Kultur : Ewigkeit des Augenblicks

Reportage-Pionier und Mode-Revolutionär: Eine Retrospektive feiert den Fotografen Martin Munkácsi

Christian Schröder

Das Berlin der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre: eine Hauptstadt der Luftsprünge. Der Hochseilartist Colleano schlägt einen Salto. Wirbelnd dreht sich sein Körper um die eigene Achse, sein Schatten tanzt im weißen Scheinwerferkegel. Eine Gruppe von Ballettschülerinnen übt, die Arme flügelartig ausgebreitet, Synchronfiguren. Titel des Bildes: „Zehn Tänzerinnen, schwebend.“ Die Operetten-Soubrette Rosi Barsony posiert hüpfend in grotesken Verrenkungen: Kussmund,Clowns-Gesicht, Chaplin-Parodie. Und eine elegante Dame mit Pelzkragen, Handtasche und Regenschirm setzt in Stechschritt-Haltung über eine Regenpfütze.

In den Fotos von Martin Munkácsi scheinen die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft gesetzt zu sein. Sie feiern das Tempo, die Großstadt und die Bewegung, die Menschen können auf ihnen – und sei es auch nur für den Bruchteil einer Sekunde – tatsächlich fliegen. Angefangen hatte Munkácsi als Sportreporter, er fotografierte Fußballspiele – „Der Torwart faustet geistesgegenwärtig den Ball vom Tore fort“ – Ruderwettbewerbe, Degenkämpfe und setzte sich auf Motorräder, in Rennautos oder Flugzeuge, um Bilder aus den waghalsigsten Positionen – „Mit hundert Kilometer“, „Zwei Flugzeuge begegnen sich“ – aufnehmen zu können. „Think while you shoot“ lautete sein Credo. Denken, während man schießt: Ein guter Fotograf muss nicht nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, er muss auch voraussehen können, was geschehen wird. Die 350 Bilder von Munkácsi, größtenteils Vintage Prints, die eine vom Hamburger Fotografen, Sammler und Museumsgründer F.C. Gundlach zusammengestellte Retrospektive im Martin-Gropius-Bau präsentiert, sind noch immer atemberaubend. In ihnen ist die Euphorie eines ganzen Zeitalters aufgehoben.

Martin Munkácsi galt lange als ein Photographer’s Photograph , als Fotograf, der zwar noch von seinen Kollegen bewundert wurde, aber von der Öffentlichkeit längst vergessen worden war. Im amerikanischen Exil war er Anfang der vierziger Jahre mit einem Jahreseinkommen von 100 000 Dollar zum bestbezahlten Fotografen der Welt aufgestiegen. Doch nach dem Krieg kam sein eleganter Stil aus der Mode. Er starb 1963 verarmt in New York, sein Nachlass wurde in alle Winde verstreut. Helmut Newton, der mit seinen Bildern in der „Berliner Illustrirten Zeitung“ aufgewachsen war, verehrte ihn genauso wie Henri Cartier-Bresson, der behauptete, von Munkácsi überhaupt erst zum Fotografen gemacht worden zu sein.

Als er sein Bild „Jungen laufen in die Brandung des Tanganyika-Sees“ sah, die Rückenansicht dreier afrikanischer Jugendlicher, die ausgelassen ins Wasser springen, sei ihm klar geworden, „dass die Fotografie in einem Moment die Ewigkeit entdecken kann“. Und Richard Avedon setzte Munkácsi ein Denkmal, indem er sein Foto von der Berliner „Pfützenspringerin“ mit einem Model in Paris nachstellte. „Er war der Erste“, sagte Avedon über den Modefotografen Munkácsi. „Er brachte ein Gefühl von Glück und Ehrlichkeit und die Liebe zu den Frauen in etwas, das vor ihm eine triste, lieblose, lügende Kunst gewesen war.“

Modefotografie, damit begann für Martin Munkácsi seine zweite Karriere, nachdem er 1934 in die USA emigriert war. In Europa hatten den 1896 im ungarischen Klausenburg geborenen Sohn aus jüdischer Familie klassische Reportagen berühmt gemacht. Die frühesten Bilder der Ausstellung, ursprünglich in Budapester Zeitungen und Magazinen veröffentlicht sind Sportaufnahmen, Prominenten-Porträts und Straßenszenen. Kinder tanzen auf einem Hinterhof zur Musik eines Grammofons Ringelreihen. Plakatkleber, Lastenträger mit riesigen Fässern auf dem Rücken, ein Gemüsemarkt. Ein Ausrufer mit Trommel verliest Nachrichten.

