"Ex Machina" von Alex Garland im Kino : Adam und Ava

"Blade Runner", "2001", "Her": Das Motiv der künstlichen Intelligenz ist ein beliebtes im Kino. Alex Garland erzählt es in seinem faszinierenden Regiedebüt "Ex Machina" als beunruhigende Vision von einer Roboterin, die denken und fühlen kann.

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Ich ist eine andere. Das Retortengeschöpf Ava (Alicia Vikander) stellt sich sehr menschliche Fragen.
Ich ist eine andere. Das Retortengeschöpf Ava (Alicia Vikander) stellt sich sehr menschliche Fragen.Foto: Universal

Die erste Täuschung ist ziemlich offensichtlich. Denn wenn Nathan (Oscar Isaac), das öffentlichkeitsscheue Gründergenie der weltgrößten Internet-Suchmaschine „BlueBook“, unter seinen Angestellten eine gemeinsame Woche mit sich verlost, dann ist davon auszugehen, dass er dies nicht ohne Hintergedanken tut. Der Gewinner Caleb (Domhnall Gleeson) ist trotzdem überrascht, als er nach langer Hubschrauberanreise erfährt, dass ihn im Einsiedlerrefugium seines exzentrischen Chefs kein Urlaub erwartet, sondern eine bedeutende Mission. Nathan hat einen Roboter entwickelt, und Caleb soll in mehreren Gesprächssitzungen zu einer Einschätzung gelangen, ob der Roboter über ein Bewusstsein verfügt – er soll also beurteilen, wie perfekt diese zweite Täuschung ist. Dass er als Spezialist für künstliche Intelligenz nicht zufällig für diese Aufgabe ausgewählt wurde, geht ihm jedenfalls bald auf.

Der Roboter, den Nathan konstruiert hat, trägt die ebenmäßigen Züge einer wunderschönen jungen Frau (Alicia Vikander) und heißt Ava. Eine Männerfantasie für den Zuschauer, natürlich, aber genau das Ergebnis einer schillernd nerdigen Männerfantasie ist sie ja auch. Als Prototyp in der Testphase ist sie in ein mit Kameras überwachtes Zimmer eingesperrt, Caleb unterhält sich mit ihr durch eine gepanzerte Glasscheibe. Ihre künstliche Intelligenz ist verblüffend, sie reagiert angemessen auf Fragen, stellt sinnvolle Gegenfragen und reflektiert glaubhaft ihre Situation.

Wer täuscht und mit welchem Ziel?

Als aber plötzlich der Strom ausfällt und damit auch die Kameras, mit denen Nathan die Sitzungen überwacht, ihren Dienst quittieren, warnt Ava Caleb, er könne Nathan nicht trauen. Eine dritte Täuschung also, aber wer täuscht hier, und mit welchem Ziel? Ist es nur ein Trick, mit dem Nathan Calebs Loyalität testen will? Verfolgt Nathan womöglich eine ganz andere Absicht? Oder ist es Ava, die ein doppeltes Spiel spielt?

Vom bösartigen Bordcomputer HAL in „2001“ über die Replikanten in „Blade Runner“ bis zum liebesfähigen Betriebssystem Samantha in „Her“ – das dramaturgische Leitmotiv, dass Computer und Roboter durch ihre künstliche Intelligenz eigene Ziele entwickeln und verfolgen, die nicht denen ihrer Konstrukteure entsprechen, ist der Stoff vieler großer ScienceFiction-Filme. Der britische Schriftsteller Alex Garland, der als Drehbuchautor von „Sunshine“ und „Alles, was wir geben mussten“ (nach dem kühl in naher Zukunft siedelnden Roman von Kazuo Ishiguro) bereits seine Vorliebe für Science Fiction unter Beweis gestellt hat, verdichtet dieses Motiv in seinem Regiedebüt nun zu einer kammerspielhaften Versuchsanordnung.

Immer deutlicher treten in Calebs Sitzungen mit Ava und den Gesprächen mit Nathan die zentralen Fragen zutage. Worin unterscheidet sich ein Roboter, der fühlen und denken kann, von einem Menschen? Was ist der Unterschied zwischen einprogrammierten Erinnerungen und solchen, die auf erlebten Erfahrungen basieren? Wie geht eine empfindungsfähige Maschine mit dem Bewusstsein um, dass ihr Schöpfer ihr jederzeit den Stecker ziehen kann? Und wie geht wiederum ihr Schöpfer damit um, dass die Maschine dieses Bewusstsein hat?

Beunruhigende Vision über künstliche Intelligenz

Überraschenderweise ist nicht Ava, sondern Nathan die faszinierendste Figur des Films. Denkbar weit entfernt vom Stereotyp des verrückten Wissenschaftlers ist er ein undurchsichtiger, widersprüchlicher Charakter, der die Vorgänge in seinem Laboratorium geradezu wahnhaft mit einem ausgefeilten Kamera- und Keycard-System überwacht, seinen Kontrollwahn aber durch allabendliche Alkoholexzesse untergräbt – wobei bis zuletzt offen bleibt, wie viel von seinem Handeln planvoll ist.

Mit 13 hatte er als eine Art Mozart des Quelltexts den Programmcode für seine Suchmaschine geschrieben, aus deren Daten er nun Avas Bewusstsein speist. „Meine Vorgänger haben die Technologie genutzt, um herauszufinden, was die Menschen denken. Ich nutze sie, um herauszufinden, wie sie denken“, klärt er Caleb auf. Wie die meisten Geschichten über künstliche Intelligenz ist auch diese eine beunruhigende Vision. Als Verwendungszweck der alltäglichen Datenmassen ist Ava aber ein erfreulich konstruktives Ergebnis.

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