahren lebte sie mehrere Monate lang mit ihrer Cousine zusammen, auf dem Obersalzberg, dem Führerhauptquartier in den Alpen. Sie war zu Gast dort, im Sommer und Winter 1944, sie sollte die einsame Eva ein wenig unterhalten - Hitler kümmerte sich in Ostpreußen um seine Welteroberungsfantasien.

Spät schrieb Gertraud Weisker ihre Erinnerungen auf. Und als sie dann von einer Autorin erfuhr, die Interesse am Leben der Eva Braun hatte, meldete sie sich kurzerhand bei ihr. Sibylle Knauss, Professorin für Text und Dramaturgie an der Filmakademie Baden-Württemberg, roch den Braten beziehungsweise den "tollen Stoff", griff zu - und schrieb einen Roman: "Evas Cousine" (Claassen Verlag, 39,90 DM).

Ja, ein Roman, selbstverständlich, "eine Sachbuch-Biografie hätte doch gar nichts hergegeben", sagt sie. Das, was Frau Weisker aufgeschrieben und erzählt habe, seien "alles Dinge, die wir wissen", erklärt sie hochmütig. Der Ort habe sie gefesselt - "das ruft Imagination auf den Plan."

Wer aber war nun diese Eva Braun? Was wissen wir von ihr? Aufgestiegen mit ihm. 1929: als 17-jährige Gehilfin beim Leibfotografen Hoffmann entdeckt vom aufstrebenden Führer. Untergegangen mit ihm, in den Trümmern Berlins. Und weiter? Wie war sie? Hübsch war sie, schön war sie, jung und sportlich. Mit einem kapitalen Modetick gesegnet - mehrmals am Tag habe sie sich umgezogen, immer nach dem letzten Schrei versteht sich. Sie blieb fixiert auf ihre Liebe zu Hitler. Und brachte es damit zur bewunderten und beneideten Konkurrentin für viele andere glühende Damen. Ewig beleidigt, heißt es im Buch, weil sie die missachtete und versteckte Mätresse blieb.

War das normal? War sie verrückt? "Man kann ja nicht normal sein, wenn man Hitler liebt", legt sich die 1944 geborene Professorin fest. Eine Verrückte, vielleicht, überlegt die Cousine. Sie habe "sich ihre eigene Welt gemacht", sagt Gertraud Weisker, habe sich ständig abgelenkt, sei zu keiner Konzentration fähig gewesen, schaltete einfach ab.

Und weil diese Szenerie auf der Alpenfestung so unanständig und frivol wirkt, hat die Autorin eine ordentliche Portion Schmus dazu gegeben. Erfundene Geschichten sollen die Welt ins menschliche Lot bringen, von einem geretteten ukrainischen Zwangsarbeiter auf dem Gipfel ist die schmalzige Rede, die Liebe zu einem SS-Obersturmbannführer kommt dazu, das ist sehr korrekt und frauenbewegt und erzieherisch über die Abgründe hinweg verkündet.

Im Ohr bleiben die Worte von Gertraud Weisker: "Wir waren einfach zwei junge Frauen, die, beschützt und bewacht von SS-Leuten, sich ihr Leben so schön wie möglich gemacht haben."

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