Im Sommer 1928 zieht Munkácsi von Budapest nach Berlin und bekommt sofort einen Vertrag beim Ullstein-Verlag, für dessen Blätter „Berliner Illustrirte Zeitung“ (BIZ) und „Die Dame“ er schon in Ungarn gearbeitet hat. Reportageaufträge führen ihn durch die deutsche Provinz. Im bayerischen Schleißheim fotografiert er die Fliegerschule der Lufthansa, in Offenbach lichtet er die frisch gekürte Fecht-Olympiasiegerin Helene Mayer beim Training, im Haus ihrer Eltern und auf der Schulbank ab. In Bad Kissingen, wo er ein Kinderheim besucht, gelingt Munkácsi mit einer Aufnahme eines Wasserballspiels ein Geniestreich. Streng zentralperspektivisch organisiert zeigt der Schnappschuss Dutzende von Kinderarmen, die sich nach dem Ball recken. Unter dem Titel „Ferienfreude“ avanciert das Foto zu einem der bekanntesten Titelmotiven der BIZ.

Die Zeiten sind hart, aber die Bilder von Munkácsi verströmen eine unwiderstehliche Leichtigkeit. Sein Optimismus passt zur Philosophie des Verlegers Hermann Ullstein, der Fotos, die er als „zu morbid“ empfindet, aus seinen Zeitschriften verbannt und hinzufügt: „Entspricht nicht unserer Linie. Durch froheres Bild ersetzen.“ Mit besonderer Hingabe widmet sich Munkácsi den Sommerfreuden, ein ganzer Raum der Ausstellung versammelt hinreißende Strand- und Wannseeszenen. Junge Bubikopf-Damen dämmern in der Sonne, auch die Männer plantschen noch in Badeanzügen, der „süße Heinrich“ verkauft Leckereien. Die Titel dieser Dokumente der Weimarer Spaßgesellschaft klingen geradezu programmatisch: „Heiße Tage“, „Die Woge“, „Der schöne Herbst – Die letzten warmen Sonnenstrahlen“.

„Mein Trick besteht darin, keinen zu haben“, schreibt Munkácsi in dieser Zeit in einem Zeitungstext. „Ich wollte nicht als ,hervorragender Landschaftsfotograf‘ oder als ,hervorragender Portraitist‘ gelten, ich begnügte mich mit dem Ruf eines ,guten Fotografen‘.“ Ein Presse-Fotograf brauche neben „den Kenntnissen des Allround-Sportmanns, der läuft, springt, klettert“ auch „den Takt und die Klugheit eines Diplomaten, der es versteht, heikle Themen zu behandeln“. Beides besitzt Munkácsi im Übermaß. 1931 zählt ihn die Londoner Zeitschrift „Modern Photography“ zu den hundert besten Fotografen der Welt.

Zu den letzten Aufnahmen, die Martin Munkácsi vor seiner Emigration in der BIZ veröffentlicht, gehört ausgerechnet eine Serie über den „Tag von Potsdam“, Hitlers Treffen mit Hindenburg vor preußischer Kulisse im März 1933. Reichswehr-Soldaten marschieren vorbei, SA-Männer tragen Hakenkreuzfahnen, der „Führer“ erscheint in Frack und Zylinder. Ein Jahr später schifft sich der Fotograf nach New York ein, heuert bei der Zeitschrift „Harper’s Bazaar“ an und errichtet ein dreistöckiges Studio auf dem Flachdach eines Wolkenkratzers. Er geht mit seinen Models hinaus in die wirkliche Welt und macht damit Furore. Munkácsi fotografiert „Beach Girls“, die in Badeanzügen über den Strand sprinten. Mode in Bewegung, das hatte es – unvorstellbar eigentlich – bis dahin in der Fotografie noch nicht gegeben.

Martin-Gropius-Bau, bis 6. November, Mi-Mo 10–20 Uhr, zusätzlich bis 4. September Do–Sa 10–21 Uhr. Der im Göttinger Steidl-Verlag erschienene Katalog (416 S.) kostet 48 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar