Kultur : Ewig lockt das Böse - am Hans-Otto-Theater Potsdam

Christoph Funke

Es gibt keinen Halt auf der Bühne von Sibylle Gädeke, jeder Ort, der dort flüchtig erzeugt wird, ist verflucht. Alexander Hawemann erzählt die Abenteuer einer lustvoll gewaltbereiten Jugendbande nach dem Roman von Anthony Burgess als eine schwarze, geisterhafte Komödie, als einen Alptraum, aus dem es kein Erwachen gibt. Brutalität hat das Außergewöhnliche verloren, zeigt sich als das unbeeinflussbar und böse Gegebene. Der Regisseur setzt auf Steigerungen, erzeugt durch kabarettistische und parodistische Effekte pausenlose Hektik. Das Spiel fügt sich fast bis zur Selbstaufgabe in den Soundtrack. Über die Musik will Hawemann, wie er in einem Interview sagte, die "Gewalt erzählen" und den permanenten Kriegszustand schaffen, der im Stück herrscht. Die Musiker der Band Subway to Sally unter Leitung ihres Komponisten Michael Boden arbeiten an einem Hintergrund, der den Höllenraum akustisch hochpuscht.

Aber der Roman "Clockwork Orange" Anthony Burgess ist auch ein bedeutendes geschichtsphilosophisches Werk, in dem die Auseinandersetzung mit den Prinzipien von Gut und Böse im Mittelpunkt steht. Der Autor ringt um die Willensfreiheit des Menschen, um seine Wahlmöglichkeit: "Die Freiheit des Menschen beginnt erst lebendig zu werden, wenn er die Natur dieses Geschenkes versteht." In der Bühnenfassung des Hans-Otto-Theaters Potsdam (deshalb offensichtlich der Zusatz "2004") ist die gedankliche Ebene weitgehend reduziert.

Es bleibt die Geschichte der "Droogs", deren Anführer Alex nach brutalen Verbrechen ins Gefängnis kommt und dort auf noch brutalere Weise beruhigt, konditioniert wird. Der so in künstliches Wohlverhalten Versetzte ist, wieder in Freiheit, nun der Gewalt seiner vormaligen Opfer ausgesetzt und versucht, sein Leben wegzuwerfen. Der Schluss des Romans - Alex ist jeglichen Zwanges enthoben und reformiert sich aus Einsicht - bleibt auf der Bühne außer Betracht.

Der philosophische Ausgleich hätte Alexander Hawemann auch nicht interessiert. Für ihn ist die Alex-Welt, unsere Welt, unheilbar verkommen, ob bei den prügelnden, vergewaltigenden Jungen, ob bei ihren überdrehten, verblödeten, emotional leeren Opfern oder bei dümmlich posierenden Politikern, Wissenschaftlern, Medizinern. Arm oder reich, es spielt keine Rolle, es ist alles eins. Die Potsdamer Aufführung lässt Ernst, Besinnlichkeit bewusst nicht zu, sie dreht an der Spirale der Verkleidungen, der Tollheiten, der Exaltationen bis zur zunehmenden Ermüdung. Wo alles übertrieben ist, wird nichts mehr als wichtig, als aufregend wahrgenommen. Dabei leisten die Schauspieler Beachtenswertes. Jörg Seyer findet sich in die erregte Nervosität des Alex überzeugend hinein, in der schlaffen Hilflosigkeit des wieder Kindlichen mit der Orange in der Hand gelingen ihm einige berührende Momente. Das Ensemble bewährt sich in dieser Eintönigkeit durch eine bemerkenswerte Verwandlungsfähigkeit.Weitere Vorstellungen am 26. Februar und am 6. und 15. März, jeweils 19.30 Uhr.

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