Kultur : Event ist, wenn alle gucken

Eine Berliner Diskussion über den Boom der Kunst-Biennalen

Ulrich Clewing

Als Viktor Misiano noch im Puschkin-Museum arbeitete, war Kunst, die nicht aus Russland kam, für ihn tabu. Dafür kümmert sich der designierte Leiter der neuen Moskau-Biennale jetzt umso engagierter um die Verbreitung der zeitgenössischen Kunst. Am Sonntagnachmittag redete sich Misiano bei der abschließenden Art-Forums-Diskussion zum Thema Biennalen so in Fahrt, dass er sich und das Publikum am Ende fragte, weshalb eine Biennale nicht auch jährlich stattfinden könne. Weil eine Biennale, die nicht alle zwei Jahre stattfindet, keine Biennale mehr ist, sondern eine Annuale – oder eine Triennale wie im Fall der Berlin-Biennale, die in Gestalt der künstlerischen Leiterin Ute Meta Bauer ebenfalls vertreten war.

Vielleicht ist es kleinkariert, Begrifflichkeiten zu kritisieren, wo die Probleme ganz andere sind. Wie zum Beispiel lässt sich angesichts der wachsenden Zahl von Biennalen verhindern, dass sich die Ausstellungen immer ähnlicher werden, da stets die gleichen Künstler herumgereicht werden? Oder: Wie kann man eine tendenziell sperrige Veranstaltung wie die Manifesta in die kleine Stadt San Sebastian integrieren, ohne den Eindruck zu erwecken, ein Ufo sei in der Provinz gelandet, nur um bald wieder abzuheben – zum nächsten Kunst-Event einer internationalen Gemeinde, die sich am liebsten mit sich selbst beschäftigt? Und: Wer bezahlt das alles?

Diese Fragen mussten am Sonntag leider weitgehend offen bleiben. Was Berlin betrifft, so ist die Situation sowieso nicht mit anderen Kunstfestivals zu vergleichen. Schließlich war die Berlin-Biennale ursprünglich – im Gegensatz zu anderen – eine private Initiative, und die folgt eigenen Gesetzmäßigkeiten. Obwohl das, was das Finanzielle anbelangt, schon nicht mehr stimmt. Der Etat der dritten Berlin-Biennale, die im kommenden Jahr in den Kunstwerken, dem Gropius-Bau und im Kino Arsenal zu sehen sein wird, ist mittlerweile auf 1,5 Millionen Euro gestiegen, wovon den größten Teil der Hauptstadtkulturfonds übernimmt. Private Sponsoren (vor allem die Allianz Kulturstiftung) steuern „nur“ noch ungefähr ein Viertel des Gesamtetats bei.

Trotzdem, sagt Ute Meta Bauer, sei das Geld knapp. Deshalb wolle man sich auf „das Kerngeschäft“, die Ausstellung, beschränken. Begleitprogramme, die Bauer als eine der Kuratorinnen der Documenta XI schätzen gelernt hat, wird es in Berlin kaum geben. Stattdessen möchte sie verstärkt auf eine ausgeklügelte Ausstellungsdramaturgie setzen und ältere, für Berlin wichtige Kunstwerke aus den Siebziger- und Achtzigerjahren mit neuen Arbeiten kombinieren. Schweren Herzens ganz verzichten muss die Biennale-Leiterin auf speziell für diesen Anlass gefertigte Auftragswerke. Und dies wiederum trifft die Künstler, denn für einen Auftrag gibt es Honorar, für eine Ausstellung dagegen nicht.

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